Ford Mach-E GT: Der zügellose Mustang – Unsere Eindrücke

Copyright Abbildung(en): Wolfgang Plank

In Sachen E-Auto kam bei Ford lange Zeit keine rechte Spannung auf. Technik außerhalb von Brennräumen galt als wenig erstrebenswert. Nun aber steht der Konzern unter Strom. Ab 2026 verspricht Ford für alle Pkw-Baureihen mindestens eine E-Version oder ein Plug-In-Modell. Und ab 2030 werden alle Modelle in Europa ausschließlich elektrisch fahren. Zu diesem Zweck investiert Ford eine Milliarde Dollar in die Modernisierung des Standortes Köln. Ab 2023 rollt dort – basierend allerdings auf der MEB-Plattform von VW – das erste elektrische Massenmodell vom Band.

Zunächst aber musste erst einmal der Funke überspringen. Und was sollte besser für ausreichend Spannung beim Start in eine neue Ära sorgen, wenn nicht eine hauseigene Ikone? Der Mustang Mach-E trägt Tradition wie Aufbruch schon im Namen – auch wenn der natürlich ein wenig täuscht, weil Fords erstes E-Auto eben kein reinrassiger Sportwagen ist, sondern Züge eines SUV trägt. Zwar erinnern die Rückleuchten ebenso an das Original wie die wuchtige Fronthaube und die dicken Backen, am Heck allerdings mussten die Designer zu einem – zugegeben schicken – Trick greifen: Weil Dachkante und Spoiler ebenso in Schwarz gehalten sind wie die Schweller, wirkt der Mach-E in der Seitenansicht fast wie ein Coupé.

Um die 2000 Stück haben dieses Jahr in Deutschland schon Fans gefunden – nun setzt Ford noch einen drauf: den Mach-E GT. Das High-Performance-Modell haut 487 PS und noch beeindruckendere 860 Nm Drehmoment in den Allradstrang und drückt den Fahrer in 3,7 Sekunden auf Tempo 100. Rauf geht’s, anders als bei den bisherigen Versionen, bis 200. Das kommt der Philosophie vom potenten Muscle Car dann schon deutlich näher. Welcher Mustang will schon gerne gezügelt werden?

„Der neue Mach-E GT zeigt, was ein rein elektrischer Antrieb alles leisten kann“, hatte Ford-Europa-Boss Stuart Rowley schon bei der Premiere geschwärmt. Und darum trägt der Zukunfts-Mustang den legendären Namen irgendwie auch zu Recht. Zumal der GT serienmäßig mit einstellbarem Fahrwerk, rot lackierten Bremszangen hinter den 20-Zöllern und Sportsitzen vom Typ „Abrahams Schoß“ daherkommt. Die Extended-Range-Batterie besitzt eine nutzbare Kapazität von 88 kWh – und damit Saft für 500 Kilometer (WLTP).

Der Zugang eröffnet sich ungewohnt: per Drucktaster an der B-Säule und etwas fummeligem Fingerhaken oberhalb des Türblechs. Vorteil der Technik: Man kann den Schlüssel zuhause lassen und über das Smartphone entriegeln – oder per Zahlencode. Der Hebel innen allerdings sitzt weit hinten und reichlich versteckt in der Verkleidung.

Im Inneren des 4,74 Meter langen Akku-Mustang weitet sich reichlich Raum. Das Cockpit ist einem flachen Display gewichen, und nebenan schwebt – hochkant wie im Tesla – ein gewaltiger Touchscreen mit 15,5 Zoll. Mit dem Infotainment-System Sync4 ist der Stromer ständig online und lässt sich via Internet aktualisieren. Wer mag, kann den Innenraum über ein Sound-System mit 560 Watt beschallen.

Auch in zweiter Reihe hat’s der Passagier kommod, um eine Verbeugung vor dem schnittigen Dach kommt er allerdings nicht herum. Hinter die große Heckklappe packt der Mach-E 519 Liter, bei umgeklappten Rücksitzen sogar 1,4 Kubikmeter. Wo bei Verbrennern üblicherweise der Motor sitzt, glänzt der Mustang mit einem 100 Liter fassenden Front-Kofferraum namens „Frunk“. Pfiffiges Detail: Wie beim Puma ist das Ding aus Kunststoff und dank eines Stöpsels im Boden auch auswaschbar. Ein idealer Platz also für dreckiges Schuhwerk oder das regennasse Ladekabel.

Richtig gut punkten kann der Mustang beim Handling. Die Abstimmung schafft einen höchst gelungenen Mix aus sehr viel Sportlichkeit und einem auskömmlichen Rest an Komfort. Gepaart mit präziser Lenkung und leicht drängendem Heck gerät gelegentlicher Galopp trotz 2,3 Tonnen zum kleinen Vergnügen zwischendurch. Im Modus „Temperamentvoll“ kommt sogar noch synthetischer Sound aus acht Zylindern dazu. Und so ganz ohne Auslauf wäre die Haltung eines Wildpferdes ja nicht artgerecht…

Gut gelöst ist die Rekuperation. Mit zweimal Tastendruck lässt sich die One-Pedal-Funktion aktivieren, die auch tatsächlich bis zum Stillstand funktioniert. So oder so unterstützt die Funktion „Intelligent Range“. Sie ist mit dem bordeigenen Navi vernetzt und erlaubt eine präzise Berechnung der tatsächlichen Reichweite. Dabei bezieht das System die frühere Fahrweise ein, aber auch externe Faktoren wie das Wetter.

Stets jedoch gilt Buch eins der Batterie-Bibel: Dynamik und Distanz gehen nicht zusammen. Sparfüchse kommen im GT eher nicht auf ihre Kosten. Zwar lässt sich der Top-Mustang in versammeltem Trab auch unter 20 kWh je 100 Kilometer bewegen – gut über 30 im fliehenden Galopp sind aber kein ernsthaftes Problem. Am Ende gingen für eine flotte Testfahrt über 200 abwechslungsreiche Kilometer 260 Kilometer an Reichweite drauf, und der Akku vermeldete noch 49 Prozent Kapazität. Damit kann man leben.

Fast noch wichtiger jedoch als schnelle Fahrt ist Kunden schnelles Laden. Irgendwann nämlich ist selbst der stärkste Speicher leer. Dazu hat Ford das FordPass-Netzwerk aufgebaut. Mit aktuell knapp 160.000 Standorten gilt es als Europas größter Verbund an öffentlich zugänglichen Ladepunkten. Darüber hinaus stehen auch 400 Ionity-Stationen mit fast 2400 Ladepunkten zur Verfügung. An einer Wallbox (11 kW) dauert die Füllung von zehn auf 80 Prozent rund sechs Stunden, an der üblichen Steckdose etwa zweieinhalb Mal so lange. Wer’s eilig hat und ein freies Plätzchen findet – an einer 150-kW-Säule lässt sich in zehn Minuten Saft für rund 100 Kilometer ziehen.

Selbstverständlich hält der Mach-E Spur, Tempo und Abstand, späht in tote Winkel, erkennt auch Fußgänger und Radfahrer und wirft zur Not den Anker. Und auf Knopfdruck parkt er sogar ein und wieder aus. Ein Schnäppchen allerdings ist der Mach-E GT nicht – bei 72.990 Euro dürfte manch traditioneller Ford-Kunde in Schnappatmung verfallen. Kleiner Trost: Man kann in die Baureihe schon ab 46.900 Euro einsteigen, muss halt aber dann 269 PS, 68-kW-Akku und einem Standard-Sprint in sieben Sekunden verkraften. Da gibt es Schlimmeres…

Über den Autor

Sebastian hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere Alternative Antriebe werden betrachtet.

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