Das Hersteller-Konglomerat Stellantis erwägt, die E-Auto-Technik seines chinesischen Partners Leapmotor für die Produktion europäischer Elektroautos zu nutzen. Ziel sei es, die Produktionskosten für Stellantis‘ europäische Volumenmarken wie Opel, Fiat und Peugeot zu senken, erklärten mehrere Insider gegenüber Bloomberg.
Stellantis erwägt demnach eine Ausweitung seines Joint Ventures mit Leapmotor, um Zugang zu den fortschrittlicheren Batterie- und Antriebstechnologien des chinesischen Unternehmens zu erhalten, so die mit der Angelegenheit vertrauten Personen weiter. Derzeit vertreibt Stellantis bereits Leapmotor-Modelle wie den Elektro-SUV C10 über sein europäisches Händlernetz.
USA wollen chinesische Technik in Elektroautos 2027 verbieten
Die Gespräche befinden sich den Insidern zufolge noch in einem frühen Stadium, die Entscheidung wäre allerdings eine gewichtige: Es wäre das erste Mal, dass ein westlicher Autobauer sich auf die Fahrzeugarchitektur und -software eines chinesischen Herstellers verlässt, um damit Fahrzeuge für den europäischen Markt herzustellen.
Für eine solche Vereinbarung müssten jedoch zunächst Datenschutzbedenken in Bezug auf die Verwendung chinesischer Technologie überwunden werden, so die Personen gegenüber Bloomberg. Die Partner müssen sich zudem mit Vorschriften in den USA auseinandersetzen, die ab 2027 den Import oder Verkauf von vernetzten Fahrzeugen mit Technologien aus China oder Russland verbieten. Dennoch streben Stellantis und Leapmotor an, noch innerhalb dieses Jahres eine Vereinbarung zu treffen, so die Personen weiter.
Stellantis erklärte, dass das Joint Venture mit Leapmotor darauf abziele, die Stärken beider Unternehmen zu bündeln und regelmäßig Gespräche über mögliche Wege zur Ausweitung der Zusammenarbeit zu führen. Beide Unternehmen unterhalten „eine technische Partnerschaft, die uns helfen wird, ein höheres Maß an Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen, insbesondere bei Elektroautos, und das ist für Europa sehr wichtig“, erklärte Stellantis-CEO Antonio Filosa während einer Investorenkonferenz am Donnerstag. Dies werde die Zusammenarbeit „auch bei der Entwicklung neuer Technologien verbessern“, so Filosa weiter.
Stellantis geht davon aus, dass die Vereinbarung den Konzern dabei unterstützen würde, seine Entwicklungskosten zu senken und eine bessere Wettbewerbsposition gegenüber chinesischen Konkurrenten wie BYD und MG sowie europäischen Wettbewerbern einzunehmen. Einige Analysten schätzen die Situation jedoch nicht so eindeutig ein: „Mit Blick auf die Zukunft lautet die zentrale Frage, ob das Know-how von Leapmotor integriert wird, um die bestehenden Marken von Stellantis zu stärken – oder ob es diese nach und nach verdrängen wird“, so Adrien Brasey, Analyst bei Alphavalue, im Gespräch mit Bloomberg.
Nach Elektro-Kurskorrektur: Stellantis will sich stärker auf den chinesischen Partner verlassen
Stellantis hatte im vergangenen Jahr eine tiefgreifende Kurskorrektur für sein Elektro-Geschäft angekündigt. Anfang dieses Monats kündigte der Konzern Abschreibungen und Aufwendungen in Höhe von 22,2 Milliarden Euro an. Die Maßnahme ist Teil einer umfassenden Initiative, um den Rückgang des Marktanteils und der Gewinne aufzuhalten. Der Autohersteller hatte zudem einige Joint Ventures im Bereich der Batteriefertigung verkleinert oder ganz beerdigt.
Im Rahmen der Kurskorrektur lässt Stellantis außerdem einige Verbrennerantriebe wieder aufleben, deren Produktion eigentlich eingestellt werden sollte, darunter die Produktion des Hemi-V8-Motors für die US-Marke Ram sowie die Rückkehr von Dieselmotoren in Europa, etwa im Opel Astra und im Peugeot 308. Zudem hat Stellantis eine neue Hybridversion seines Fiat 500 eingeführt. Eine Vertiefung der Zusammenarbeit mit Zhejiang Leapmotor Technologies sei schon seit einiger Zeit geplant, nun wolle Stellantis sich jedoch darauf konzentrieren, mehr Technologien des Partners zu nutzen, so die Insider.
Stellantis ist weder der erste noch der einzige Hersteller, der versucht, von chinesischem Know-how bei der Entwicklung und Herstellung von Elektrofahrzeugen zu profitieren: VW baut Elektrofahrzeuge auf einer Fahrzeugplattform des chinesischen Joint-Venture-Partners Xpeng, auch Audi nutzt Technologien seines Partners SAIC. Die betreffenden Modelle werden jedoch nicht außerhalb Chinas verkauft.
Leapmotor will ab diesem Jahr wohl auch in Spanien produzieren
Westliche Hersteller haben zunehmende Schwierigkeiten, mit der Entwicklungsgeschwindigkeit und den Kostenstrukturen chinesischer Hersteller Schritt zu halten. In China kommen neue Elektrofahrzeuge oft doppelt so schnell auf den Markt wie in Europa. Gleichzeitig wenden sich Autokäufer im Reich der Mitte zunehmend von westlichen Marken wie VW ab, während Modelle chinesischer Hersteller, etwa der BYD Seal, in Europa immer besser angenommen werden.
Stellantis unterhält sein Joint Venture mit Leapmotor seit 2023. Es wurde unter dem damaligen CEO Carlos Tavares gegründet, dessen Kostensenkungsmaßnahmen sich jedoch negativ auf die Modellqualität ausgewirkt hatten. Gegenstand des damaligen Deals war es, dass Stellantis für knapp eine Milliarde Euro einen 20-prozentigen Anteil an Leapmotor übernimmt und ein gemeinsames Joint Venture namens Leapmotor International gründet. Der Anteil wurde im vergangenen Jahr auf etwa 15 Prozent reduziert. Seither bietet Leapmotor drei Modelle in Europa an und verkauft diese über das europäische Vertriebsnetz von Stellantis. Nachdem die Montage des kleinen Elektroautos Leapmotor T03 in Polen im vergangenen Jahr gestoppt worden war, plant Leapmotor, ab diesem Jahr auch Fahrzeuge im Stellantis-Werk im spanischen Zaragoza zu fertigen.
Quelle: Bloomberg – Stellantis Weighs Using China EV Tech for Affordable Cars







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