Wie umweltfreundlich ist die Bahn eigentlich?

Wie umweltfreundlich ist die Bahn eigentlich?

Copyright Abbildung(en): Markus Mainka / Shutterstock.com

Die Deutsche Bahn generiert sich gerne als das umweltfreundliche Verkehrsmittel par excellence. Doch warum werden dann kaum Zahlen über den Energieverbrauch veröffentlicht? Des Rätsels Lösung ist leider einfach und desillusionierend: Der Energieverbrauch der Deutschen Bahn ist deutlich höher als viele vermuten. Tatsächlich sind Züge nicht besonders energieffizient.

Auf dieses Thema bin ich zu den Recherchen für mein Buch „Tesla oder: Wie Elon Musk die Elektromobilität revolutioniert“ gestoßen. Dort vergleiche ich den Energieverbrauch von Elektroautos sehr gründlichen mit anderen Verkehrsmitteln und bin bei der Bahn auf eine großes Märchen gestoßen. Für das Buch hatte ich nur eine offizielle Zahl der Bahn. Sie gab den Verbrauch pro Passagier im ICE 3 im Durchschnitt mit einem Benzinäquivalent von 2,3 Litern an. Das klingt erstmal nach wenig. Und das ist es auch im Vergleich zu einem PKW mit Verbrennungsmotor. Und der verbraucht im Vergleich zum ICE auch zu 100 Prozent fossilen Brennstoff. ICEs fahren laut Werbung dagegen mit 100 Prozent Ökostrom. Technisch gibt es hier allerdings ein paar Einschränkungen. Da öffentliche Ladesäulen in Deutschland und geförderte Wallboxen auch mit Ökostrom betrieben werden müssen, gilt das allerdings weitestgehend auch für die Elektromobilität. 

Stromverbrauch im Nahverkehr höher als bei Verbrennern

Bei den Recherchen bin ich auf einen einzigen Artikel zum Thema gestoßen. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 14.10.2007 wird der Stromverbrauch der Bahn genauer unter die Lupe genommen. Autor ist Gottfried Ilgmann, Ingenieur und jahrelanger Berater der Regierungskommission Bahn, des Bundesverkehrsministeriums und des Vorstands der Deutschen Bahn. Er kommt bei seinen Recherchen zu sehr hohen Verbräuchen des Schienenverkehrs von bis zu 7,2 Litern Benzinäquivalent im Nahverkehr. Das ist sogar im Vergleich mit aktuellen Verbrennerfahrzeugen viel. Und im Vergleich zum Elektrofahrzeug ist es sogar ein extrem hoher Energieverbrauch.

Zugunsten der Bahn ziehe ich den eher geringen Energiegehalt eines Liters Normalbenzin heran, der laut dem Schweizer Bundesamt für Energie bei 8,67 Kilowattstunden (kWh) liegt. Sprich: laut Ilgmann verbraucht die Bahn demnach im Nahverkehr 62,42 kWh pro Passagier und 100 Kilometer, also rund das Dreifache von einem Elektroauto. Dessen Verbrauch setze ich mit im Schnitt 18 kWh pro 100 Kilometer für ein übliches Mittelklassefahrzeug an. 

Die Bahn liefert widersprüchliche Daten

Doch ich möchte mich in meinen Berechnung ausschließlich auf die Daten der Bahn stützen. Und da wird es kompliziert. Denn die Angaben sind je nach Quelle extrem unterschiedlich und die Berechnungsgrundlagen sind eher undurchsichtig. Da ist zum Beispiel die allererste Quelle: Der UmweltMobilCheck der Bahn. Das ist ein Tool, um die Ökobilanz der eigenen Fahrt mit der Bahn zu berechnen. Leider hat das Tool wohl nur wenig mit der Realität zu tun. Für die Strecke Berlin-Köln wird ein Energieverbrauch von 3,3 Litern Benzin pro Person für die gesamte Strecke angegeben. Das widerspricht allerdings allen Veröffentlichungen der Bahn. Sei es, dass ein ICE bei voller Auslastung nur einen Liter Benzin pro Person und 100 Kilometer verbraucht oder, dass der ICE 3 2,3 Liter pro Person auf 100 Kilometer bei durchschnittlicher Auslastung an Energie konsumiert. Bei einer Strecke von rund 600 Kilometern wären 3,3 Liter lediglich etwas mehr als 0,5 Liter pro Person und 100 Kilometer. Da stiftet die Bahn mit ihren Veröffentlichungen eher Verwirrung, als dass sie für Klarheit sorgt. Wie hoch ist also der Energieverbrauch der Bahn? 

Der wahre Verbrauch der Bahn steht in einem Leserbrief

Fündig geworden bin ich auch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in einem Leserbrief der Deutschen Bahn als Antwort auf den Artikel von Gottfried Ilgmann. Joachim Kettner, Leiter des Bahn-Umwelt-Zentrums 2007 gibt die entscheidende Zahl bekannt: 2,9 Liter pro Passagier und 100 Kilometer. Das klingt erstmal wenig. Aber wenn man es in Kilowatt umrechnet, dann sieht die Bahn im Vergleich mit dem Elektroauto nicht mehr so gut aus. Mit dem Benzinäquivalent von 8,67 Kilowattstunden berechnet, sind das 25,14 Kilowattstunden. Das ist dann schon eine Menge vor allem im Vergleich mit dem Elektroauto. Allerdings stammt diese Zahl aus dem Jahr 2007. Da war die Bahn nur zu 42 Prozent ausgelastet. Würde man die steigende Auslastung berücksichtigen kommt man auf 18,82 Kilowattstunden bei den 56,1 Prozent Auslastung 2019, also vor Corona.

Ein Elektroauto verbraucht kaum weniger. Nämlich 18 Kilowattstunden auf 100 Kilometer realistisch angenommen. Allerdings muss man hier auch den Durschschnittsverbrauch annehmen. Und das sind bei der durchschnittlichen Besetzung eines PKW in Deutschland mit 1,46 Personen nur noch 12,33 Kilowattstunden pro Person und 100 Kilometer. Das Reisen mit der Bahn verbraucht also rund 50 Prozent mehr Strom als das Reisen mit dem Elektroauto. Und das bei einer optimalen Auslastung. Und wegen der aufwendigen Infrastruktur wie Tunnel, Weichen oder Bahnhöfe ist der Bau und der Betrieb der Infrastruktur und der Fahrzeuge insgesamt auch CO2/intensiver als beim Elektroauto. Das kommt noch hinzu, so eine Studie des Ökoinstitutes im Auftrag des Umweltbundesamtes.

Wenn man nur den Energiebedarf des Fernverkehrs nimmt müsste die Bahn deutlich besser ausgelastet sein, um mit der Elektromobilität mithalten zu können. Und ausgelastet ist sie in Zeiten von Corona leider noch weniger, womit die Energiebilanz für die Bahn noch schlechter ausfällt. Und dazu kommen im Fernverkehr noch die Anfahrt zum Bahnhof mit dem Nahverkehr, Taxis oder PKW, die die Energiebilanz nochmal verschlechtern. 

Ohne Kohlestrom kann die Bahn im Fernverkehr gar nicht fahren

Und noch eine Problematik darf bei der Bahn nicht vergessen werden: der dreckige Strom. Nicht nur, dass die Bahn mit 400 Megawatt Leistung zu einem der Großabnehmer von Kohlestrom aus dem Kohlekraftwerk Datteln 4 gehört. Teilweise können Strecken überhaupt nur genutzt werden, weil dafür extra Kohlekraftwerke gebaut wurden. Auf der Strecke Halle Erfurt wurde zum Beispiel das Kohlekraftwerk Schkopau gebaut. Es liefert den speziellen Bahnstrom mit 16 ⅔ Hertz mit einer Leistung von bis zu 110 Megawatt. Ohne dieses Kraftwerk wäre diese wichtige Strecke wohl kaum betreibbar. Sie gehört zum Verkehrsprojekt Deutsche Einheit Nr. 8, der Bahnstrecke zwischen Berlin und München, die mit der Höchstgeschwindigkeit von 300 Kilometern pro Stunde zurückgelegt wird. Und dieser Kohlestrom kann auch nur bei der Bahn genutzt werden.

Mit Bahnstrom können Endverbraucher gar nichts anfangen. Er hat die falsche Frequenz. Sprich: Das Ökostromversprechen der Bahn kann zum Beispiel auf dieser Strecke defacto gar nicht eingehalten werden. Die ICEs können hier nur mit Kohlestrom fahren. Der grüne Streifen auf den ICEs, die zwischen Berlin und München fahren, ist schlicht und einfach Etikettenschwindel.

Hohes Gewicht der ICEs pro Passagier

Was sind aber die Gründe für den hohen Energieverbrauch der Bahn: Grund eins: Züge sind das schwerste Verkehrsmittel. Die Mär vom so schweren PKW ist ein Mythos. Auf die bisher beste Auslastung der Bahn umgerechnet wiegt ein ICE 3 zum Beispiel knapp zwei Tonnen pro Passagier, ein schwereres Elektroauto etwa 1,4 Tonnen. Und im Fernverkehr ist die Bahn sehr schnell unterwegs. Bei 300 Stundenkilometern auf der Strecke zum Beispiel zwischen Berlin und München geht der Energieverbrauch dramatisch in die Höhe. 

Was ist also zu tun? 

  1. Wir können nicht ohne Energieverbrauch reisen. Sprich: Wir sollten weniger reisen.
  2. Die Bahn muss an der Effizienz arbeiten: die Auslastung muss erhöht werden und das Gewicht und vielleicht auch die Geschwindigkeit gesenkt werden. Der ICE 4 ist hier mit weniger Gewicht und einer geringeren Höchstgeschwindigkeit ein Schritt in die richtige Richtung.
  3. Wir können nicht alles bis auf das letzte Quäntchen optimieren. Es wird immer Unterschiede zwischen den Verkehrsmitteln geben. 
  4. kleine vielleicht verblüffende Info: Das mit Abstand energetisch beste Verkehrsmittel ist der Reisebus. Der wiegt nämlich im Schnitt nur rund 400 Kilo pro Person und fährt nicht so schnell. Hier werden bereits die ersten Fahrzeuge ausgeliefert. Sie schlagen alle anderen Verkehrsmittel um Längen.

Über den Autor: Der Journalist Christoph Krachten fährt seit 20 Jahren Elektrofahrzeuge. Durch seine Recherchen zu seinem Buch über Tesla „Tesla oder: Wie Elon Musk die Elektromobilität revolutioniert“ hat er sich intensiv mit dem Thema Elektromobilität beschäftigt und ist auf teils verblüffende Fakten gestoßen.

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Das sind schockierende Ergebnisse die zur einer ausgewogenen faktischen und weniger politisch motivierten Betrachtungsweise zwingen. Es ist ein Mythos das der ÖNV besser ist als ein Elektroauto!

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