Studie: Elektroautos und Innovationen gewinnen rasant an Fahrt

Studie: Elektroautos und Innovationen gewinnen rasant an Fahrt

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Die Welt steht an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter elektrifizierter Mobilität. Die Einführung von Elektroautos gewinnt immer mehr an Schwung, beschleunigt durch immer anspruchsvollere Ziele zur Vermeidung von CO2 seitens der Regulierungsbehören – was neue Herausforderungen für Autohersteller und Zulieferer mit sich bringt und kreative Lösungen erfordert. Vor allem für jene Unternehmen, die bei der Elektrifizierung ihrer Produkte bislang zu zögerlich vorgegangen sind.

Einer aktuellen Prognose der Boston Consulting Group zufolge werden rein batteriebetriebene Fahrzeuge (BEV) bereits im Jahr 2028 weltweit der beliebteste PKW-Typ sein – drei Jahre früher als noch im vergangenen Bericht aus dem Jahr 2021 prognostiziert. Darüber hinaus gehen die Studienautor:innen – Nathan Niese, Aakash Arora, Elizabeth Dreyer, Aykan Gökbulut und Alex Xie – davon aus, dass der weltweite BEV-Umsatz bis zur Wende des Jahrzehnts alle Arten von Hybridfahrzeugen zusammen übersteigen und die von Verbrennungsmotoren (ICE) deutlich überwiegen wird. Diese überarbeitete Modellierung wecke „auch größere Hoffnung für die Gesundheit des Planeten“, so die Studienautor:innen.

Die Ankündigung der Europäischen Union, den Verkauf neuer Verbrenner ab 2035 komplett zu verbieten, bezeichnet die BCG-Studie als einen Wendepunkt für die globale Automobilindustrie. Die stetig steigende Verbrauchernachfrage nach E-Autos allerdings bringe für die Autoindustrie neue Herausforderungen mit sich oder verschärfe alte. Insbesondere die Akteure der Batterielieferkette und Anbieter von Ladeinfrastrukturen stehen unter Zugzwang, mit der Nachfrage Schritt zu halten.

Im vergangenen Jahr legte die weltweite Produktion von Elektro-PKW einschließlich Plug-in-Hybriden und Hybriden ohne Stecker deutlich zu: von 12 Prozent in 2020 auf bereits 20 Prozent in 2021. Im Gegensatz dazu sank der Anteil von Benzin- und Dieselautos um 9 Prozentpunkte. Die Verkäufe von reinen E-Autos und Plug-in-Hybriden (PHEV) waren besonders stark, verdoppelten sich in den USA und verdreifachten sich in China. Fast alle Autohersteller haben angesichts dieser Entwicklung bereits umgeschwenkt und den Schwerpunkt ihrer Entwicklungsprogramme und -investitionen auf vollelektrische Fahrzeuge verlagert. Allein Toyota und Volkswagen, die beiden größten Automobilhersteller weltweit, haben bis 2030 insgesamt 250 Milliarden Dollar (etwa 239 Milliarden Euro) für Elektro- und Batterieprogramme angekündigt.

Eine Branche im Wandel

Die Zukunft der Automobilindustrie ist elektrisch, daran gibt es keine Zweifel mehr. Die BCG geht davon aus, dass sich die Marktdominanz von reinen Elektroautos erheblich beschleunigen und viel schneller passieren wird, als in der vorherigen Prognose erwartet. Laut der neuen Studie sollen BEV im Jahr 2025 bereits 20 Prozent der weltweiten PKW-Neuzulassungen und 2035 59 Prozent ausmachen. Im Vergleich dazu hatte die BCG im letztjährigen Bericht einen BEV-Marktanteil von 11 Prozent im Jahr 2025 und 45 Prozent im Jahr 2035 prognostiziert.

Die Studienautor:innen erwarten, dass die Einführung von BEV in verschiedenen Regionen der Welt mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten voranschreitet. Die strengere Haltung der Europäischen Union zu Umweltvorschriften etwa werde dazu führen, dass die Region in Sachen E-Autos weltweit führend werde und BEV bis 2035 mehr als 90 Prozent der PKW-Verkäufe ausmachen. Deutschland soll demnach einen weltweiten Vorreiter bei der Elektromobilität darstellen: 2025 dürften hierzulande schon fast 40 Prozent der verkauften Autos rein batteriebetrieben sein, 2030 bereits gut zwei Drittel. Zum Vergleich: Für 2030 rechnet BCG für die gesamte EU mit einem BEV-Anteil von 60 Prozent, in China von 52 Prozent, in den USA von 47 Prozent.

Elektroauto-Zulassungen-Weltweit-Prognose
BCG

Gleichzeitig führt die Umstellung auf Elektroautos dazu, dass etablierte Automobilhersteller nicht nur den Übergang von Verbrennern zu rein elektrischen Antrieben, sondern auch ihre gesamten Geschäftsmodelle überdenken. Zum Beispiel wollen immer mehr Hersteller den Zugang zu Batteriezellen verbessern, sich Rechte an Batterietechnologien der nächsten Generation sichern und die Leistung sowie Effizienz von Elektromotoren vorantreiben. Und indem sie – Stichwort V2G und bidirektionales Laden – Elektroautos als Energiespeicher auf Rädern präsentieren, schaffen sie völlig neue Möglichkeiten für die Sektorkopplung, um die Stromnetze nachhaltiger zu gestalten und E-Auto-Besitzer:innen innovative Einnahmequellen zu erschließen. Darüber hinaus spornen immer strengere Anforderungen an das Recycling von Komponenten aus Altfahrzeugen die Autohersteller an, neue Strategien zu verfolgen, die sich auf die Kreislaufwirtschaft konzentrieren, welche z.B. die Wiederaufarbeitung von gebrauchten Batterien beinhaltet.

Autohersteller führen im Zuge der Antriebswende auch vereinfachte und skalierbare Elektroauto-Architekturen und einen softwaregesteuerteren Ansatz ein, um Kosten zu senken, neue Einnahmequellen zu erschließen und niedrigere Margen beim Verkauf von Elektroautos ausgleichen zu können.

Risiken bei der Einführung von Elektroautos

Während der Übergang zu elektrifizierter Mobilität schnell an Dynamik gewinnt, haben die Studienautor:innen zwei kurzfristige Versorgungsrisiken identifiziert, die einerseits die Geschwindigkeit des Wandels bremsen oder andererseits auch mehr Innovation fördern könnten, sofern die Akteure versuchen, diese Hindernisse schnell zu überwinden.

Erstens ist im letzten halben Jahr ein Versorgungsengpass bei wichtigen Rohstoffen aufgetreten, die für die Herstellung von E-Auto-Batterien benötigt werden, allen voran Lithium und Nickel. Zweitens könnte eine unzureichende Ladeinfrastruktur in den nächsten Jahren dazu führen, dass die Einführung von Elektroautos in führenden Märkten wie den USA ausgebremst wird. Den Marktaussichten für globale BEV- und PHEV-Verkäufe zufolge müssen die in diesen Bereichen tätigen Akteure ihre Bemühungen deutlich beschleunigen, um mit der zukünftigen E-Auto Nachfrage Schritt halten zu können.

Bei Lithium wird erwartet, dass die Nachfrage bis 2030 pro Jahr um mehr als 25 Prozent steigen wird. Aber Einschränkungen in der Lieferkette nach der Pandemie, steigende Energiekosten und das beschleunigte E-Auto-Wachstum haben den Preis der Lithiumverbindungen, die für die Batterieproduktion benötigt werden, bereits erhöht – und sollen die durchschnittlichen Batteriekosten nach Jahren stetiger Rückgänge wieder nach oben treiben. Unterdessen haben der Krieg gegen die Ukraine und die damit zusammenhängenden Wirtschaftssanktionen die Nickelpreise erhöht.

Die Schließung von Angebotslücken dieser Metalle und die Eindämmung von Preiserhöhungen wird davon abhängen, dass die Produzenten neue Produktionsstätten und -methoden erschließen und entwickeln, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Dies wird jedoch aufgrund der langen Vorlaufzeiten, die für die Einrichtung neuer Produktionsprojekte erforderlich sind, nicht einfach sein. Solange die Versorgungslücken bestehen, könnten sie auch den Aufbau zusätzlicher Batterieproduktionskapazität behindern, Bemühungen zur Verbesserung der Batteriereichweite und Lebensdauer von Technologien beeinflussen und den Rückgang der Betriebskosten (TCO) von E-Autos verzögern – oder sogar umkehren.

Ladeinfrastruktur als wichtiges Rückgrat

Der Mangel an Ladestationen in einigen Ländern scheint sich in naher Zukunft zu verschlechtern, so die Studie weiter. In Großbritannien und Deutschland etwa haben Branchenverbände bereits deutlich gemacht, dass die aktuellen Neuzulassungen von Elektroautos das Wachstum der öffentlichen Ladestationen massiv übertreffen. In den USA z.B. werden laut der BCG-Analyse 1,1 Millionen öffentliche Ladestationen im Jahr 2025 und 2,3 Millionen im Jahr 2030 benötigt, verglichen mit 100.000 im Jahr 2020. Die Biden-Administration indes strebt bis 2026 nur 500.000 öffentliche Ladepunkte an, weniger als die Hälfe des geschätzten Bedarfs zu diesem Zeitpunkt.

Eine unzureichende Infrastruktur könnte erhebliche Auswirkungen auf die Einführung von Elektroautos haben. Es zeichnet sich eine neue Welle potenzieller Käufer:innen vor allem aus städtischen Umgebungen ab, die sich auf öffentliche Ladeinfrastruktur verlassen müssen, um ihre Fahrzeuge aufladen zu können, weil sie keine Möglichkeit zum Laden zu Hause haben. Die Sorge über den Mangel an öffentlichen Lademöglichkeiten ist laut mehreren Umfragen in verschiedenen Ländern bereits ein Hauptgrund für viele Verbraucher:innen, zweimal über den Kauf eines Elektroautos nachzudenken.

Ein neues Spiel

Koordinierte Maßnahmen werden unerlässlich sein, um die skizzierten Herausforderungen meistern zu können, so die Studienautor:innen. Glücklicherweise gebe es Grund zum Optimismus, dass die Beteiligten im gesamten Automobilökosystem dazu bereit sind, zusammenzuarbeiten und gemeinsam zu wachsen, anstatt die Entwicklung tragfähiger Lösungen als Nullsummenspiel aus Gewinnern und Verlierern zu betrachten. Auch beim Aufbau öffentlich zugänglicher Ladeinfrastruktur arbeiten viele Akteure zusammen, um die Entwicklung zu beschleunigen.

Autohersteller und Versorgungsunternehmen arbeiten zudem gemeinsam an Pilotprojekten, um dem Stromnetz mehr Speicherkapazität und Flexibilität hinzuzufügen, indem E-Auto-Besitzer:innen ihre Fahrzeuge zur Energieversorgung zu Hause verwenden oder überschüssigen Strom an den Netzbetreiber zurückverkaufen können. Da verstärkt E-Auto-spezifische Stromtarife, intelligentere Fahrzeugarchitekturen und gemeinsame Standards eingeführt werden, werden die Kosten für das Laden von Elektroautos mittelfristig sinken.

Um die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette zu verbessern, gründen Automobil- und Batteriehersteller sowie Lieferanten von Rohstoffen oftmals Joint Ventures und investieren in Minen, mit dem Ziel: die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Gleichzeitig befinden sich neue Technologien wie etwa die Lithiumextraktion aus Sole-haltigem Grundwasser in der Entwicklung und haben das Potenzial, zusätzliche Quellen für diesen wichtigen Rohstoff zu erschließen.

Die vielen Maßnahmen zeigen, dass die Automobilindustrie und weitere beteiligte Branchen innovativ sein können, wenn sie mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert sind. Die Studienautor:innen erwarten noch viel größere Innovationen, da Autohersteller nun die Elektrifizierung als die dominierende Mobilitätstechnologie etablieren.

Quelle: BCG – Electric Cars Are Finding Their Next Gear

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„Verwendung von grünem Wasserstoff zum Kalzinieren & Rösten von lithiumhaltigen Materialien in der Extremadura“ ein Projekt in Spanien. Die vielen Maßnahmen zeigen, daß die Automobilindustrie innovativ sein kann…ja Herr Neißendörfer, endlich ist’s soweit! Widerstandsfähige Lieferketten, Versorgungssicherheit, Ausbau von Innovationen, Ladeinfrastruktur als wichtiges Rückgrat — hoffentlich sind das nicht alles Worthülsen. Man sollte Prioritäten setzen, z.Bsp. Abschaffung der PHEV (Hybride= zweitgrößter Betrug an der Menschheit nach Fritz Indra). Zitierter Prof. war Ende des letzten Jahrtausends federführend an den Schaltstellen der ‚Mobilitätstechnologie‘.So.

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