Stefan Asenkerschbaumer, der Aufsichtsratsvorsitzende von Bosch, hat im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Krise in der europäischen Automobilbranche gesprochen, die die Zulieferer besonders trifft. Das Unternehmen, das als größter Autozulieferer weltweit gilt, hat für seine Autosparte den Abbau von 22.000 Stellen angekündigt. Dennoch blickt Asenkerschbaumer positiv in die Zukunft und sieht Bosch im Bereich des automatisierten Fahrens gut aufgestellt.
Für Bosch seien nicht nur die weltweit stagnierende globale Autoproduktion und der noch größere Produktionsrückgang in Europa herausfordernd, sondern vor allem die „signifikant“ rückläufige Wertschöpfungstiefe im größten Geschäftsfeld des Zulieferers, der Antriebstechnik. Hatte das Unternehmen mit Hauptsitz in Gerlingen bei Stuttgart Anfang 2025 noch den Abbau von 12.000 Stellen vorgesehen, plant Bosch nun den Abbau von rund 28.000 Stellen über alle Sparten hinweg. Davon sollen allein 22.000 Stellen in der Autosparte wegfallen.
Optimistischer Blick in die Zukunft
Trotz der angespannten Lage bleibt der Aufsichtsratschef optimistisch: „Wir blicken zuversichtlich in die Zukunft. Durch unsere Innovationskraft gehen wir den Wandel dynamisch mit und stellen uns den strukturellen Veränderungen“. Im Bereich des sogenannten „Vehicle Motion Management“, das die elektronische Steuerung von Lenkung, Bremse, Dämpfung und Fahrwerk bezeichnet, habe Bosch nach wie vor eine starke Stellung. „Auch beim automatisierten Fahren gibt es kaum einen Zulieferer, der eine so breite Kompetenz hat wie Bosch“, ergänzte der Bosch-Manager.
Wie viele Automobilzulieferer sorgt die Transformation der Branche hin zur Elektromobilität für Unsicherheit, nicht zuletzt durch uneindeutige Signale von politischer Seite, etwa das von Deutschland forcierte Zurückrudern bei den CO₂-Zielen der EU. Auch Bosch fährt Bereiche wie Elektromobilität wieder zurück, nachdem das Unternehmen zuvor Milliardensummen investiert hat.
Unsicherheit als Teil des Unternehmertums
Als Fehler bezeichnet der Aufsichtsratsvorsitzende die Investitionen in Elektromobilität nicht, denn 99 Prozent der Marktteilnehmer hätten dieselbe Erwartung gehabt. „Keiner kann von sich behaupten, in den nächsten 100 Jahren alle Zukunftsinvestitionen richtig zu setzen. Das ist Unternehmertum, Unsicherheit gehört dazu. Nichts zu tun und abzuwarten, wäre aber auch falsch“, merkte er an.
Zu riskant sei hingegen der Einstieg in die Batteriezellenproduktion gewesen. „Wir hätten 20 Milliarden Euro investieren müssen, um auf einen Marktanteil von 20 Prozent zu kommen. Dieses Geld hätte uns dann für andere Investitionen gefehlt. Zudem sind die Abhängigkeiten bei der Batteriezelle groß“, sagte Asenkerschbaumer. Das betreffe vor allem die Rohstoffe, auf die man nur mittelbar Zugriff habe, die aber 75 Prozent der Herstellungskosten ausmachten.
Unternehmen tragen Eigenverantwortung
„Uns in Europa muss es gelingen, ein Ökosystem aufzustellen, das von den Rohstoffen, über die Lieferanten und Produzenten bis zu den Kunden eine vernünftige komplementäre Kompetenz aufbaut“, erklärte der Aufsichtsratschef. China etwa sei mit seinen Fünfjahresplänen und deren Umsetzung Europa einen großen Schritt voraus.
Die Politik stehe derzeit vor ähnlichen Herausforderungen wie die Unternehmen und müsse sich in einem „sehr dynamischen Umfeld langfristige Ziele setzen“. Zuerst einmal ist nach Ansicht von Asenkerschbaumer jedes Unternehmen selbst dafür verantwortlich, Marktaussichten zu bewerten, auch „wenn die Politik wie im Falle der Elektromobilität die versprochenen Rahmenbedingungen nicht schafft“.
In diesem Sinne konzentriert sich Bosch darauf, den eigenen Konzern zu restrukturieren. „Die Auslastung der Automobilhersteller in Europa liegt nur noch knapp über 60 Prozent, natürlich spüren wir das in Deutschland“, erklärt der Aufsichtsratsvorsitzende. Der Fokus liege daher auf Deutschland, aber internationale Standorte seien ebenso betroffen. „Es wäre fatal, nur abzuwarten und mit Umsätzen aus dem Ausland das Geschäft im Inland zu stützen. Der Konzern überlebt langfristig nur, wenn alle Standorte profitabel sind“, ergänzte der Manager.
Verpflichtung, den Standort Europa zu sichern
Die europäische Automobilwirtschaft sei jedoch nicht zum Scheitern verurteilt, sondern habe weiterhin großes Potenzial. Asenkerschbaumer nennt dabei die Vollendung des europäischen Binnenmarktes als Ziel, für den ein massiver Bürokratieabbau nötig ist: „Wir müssen den Mut haben, dieses Projekt voranzutreiben, auch wenn es mühselig und langwierig ist“. Dafür müsse man aber auch konkrete Maßnahmen einleiten, denn „Abwarten und Klagen über die Situation sind keine Optionen, wir haben eine Verpflichtung, und zwar die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts und damit unseren Wohlstand zu sichern“.
In Hinblick auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit sei Bosch „vorsichtig optimistisch“ ins Jahr 2026 gestartet, nachdem der operative Gewinn 2025 im positiven Bereich gelegen hatte. Mit einem Umsatz auf Vorjahresniveau im ersten Quartal 2026 strebt das Unternehmen beim Ergebnis weiterhin eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr an. Einen Strich durch die Rechnung könnte der Irankrieg machen, dessen indirekte Wirkungen durch höhere Preise und den Ausfall von Vorprodukten noch nicht absehbar seien. „Das ist hochkomplex und kann noch keiner abschätzen. Da müssen wir die nächsten Monate abwarten“, sagte Asenkerschbaumer.
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung – Zulieferer in der Krise: „Es wäre fatal, nur abzuwarten“








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