Ex-VW-Manager: „Das Land läuft von Kompromiss zu Kompromiss“

Ex-VW-Manager: „Das Land läuft von Kompromiss zu Kompromiss“
Copyright:

Volkswagen AG

Wolfgang Plank
Wolfgang Plank
  —  Lesedauer 3 min

Der frühere VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann sorgt sich um den Wirtschaftsstandort Deutschland und übt in diesem Zusammenhang massive Kritik an der Politik. In einem Interview mit dem Magazin „Business Insider“ fordert er unter anderem einen „Masterplan“ und ein digitales Netz auf Weltniveau.

Deutschland fehle es an klarer und eindeutiger Führung, warnt Stackmann. Eine attraktive, breit getragene, vorwärtsgerichtete Perspektive für die zukünftige Entwicklung sei nicht erkennbar. Der an sich richtige und wichtige Föderalismus fresse sich mittlerweile in zu viele politische Entscheidungen hinein. „Er wirkt lähmend, nicht beschleunigend.

Ein Beispiel dafür sieht der Ex-Manager in der augenscheinlichen Unfähigkeit, Deutschlands Großprojekte in den Griff zu bekommen. Es gebe zu viele „Köche“, keine klare Führung, keine klare Zuordnung der Verantwortung für wichtige Prozesse. „Wir laufen von Kompromiss zu Kompromiss und orientieren uns nicht mehr an einer klaren gemeinsamen Ausrichtung.

Anstatt eine klare strategische Linie oder einen übergeordneten Entwurf zu entwickeln, orientiere sich das Land an Wahlzyklen, Koalitionen, Kompromissen. Die kreative Energie der deutschen Wirtschaft müsse durch eindeutige politische Richtungsentscheidungen kanalisiert und geführt werden, um langfristig wirkende Investitionen wieder in vollem Umfang freizusetzen. Stackmann: „Mir fällt einfach nichts ein, wofür Deutschland im internationalen Wettbewerb in zehn bis fünfzehn Jahren noch stehen will.

Erfolgreiche Unternehmen – dazu zählt Stackmann auch seinen früheren Arbeitgeber VW – würden in zyklischen Abständen langfristige Strategien entwickeln. Manchmal würden Entscheidungen auch durch einen starken Impuls initiiert, wie etwa beim Diesel-Skandal. „In jedem Fall aber orientieren sich diese Planungen nicht an typischen Management-Zyklen der handelnden Personen, also drei bis fünf Jahre, sondern überspannen zwei bis drei dieser Zyklen.“ Dieses Prinzip lasse sich auch auf die Führung eines Landes übertragen. „Wir müssen lernen, wieder wahlperiodenübergreifend zu planen und handeln.

Übertragen auf den Standort Deutschland fordert Stackmann ein digitales Netz auf Weltniveau bis spätestens 2030 – sozusagen als „Grundrecht“ für alle Bürger und Unternehmen. Im internationalen Vergleich mache sich Deutschland da schon fast lächerlich. „Bei der jetzigen digitalen Vernetzung ist es kaum vorstellbar, dass wir in diesem Land zum Beispiel jemals autonom fahrende Fahrzeuge rollen lassen können.“ Zusätzlich brauche es einen „Deutschland-Plan Zero Emissions“. Der „Green Deal“ der EU müsse dringend durch einen langfristigen „Green Deal Deutschland“ ergänzt werden.

Dazu gehöre ein Ziel für die großen CO2-Emittenten Verkehr, Energieerzeugung, Stahl und Zement, Wohnungsbau, sagt Stackmann. Die Richtung für PKW sei mit E-Autos schon vorgegeben, ÖPNV und Güterverkehr könnten schnell folgen. Dazu sei aber der schnelle Aufbau von Ladestationen nötig. Daneben müsse man Ausbau von grünem Wasserstoff oder abfallbasierte Brennstoffen vorantreiben, um Flug- und Schiffsverkehr umstellen zu können. Die technischen Lösungen lägen auf dem Tisch. „Was wir brauchen, ist Mut zur Entscheidung – also auch bewusst den Mut, Wahlen zu verlieren.“ Allerdings glaubt der Ex-Manager nicht, dass man für einen attraktiven, klaren und nachvollziehbaren Plan Angst vor Wahlniederlagen haben müsse.

Parallel dazu fordert Stackmann „Weltklasse-Bildung“ für die jüngere Generation. Das bedeute, dass der Bund an dieser Stelle führt und die Bundesländer ins zweite Glied rücken. Ein solcher „Masterplan“ dürfe sich nicht wegen unterschiedlichen Finanzkraft der Bundesländer auf einen schwachen Kompromiss beschränken.

Quelle: Business Insider – „Deutschland hat keinen Masterplan

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Wolfgang Plank

Wolfgang Plank

Wolfgang Plank ist freier Journalist und hat ein Faible für Autos, Politik und Motorsport. Tauscht deshalb den Platz am Schreibtisch gerne mal mit dem Schalensitz im Rallyeauto.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

Schwellenländer ziehen an, USA fallen zurück: 2026 fährt jeder vierte Neuwagen elektrisch

Schwellenländer ziehen an, USA fallen zurück: 2026 fährt jeder vierte Neuwagen elektrisch

Tobias Stahl  —  

Laut BloombergNEF fährt 2026 bereits jeder vierte Neuwagen elektrisch. Bis 2035 soll der Anteil auf über 50 Prozent steigen – doch einzelne Länder könnten zurückfallen.

Automechanika Frankfurt: Aftermarket im Aufbruch

Automechanika Frankfurt: Aftermarket im Aufbruch

Sebastian Henßler  —  

Die Automechanika Frankfurt öffnet im September ihre Tore. 4500 Aussteller, neue KI-Formate und ein Rekord bei den Innovation Awards erwarten die Branche.

Automobiler Mittelstand meldet Standortkrise in Deutschland

Automobiler Mittelstand meldet Standortkrise in Deutschland

Sebastian Henßler  —  

Eine VDA-Umfrage unter 116 Unternehmen zeigt, dass sich die Geschäftslage im automobilen Mittelstand deutlich verschlechtert hat.

EU-Regulierung beschleunigt Chinas Fabrikoffensive in Europa

EU-Regulierung beschleunigt Chinas Fabrikoffensive in Europa

Sebastian Henßler  —  

Chinesische Autobauer sichern sich Produktionsstandorte in Europa, bevor ein neues EU-Gesetz Direktinvestitionen aus China erschwert.

„Made in Europe“: VW, Stellantis und Renault fordern simple EU-Regeln

„Made in Europe“: VW, Stellantis und Renault fordern simple EU-Regeln

Tobias Stahl  —  

Volkswagen, Stellantis und Renault wenden sich in einem gemeinsamen Schreiben an die EU – und fordern möglichst simple Regeln zum Schutz der hiesigen Automobilindustrie.

CATL-Chef dämpft Erwartungen an Festkörperbatterien

CATL-Chef dämpft Erwartungen an Festkörperbatterien

Sebastian Henßler  —  

Nicht Zeitpläne, sondern technische Durchbrüche entscheiden über die Zukunft der Festkörperbatterie. CATL-Chef Zeng erklärt, wo die Technologie heute steht.

Mercedes-Veteran: Warum deutsche Firmen den Mut verloren haben

Mercedes-Veteran: Warum deutsche Firmen den Mut verloren haben

Sebastian Henßler  —  

Harald Schlarb war 36 Jahre bei Mercedes, baute die Tesla-Gigafactory mit auf – und erklärt, warum deutsche Firmen das Risiko wieder lernen müssen.