Mobilitäts-Professor fordert „mehr Mut beim Ausbau der Ladesäulen“

Mobilitäts-Professor fordert „mehr Mut beim Ausbau der Ladesäulen“
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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

Johannes Schlaich ist Professor für Mobilität und Verkehr an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin und beschäftigt sich unter anderem mit integrierter Verkehrsplanung, Verkehrsmodellierung und Digitalisierung im Verkehr. In einem von Volkswagen veröffentlichten Interview spricht er über die Praxistauglichkeit von Elektroautos und erklärt, wie Digitalisierung den Ausbau der E-Mobilität unterstützen kann.

Bei einer Urlaubsfahrt von Berlin auf die gut 250 Kilometer entfernte Insel Usedom hat Schlaich mit einem e-Golf ausprobiert, wie gut E-Mobilität auf längeren Strecken funktioniert. Allerdings hat er ein paar Schwierigkeiten erlebt, die nicht mit dem Auto selber zu tun haben und die sicher einige Elektroautofahrer nachvollziehen können: Der verbesserungswürdige Zustand der Infrastruktur zum Laden. Insgesamt sei Schlaich deshalb mit einem gemischten Bild nach Hause gekommen.

Überzeugt habe ihn das Fahrgefühl: „E-Autos sind dynamisch, man hat keine Schaltung. Gleichzeitig ist es ein angenehmes, ruhiges Fahren.“ Außerdem schätzt er die bessere Klimabilanz im Vergleich zu Verbrennern; das nehme Schlaich, der „sonst lieber mit der Bahn unterwegs“ ist, etwas von seinem schlechten Gewissen. Er musste zwar die Route besser planen, um Zwischenstopps sinnvoll zum Laden nutzen zu können. Dafür hat er aber auch „ein hübsches Städtchen kennengelernt“, an dem er sonst vorbeigefahren wäre. „Unerfreulich“ werde es erst, „wenn etwas Unerwartetes geschieht“.

„Solche Erlebnisse sprechen sich herum“

Zum Beispiel musste er kurzfristig aufgrund einer Stornierung das Hotel wechseln. Die neue Bleibe war vier Kilometer von der nächsten Ladestation entfernt, welche er wegen leerem Akku einmal hin und „am nächsten Morgen wieder zurück“ zu Fuß zurücklegen musste. Es sei zwar „ein schöner Spaziergang“ gewesen. „Aber mit kleinen Kindern oder auf Geschäftsreise braucht man so etwas nicht.“ Ein zweites Problem gab es bei einer Pause auf der Rückfahrt: „Als wir vom Essen kamen, stellten wir fest, dass die Ladesäule nicht funktioniert hatte.“ Schlaich nehme sowas gelassen, aber „solche Erlebnisse sprechen sich herum und beeinflussen die Bereitschaft, auf ein E-Fahrzeug umzusteigen. Beim Neuwagenkauf entscheiden sich die meisten Menschen im Zweifel für die sichere Lösung.“

Vor allem bei Ladeinfrastruktur sieht Schlaich deshalb dringend Nachholbedarf: Es brauche „die richtigen Stationen an den richtigen Stellen in ausreichender Menge.“ Fein raus ist jeder, der bequem über Nacht laden kann, wenn das Auto ohnehin viele Stunden ungenutzt geparkt ist. „Bei Einfamilienhäusern mit eigener Lademöglichkeit ist das die ideale Lösung“, findet der Professor. „In Großstädten, wo viele Autofahrer an der Straße parken, brauchen wir öffentliche Ladesäulen in kurzen Entfernungen“, sagt er. Sinnvolle Ergänzungen dazu seien „Ladestationen am Arbeitsplatz und an Supermärkten. Gerade das Laden während des Einkaufs passt ideal zur Alltagsmobilität, denn an einer Schnellladesäule ist die Batterie binnen 30 Minuten halb voll und nach dem Einkauf wird der Ladeplatz sofort frei.“ Und für Fernreisen sei ein gut ausgebautes Schnellladenetz an den Hauptverkehrsstraßen notwendig.

„Wir müssen raus aus der Henne-Ei-Problematik“

Städte sollten „mehr Mut beim Ausbau der Ladesäulen“ zeigen, findet Schlaich: „Wir müssen raus aus der Henne-Ei-Problematik – niemand kauft ein Elektroauto, wenn es keine Lademöglichkeiten in der Nähe gibt.“ Er rät deshalb, „nicht zu viel Zeit in Kosten-Nutzen-Rechnungen zu stecken, sondern lieber loszulegen. Nach dem Prinzip: Wir schaffen ein Angebot und nehmen in Kauf, dass es erst später voll genutzt wird.“

An den Fernstraßen hingegen „sollte der Bund für eine koordinierte Planung sorgen“, so Schlaich weiter. „Einerseits müssen dünn besiedelte Gebiete versorgt sein“. Andererseits sei es „ineffizient, wenn zu viele Schnellladesäulen nebeneinander gebaut werden.“ Er schlägt digitale Lösungen vor, „die vorhandene Infrastruktur besser zu nutzen“. Dazu gehöre zum Beispiel „eine komplette Übersicht aller Lademöglichkeiten“. Es gebe zwar „verschiedene Karten“, aber keine sei vollständig. Außerdem brauche es „verlässliche Live-Daten zur Verfügbarkeit von Ladeplätzen.“ Man erfahre zwar, „ob an einer Ladesäule ein Stecker eingesteckt wurde“. Man weiß aber nicht, „ob auch der Parkplatz wirklich frei ist.“ Es sollte auch die Möglichkeit geben, sich kurzfristig die Verfügbarkeit zu sichern und die Ladesäule im Voraus buchen zu können. „Für Lkw-Parkplätze gibt es Reservierungsfunktionen – warum nicht für E-Autos?

Quelle: VW – Pressemitteilung vom 16.07.2020

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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