Warum Tesla an der Börse so hoch gehandelt wird

Warum Tesla an der Börse so hoch gehandelt wird
Copyright:

valentinphotography / Shutterstock.com

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

Die globale Automobilindustrie befindet sich derzeit in einer kritischen Transformationsphase, die sich insbesondere auch in der relativ niedrigen Marktperformance der maßgeblichen Akteure widerspiegelt, wie aus einer Studie des Center of Automotive Management (CAM) hervorgeht. Die Marktkapitalisierung der acht höchstbewerteten etablierten Automobilhersteller (ohne den Sonderfall Tesla) reduzierte sich seit Ende 2014 – also vor dem Dieselbzw. Abgasskandal – von 566 Milliarden Euro auf 542 Milliarden Euro im Januar 2020 (-4,2%). Zum Vergleich: Der DAX stieg im gleichen Zeitraum um 37 Prozent und der amerikanische Nasdaq sogar um 113 Prozent.

Relevante Steigerungen der Marktkapitalisierung konnte in diesen Zeitraum nur Toyota mit einem Plus von 16 Prozent auf derzeit 206 Milliarden Euro realisieren. Damit führt der nach Absatzzahlen weltweit zweitgrößte Herstellerkonzern Toyota, der im Jahr 2019 etwa 10,7 Millionen Fahrzeuge verkaufen konnte, auch das Ranking des Börsenwerts mit deutlichem Abstand an. Auf den zweithöchsten Marktwert kommt der Volkswagen Konzern mit 92 Milliarden Euro, was einem Plus seit 2014 von 6,1 Prozent entspricht. Volkswagen ist mit 10,9 Millionen verkauften Fahrzeugen im Gesamtjahr 2019 der weltweit absatzstärkste Hersteller.

Nur noch knapp hinter Volkswagen auf Rang drei rangiert bereits der kalifornische Elektropionier Tesla mit einer Marktkapitalisierung von 85 Milliarden Euro, der seinen Marktwert seit Ende 2014 um mehr als das Zweieinhalbfache steigern konnte (268%). Tesla ist mit einem Absatz von 367.000 Pkw im Jahr 2019 nun höher bewertet als die amerikanischen Hersteller General Motors und Ford zusammen, die mit geschätzten 7,7 bzw. 4,9 Millionen verkauften Pkw im vergangenen Jahr nur auf einen Börsenwert von 45 bzw. 33 Milliarden Euro kommen.

Die deutschen Premiumhersteller Daimler und BMW fielen im Ranking um jeweils einen Platz zurück. Die Marktkapitalisierung von Daimler reduzierte sich in den vergangenen sechs Jahren sogar um über 29 Prozent auf derzeit 52 Milliarden Euro und von BMW um 17 Prozent auf 48 Milliarden Euro. Auch bei Ford und Nissan reduzierte sich der Marktwert um 34 bzw. 36 Prozent auf nur noch 33 bzw. 21 Milliarden Euro.

CAM

In der Marktkapitalisierung kommen die Erwartungen am Aktienmarkt vor allem in die zukünftige Ertragskraft des Unternehmens bzw. die vom Kapitalmarkt wahrgenommene Zukunftsorientierung eines Konzerns zum Ausdruck. Der Börsenwert der Automobilhersteller spiegelt zu großen Teilen auch den für die künftige Wettbewerbsfähigkeit als relevant erachteten Entwicklungsstand bzw. die Innovationsstärke der Unternehmen bei neuen Technologien und Geschäftsfeldern wider. Als bedeutsame Felder für die Mobilität der Zukunft und damit die Transformation der Automobilindustrie gelten Elektromobilität, Digitalisierung/ Connectivity, Autonomes Fahren und Mobilitätsdienstleistungen.

Wichtige Zukunftskompetenzen liegen auch in den Bereichen Batterien bzw. der Batteriezellen, Software, Big Data und Künstliche Intelligenz sowie bei Mobility Services. Dabei stellt sich die Innovationsstärke der Automobilhersteller in den für die Transformation relevanten Zukunftsfeldern sehr unterschiedlich dar. Tesla verfügt etwa nach der CAM–Bewertung über hohe Innovationsstärken bei batterieelektrischen Fahrzeugen sowie im Connectivity-Bereich, mit der die hohe Marktkapitalisierung zum Teil erklärt werden kann. Dagegen ist etwa die Innovationsstärke von Daimler und BMW im Zukunftsfeld der reinen Elektromobilität niedriger einzustufen.

„Die derzeit relativ niedrige Marktkapitalisierung der meisten etablierten Automobilhersteller liegt wesentlich an der Unsicherheit, ob bzw. wie gut sie die Transformation in die Zukunftsfelder in den nächsten fünf bis zehn Jahren bewältigen. Sicher ist, dass einige etablierte Hersteller den Wandel nicht als unabhängige Player überleben werden. Vielen etablierten Herstellern fehlt sowohl die kritische Größe für den investitionsintensiven Wandel als auch die notwendigen Technologien und Kompetenzen für die Mobilität der Zukunft. Die Erhöhung des Börsenwertes, das Unternehmen wie etwa Volkswagen oder Ford anstreben, wird nur gelingen, wenn die Innovationsstärke in den relevanten Zukunftsfeldern erkennbar erhöht werden kann. Dazu sind Kooperationen innerhalb und außerhalb der Branche notwendig sowie eine Fokussierung der Aktivitäten auf die Kernthemen der Transformation.“ — Stefan Bratzel, Studienleiter am CAM

Zusätzlich stehen die Automobilhersteller künftig auch im Wettbewerb mit neuen Akteuren aus dem „Big-Data“ Umfeld. Sie dehnen ihre Ökosysteme von digitalen Services schrittweise auf den Automobil- und Mobilitätsbereich aus. Die Digitalunternehmen haben große Kompetenzen beim Thema Connectivity, Big Data und Serviceplattformen und befassen sich teilweise mit Software-Betriebssystemen für das Fahrzeug oder dem Thema Autonomes Fahren.

Ein Vergleich der Marktkapitalisierung dieser Unternehmen zeigt, dass diese Player viel größer sind als die Automobilhersteller und in den letzten Jahren massiv an Börsenwert gewonnen haben. Beispielhaft dafür sind Apple mit einer Marktkapitalisierung von nunmehr 1,2 Billionen Euro (+169%) oder die Google Muttergesellschaft Alphabet mit 921 Milliarden Euro (+268%). Mit ähnlicher Ausrichtung kommen Alibaba und Tencent aus China mittlerweile auf einen Börsenwert von 550 und 439 Milliarden Euro.

Als neue Wettbewerber für die Automobilhersteller gelten auch Mobility Provider wie Uber. Der 2009 gegründete Ride Hailing Anbieter wird derzeit auf einen Börsenwert von 54 Milliarden Euro taxiert und landet damit vor Daimler, BMW oder Honda. Bei einer ähnlich hohen Marktkapitalisierung liegt etwa auch der chinesische Uber-Counterpart Didi Chuxing, auf deren Mobilitätsplattform täglich rund 30 Millionen Fahrten vermittelt werden.

Quelle: CAM — Pressemitteilung vom 21.01.2020

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

„Carspreading“ frisst europaweit Millionen von Parkplätzen

„Carspreading“ frisst europaweit Millionen von Parkplätzen

Michael Neißendorfer  —  

Neuwagen wachsen jährlich um 1,2 cm in der Länge. Allein London und Berlin drohen deshalb, jeweils über 100.000 Parkplätze zu verlieren.

Schwellenländer ziehen an, USA fallen zurück: 2026 fährt jeder vierte Neuwagen elektrisch

Schwellenländer ziehen an, USA fallen zurück: 2026 fährt jeder vierte Neuwagen elektrisch

Tobias Stahl  —  

Laut BloombergNEF fährt 2026 bereits jeder vierte Neuwagen elektrisch. Bis 2035 soll der Anteil auf über 50 Prozent steigen – doch einzelne Länder könnten zurückfallen.

Automechanika Frankfurt: Aftermarket im Aufbruch

Automechanika Frankfurt: Aftermarket im Aufbruch

Sebastian Henßler  —  

Die Automechanika Frankfurt öffnet im September ihre Tore. 4500 Aussteller, neue KI-Formate und ein Rekord bei den Innovation Awards erwarten die Branche.

Automobiler Mittelstand meldet Standortkrise in Deutschland

Automobiler Mittelstand meldet Standortkrise in Deutschland

Sebastian Henßler  —  

Eine VDA-Umfrage unter 116 Unternehmen zeigt, dass sich die Geschäftslage im automobilen Mittelstand deutlich verschlechtert hat.

EU-Regulierung beschleunigt Chinas Fabrikoffensive in Europa

EU-Regulierung beschleunigt Chinas Fabrikoffensive in Europa

Sebastian Henßler  —  

Chinesische Autobauer sichern sich Produktionsstandorte in Europa, bevor ein neues EU-Gesetz Direktinvestitionen aus China erschwert.

„Made in Europe“: VW, Stellantis und Renault fordern simple EU-Regeln

„Made in Europe“: VW, Stellantis und Renault fordern simple EU-Regeln

Tobias Stahl  —  

Volkswagen, Stellantis und Renault wenden sich in einem gemeinsamen Schreiben an die EU – und fordern möglichst simple Regeln zum Schutz der hiesigen Automobilindustrie.

CATL-Chef dämpft Erwartungen an Festkörperbatterien

CATL-Chef dämpft Erwartungen an Festkörperbatterien

Sebastian Henßler  —  

Nicht Zeitpläne, sondern technische Durchbrüche entscheiden über die Zukunft der Festkörperbatterie. CATL-Chef Zeng erklärt, wo die Technologie heute steht.