Mercedes-CEO: „Goldene Zeit der Autoindustrie ist nicht vorbei“

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Felix Katz
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In einem Handelsblatt-Interview spricht Mercedes-CEO Ola Källenius über die teure Elektrifizierung der Fahrzeugflotte, Rabatte für Käufer sowie Entwicklungen im Bereich des hochautomatisierten Fahrens und der Fahrzeugintegration von künstlicher Intelligenz.

Trotz des enormen Kostendrucks ist Ola Källenius, Vorstandschef von Mercedes-Benz, demnachüberzeugt, dass die Autoindustrie noch nicht das Ende ihrer goldenen Ära erreicht hat. Auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel in Essen sprach der schwedisch-deutsche Manager über das Vorhaben, Mercedes-Benz restrukturieren zu wollen, um es fit für eine Zukunft zu machen. „Wir bauen den Laden um und machen ihn fit für eine Zukunft, die in einigen Jahren dominant elektrisch sein wird“, hat er dem Handelsblatt zufolge gesagt.

Källenius verspricht den Kunden zukünftig eine Vielzahl von Innovationen. Schon im nächsten Jahr könnte die Geschwindigkeit des hochautomatisierten Fahrassistenten „Drive Pilot“, der unter bestimmten Bedingungen auf deutschen Autobahnen vollständig autonom steuern kann, von 60 auf 90 Kilometer pro Stunde erhöht werden. „Wir arbeiten intensiv daran“, betont Källenius. Langfristig setze der 54-Jährige auch auf einen Superassistenten im Auto, der ähnlich wie die künstliche Intelligenz „Jarvis“ in den „Iron Man“-Filmen stets unterstützend zur Seite steht. „Jeder Mercedes wird zukünftig einen Jarvis haben„, verkündete Källenius im Interview.

Mercedes-CEO: "Goldene Zeit der Autoindustrie ist nicht vorbei"
Bei Mercedes‘ Zukunftsstrategie geht es vor allem um Elektrifizierung – auch mit Blick auf China. Hier die Weltpremiere des Mercedes-Maybach EQS SUV in Shanghai | Bild: Mercedes-Benz

„Wir machen Mercedes fit für eine elektrische Zukunft“

Källenius wurde vom Handelsblatt auch zur aktuellen Situation in der Autosparte befragt. Dass die Strategie, den Konzern auf Luxus auszurichten, noch aufgehe, rechtfertigt er damit, dass Mercedes trotz eines Gewinnrückgangs robuste Zahlen vorlege und sich gut in einem Umfeld mit hohen Zinsen und Unsicherheiten behaupte. Die Langzeitstrategie des Konzerns setze darauf, in den Bereichen Elektroantrieb und Digitalisierung führend zu sein und „eine Symbiose zwischen Technologie und begehrenswerten Fahrzeugen“ zu schaffen.

Obwohl der Gewinn noch solide sei, betont Källenius, dass wirtschaftliche Zyklen kommen und gehen, und es sei wichtiger, sich auf die langfristige Produktstrategie zu konzentrieren. „Wenn ein Markt nicht ganz das ist, was man sich erhofft hat, ist es besser, mit dem Volumen vorsichtig umzugehen, als in eine Rabattschlacht einzusteigen“, so der Manager. Die Branche befinde sich in einer grundlegenden Transformation. Und da der Elektroantrieb höhere Kosten verursache als man es bisher vom Verbrenner gewohnt war, sei es wichtig, sich auf darauf und die elektrische Zukunft vorzubereiten. Hier gelte das kaufmännische Vorsichtsprinzip.

Trotz der aktuellen globalen Krisen investiere Mercedes verstärkt in neue Technologien. Källenius rief dazu auf, trotz aller Selbstkritik und Herausforderungen nicht den Mut zu verlieren. Hinsichtlich der Industriestrategie von Wirtschaftsminister Robert Habeck äußerte sich der Mercedes-Chef positiv. Er betont die Bedeutung der Zusammenarbeit in Themen wie Rohstoffketten, insbesondere im Hinblick auf Lithium als Schlüsselrohstoff für die Elektromobilität. Er unterstreicht die Notwendigkeit dieser Strategie, um sicherzustellen, dass Europa und Deutschland wettbewerbsfähig bleiben.

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Dass man die Entwicklung des Fond-Infotainments nach China verlegt habe, sei kein Bedeutungsverlust für Deutschland, erklärt Oliver Källenius | Bild: Mercedes-Benz

„China ist auch von Europa abhängig“

Auf die Frage nach möglichen Produktionsausweitungen in den USA und der Bedeutung des Wirtschaftsstandorts Deutschland erklärt Källenius, dass Deutschland nach wie vor die „Homebase“ sei und Mercedes weiterhin in deutsche Standorte investiere. Gleichzeitig sei man global tätig und prüfe Möglichkeiten in anderen Regionen. Dass man die Entwicklung des Infotainments auf der Rückbank nach China verlegt habe, sei kein Bedeutungsverlust für Deutschland. Die „Mission Control“ in Sindelfingen und Untertürkheim sei weiterhin aktiv, das Unternehmen würde ohnehin seit 20 Jahren weltweit in Hubs wie Bangalore, China, dem Silicon Valley, Tel Aviv und Seattle investieren. In diesem globalen Netzwerk gebe es keine Hierarchien und die Entscheidung, in China auf das Thema „rear seat entertainment“ zu setzen, resultiere aus der hohen Innovationsdynamik dieses Marktes.

Teil des Gesprächs waren auch die drohenden Strafzölle auf chinesische Autoimporte. Källenius hält es für falsch, Handelshindernisse aufzubauen. Man müsse den Handel fördern, Protektionismus würde das Wirtschaftswachstum und den Wohlstand negativ beeinflussen. Bezüglich möglichen Gegenmaßnahmen von China müsse man abwarten, was passiere, gibt sich der CEO zurückhaltend. Mercedes-Benz sei von Lieferanten auf der ganzen Welt abhängig, komplexe Industrieprodukte wie Autos würden heutzutage nur durch ein weltweites Netzwerk von Zulieferern hergestellt. Er weist darauf hin, dass China genauso von Europa abhängig sei.

Mercedes-Benz bekenne sich zur Dekarbonisierung und investiere massiv in neue Elektroarchitekturen. Elektroautos stellen für Källenius klar den Hauptfokus dar. Darüber hinaus sei die taktische Flexibilität sehr wichtig, um auf heterogene Entwicklungen in verschiedenen Märkten reagieren zu können. „Unsere Werke sind so aufgestellt, dass wir Hightech-Verbrenner neben Elektroautos bauen können“, heißt es weiter.

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Automatisiertes Fahren und Künstliche Intelligenz gehören zu den wichtigsten Bestandteilen der Mercedes-Strategie  | Bild: Mercedes-Benz

2025: Ein Superassistent, der alles weiß

Aktuell sollen etwas über 20 Prozent des Absatzanteils auf Elektroautos und Plug-in-Hybride entfallen. Die Elektromobilität vergleicht er mit dem iPhone, welches ebenfalls zunächst zögerlich angenommen wurde, dann aber großen Erfolg feierte. Källenius betont, dass Unternehmen in Technologieüberholvorgängen nicht zu vorsichtig sein sollten, um existenzielle Gefahren zu vermeiden. Investitionen und Bereitschaft seien jetzt entscheidend.

Derweil arbeite man mit Hochdruck am hochautomatisierten Fahren. Die S-Klasse und der EQS hätten bereits bewiesen, dass der Computer sicher auf der Autobahn fahren könne. Wenn alles gut laufe, könne die Geschwindigkeit in Deutschland möglicherweise im nächsten Jahr auf 90 Kilometer pro Stunde erhöht werden.

Auch künstliche Intelligenz im Auto sei ein besonders wichtiges Thema. Källenius verweist auf den erfolgreichen Betatest von ChatGPT in den USA und die Entscheidung des Vorstands, generative KI im Unternehmen für jeden verfügbar zu machen. Er hebt gleichzeitig die faszinierende Möglichkeit eines Superassistenten im Auto hervor, der ähnlich wie „Jarvis“ in den „Iron Man“-Filmen alles weiß, Zugang zu allen Informationen hat und die Reise bequemer, lustiger und sicherer gestalten soll. Dieser Superassistent soll laut Källenius im Jahr 2025 einen großen Schritt machen.

Quellen: Handelsblatt – Geht Ihre Luxus-Strategie noch auf, Herr Källenius? / mbpassionblog – LEVEL 3 SYSTEM DRIVE PILOT WIRD AUF 90 KM/H ERHÖHT / Handelsblatt – Mercedes-Benz-CEO Ola Källenius: „Man wird einen Superassistenten im Auto haben“

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Felix Katz

Felix Katz

Felix Katz liebt alles, was vier Räder und einen oder gleich mehrere Motoren hat. Nicht nur Verbrenner, sondern vor allem Elektroautos haben es ihm angetan. Als freiberuflicher Autojournalist stromert er nicht nur fast jeden Tag umher, sondern arbeitet seit über zehn Jahren für viele renommierte (Fach-)Medien und begleitet den Mobilitätswandel seit Tag eins mit.

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