Europa hat sich beim Thema Rohstoffversorgung jahrelang auf günstige Importe aus China verlassen. Jetzt, wo die geostrategischen Risiken dieser Abhängigkeit sichtbar werden, fehlt es an Instrumenten, um schnell gegenzusteuern. China kontrolliert laut Einschätzung von Branchenbeobachter:innen rund 90 Prozent der weltweiten Produktion seltener Erden – bei Metallen wie Germanium und Gallium, die für Halbleiter und die Rüstungsindustrie gebraucht werden, sind es teilweise über 95 Prozent.
Diese Dominanz ist nicht geografisch bedingt, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger strategischer Investitionen in Weiterverarbeitung. Wer heute in Europa Batteriezellen, Chips oder Motoren bauen will, ist in vielen Fällen auf chinesische Vorprodukte angewiesen – und das bei Lieferketten, die China durch Exportkontrollen und Lizenzvergaben aktiv als geopolitisches Druckmittel einsetzt.
Ein Beispiel dafür, wie schwer Europa gegensteuert, steht im brandenburgischen Guben: eine geplante Lithium-Raffinerie des Unternehmens Rock Tech Lithium, die Europa beim Aufbau einer heimischen Batteriezulieferkette helfen könnte – und dennoch seit Jahren auf der Stelle tritt. Mirco Wojnarowicz, CEO von Rock Tech Lithium, hat dem Politico-Podcast „Power and Policy“ erklärt, woran das liegt und warum das kanadische Parallelprojekt des Unternehmens inzwischen schneller vorankommt als das Vorhaben in Deutschland.
Rock Tech Lithium will in Guben jährlich genug Lithiumhydroxid aufbereiten, um rund 500.000 E-Auto-Batterien damit versorgen zu können. Mercedes-Benz hat den Abnahmevertrag bereits unterschrieben. Die EU hat das Projekt als eines von zwei Vorhaben in der gesamten Europäischen Union ausgewählt, die lithiumhaltiges Hartgestein zu batterietauglichem Lithiumhydroxid verarbeiten können. Das Genehmigungsverfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz ist abgeschlossen. Und trotzdem steht in Guben noch kein einziger Bagger.
Rock Tech Lithium und das Finanzierungsproblem, das keiner löst
Wojnarowicz beschreibt das Kernproblem als eine klassische Henne-oder-Ei-Situation. Die Gesamtinvestition für Guben beläuft sich auf 750 Millionen Euro. Davon steht bisher nichts in verbindlichen Verträgen. Es gibt unverbindliche Zusagen von Investoren, Interessensbekundungen projektfinanzierender Banken sowie eine Absichtserklärung des Landes Brandenburg über 90 Millionen Euro. Doch das deutsche Fördersystem verlangt, dass alle diese Elemente gleichzeitig in verbindliche Verträge überführt werden – ein Zustand, der für ein Projekt dieser Größe und in diesem frühen Stadium kaum erreichbar ist.
Was Rock Tech Lithium nach eigener Aussage tatsächlich bräuchte, ist ein früher staatlicher Förderbescheid – nicht als sofortige Auszahlung, sondern als Signal. „Dieser staatliche Vertrauensbeweis wäre ein Gamechanger“, sagte Wojnarowicz im Gespräch mit Joana Lehner. Ein solcher Bescheid würde es ermöglichen, damit auf Investoren und Banken zuzugehen; das Geld selbst würde zum gleichen Zeitpunkt fließen wie bisher vorgesehen, nur die Reihenfolge der Zusagen wäre eine andere. Doch genau das ist in Deutschland systemisch nicht vorgesehen.
Hinzu kommt, dass auch der Rohstoffonds als Eigenkapitalinstrument an die Bedingung geknüpft ist, einen etablierten Industrieinvestor als Co-Investor vorzuweisen. Dieser wiederum wartet auf das Commitment der Bundesregierung. „Und somit kommt man in eine Henne-oder-Ei-Situation, die wir leider als Rock Tech bisher nicht lösen konnten“, so Wojnarowicz.
Berlin zeigt auf Brüssel, Brüssel zeigt auf Berlin
Dass das Projekt trotz EU-Label und Landesabsichtserklärung feststeckt, verweist auf ein strukturelles Problem, das über den Einzelfall hinausgeht. Im Politico-Podcast beschreibt Friederike Preuß, Industriehandelsexpertin bei Politico Europe, wie Berlin und Brüssel in der Förderfrage seit Jahren aufeinander zeigen, ohne dass verbindliche Zusagen entstehen.
Auf europäischer Ebene wurde Rock Tech Lithium zwar als strategisches Projekt anerkannt – konkrete finanzielle Konsequenzen hatte das für das Unternehmen bislang nicht. Wojnarowicz selbst bezeichnet den Effekt des EU-Labels auf die Finanzierungssituation in Deutschland als „eher neutral“.
Auf internationaler Ebene wird derweil über neue Instrumente diskutiert. Beim G7-Finanzministertreffen brachte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil den Ausbau von Recyclingquoten ins Spiel. Die USA gehen weiter: Scott Bessent lud im Februar mehr als 60 Länder nach Washington, um einen gemeinsamen Rohstoff-Handelsclub zu skizzieren – mit gemeinsamem Investieren in Minen und einem umstrittenen Mindestpreissystem, das heimische Lieferanten vor chinesischem Preisdumping schützen soll.
In Berlin und Brüssel überwiegt die Skepsis: Die Sorge ist, dass ein solches System am Ende vor allem amerikanische Bergwerksinvestitionen absichern würde, während Europa und Deutschland selbst kaum vergleichbare staatliche Investitionen in den Rohstoffabbau tätigen.
Kanada macht vor, was Deutschland bremst
Während das Gubener Projekt feststeckt, hat Rock Tech Lithium die dortige Planung – rund 350.000 Engineering-Stunden und etwa 45 Millionen Euro – als Blaupause für ein zweites Projekt in Kanada genutzt. Und dort läuft es anders. Die kanadische Regierung stellt Förderzusagen bereit, bevor die Gesamtfinanzierung steht. Infrastrukturinvestoren haben bereits umgerechnet rund 130 Millionen Euro zugesagt – bedingt durch den späteren Abschluss der Gesamtfinanzierung, aber als frühes, verbindliches Signal.
Wojnarowicz sieht dafür auch einen inhaltlichen Grund: Kanada selbst fördert Lithium und hat kein Interesse daran, seine Minen am Ende nur für China zu beliefern. „Jede Lithiummine, die in Betrieb geht in Kanada, hat stand heute mit großer Wahrscheinlichkeit nur China als Abnehmer“ – dieser Befund treibe die Entschlossenheit der kanadischen Regierung, alternative Wertschöpfungsketten aufzubauen. Deutschland hingegen verfügt nicht über eigene Lithiumvorkommen und fehlt damit dieser direkte strategische Anreiz.
Chinas Vorsprung und was Europa lernen müsste
Rock Tech Lithium hat nach eigenen Angaben international Anerkennung durch das EU-Label gewonnen – unter anderem in Kanada. Auf der Finanzierungsseite in Deutschland war der Effekt bisher überschaubar. Ob sich das ändert, hängt auch vom Ausgang des laufenden Prüfverfahrens beim Rohstoffonds ab – einen Zeitplan dafür konnte Wojnarowicz nicht nennen. Ein Aus für Guben schliesst er dennoch aus: Zu viel sei bereits investiert, die Planung zu weit vorangeschritten.
Wojnarowicz‘ Gesamtbewertung fällt nüchtern aus: China habe im Bereich der Batterieindustrie rund zehn Jahre Vorsprung vor der westlichen Welt aufgebaut – nicht durch geografischen Zufall, sondern durch strategische Geduld. „Wir sind gut beraten zu versuchen, von China zu lernen und eine Kooperationsbasis zu finden“, sagte er. Wie das konkret aussehen soll, während Europa gleichzeitig versucht, unabhängiger von chinesischen Lieferketten zu werden, bleibt die offene Frage.
Quelle: Youtube – Politico Europe – Rohstoff-Wettlauf gegen China: Warum Deutschland sich selbst bremst









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