Große Koalition schärft Schnellladegesetz nach

Große Koalition schärft Schnellladegesetz nach
Copyright:

shutterstock / Lizenzfreie Stockfoto-Nummer: 1477565711

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 3 min

Das Verfahren zum Gesetz über die Bereitstellung flächendeckender Schnellladeinfrastruktur für reine Batterieelektrofahrzeuge – kurz: Schnellladegesetz bzw. SchnellLG – steht kurz vor seinem Abschluss. Nachdem Union und SPD noch zahlreiche Änderungen durchgesetzt hatten, steht nun am Donnerstag dieser Woche der Beschluss des Bundestags an.

Mit dem Gesetz soll eine Rechtsgrundlage für wettbewerbliche Ausschreibungen geschaffen werden, um in Deutschland ein flächendeckendes, öffentliches Schnellladenetz für Elektroautos aufzubauen und diesen Aufbau großzügig zu fördern: Bis 2023 soll der Bund den Bau und Betrieb von rund 1000 Ladeparks in zehn Losen ausschreiben und stellt dafür zwei Milliarden Euro an Fördermitteln zur Verfügung. Mit dem Gesetz soll auch die Erreichung der Klimaschutzziele – im Verkehrsbereich minus 42 Prozent CO2-Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 – unterstützt und die Bedeutung der Elektromobilität hierfür herausgestellt werden. Die Akzeptanz der Elektromobilität setze ein bundesweit flächendeckendes, bedarfsgerechtes und nutzerfreundliches Schnellladenetz voraus, wie der Bundesrat mitteilt. Der Bundesrat hatte u. a. darauf hingewiesen, dass hierzu auch Standorte gehören, die sich innerorts befinden.

Dem Änderungsantrag der Großen Koalition zufolge sei zudem nun auch geplant, Ladesäulen an einfachen Rastanlagen aufzubauen. Damit soll ein Monopol des Branchenriesen Tank & Rast verhindert werden, der mit mehr als 400 Raststätten über mehr als 90 Prozent der Konzessionen für Nebenbetriebe an den Autobahnen verfügt. SPD-Berichterstatter Mathias Stein verwies dem Handelsblatt zufolge explizit darauf, es sei „wichtig, dass der Mittelstand mitbieten kann“, womit er auch den Aufbau von Ladeinfrastruktur „im ländlichen und suburbanen Raum oder auch innerorts“ im Blick hat.

Konzeptionelles Denken ist im Bundesverkehrsministerium nicht ausgeprägt“, begründet SPD-Berichterstatter Stein die Einsprüche zu dem unter Verkehrsminister Andreas Scheuer erarbeiteten Gesetzentwurf. Die Änderungen seien nötig, da die Bedeutung des Gesetzes „enorm“ für den Durchbruch der Elektromobilität sei. Scheuers Ministerium muss nun das Konzept, mit dem es den Bedarf und die Standorte für Schnellladeparks festlegt, vorher dem Verkehrsausschuss des Bundestags zuleiten und etwaige Einsprüche berücksichtigen.

Zudem müssen „die Interessen der Bestandsinfrastrukturanbieter berücksichtigt werden“, wie das Handelsblatt aus dem Antrag zitiert. Damit gehe die Große Koalition vor allem auf Kritik wie die des Energieunternehmens EnBW ein, das angesichts des staatlichen Eingriffs vor einem „ruinösen Wettbewerb“ in dem gerade entstehenden Markt gewarnt hatte. Der ursprüngliche Gesetzentwurf des Verkehrsministeriums wurde von vielen Seiten harsch kritisiert, etwa von der Energiewirtschaft und vom Bundesverband Elektromobilität.

Der Bedarf an Ladepunkten könne nur dann als gedeckt gelten, „wenn durch die Anzahl der Schnellladepunkte unzumutbare Wartezeiten vermieden werden“, heißt es nun in dem neuen Gesetzentwurf. Eine durchaus sportliche Aufgabe, betrachtet man die aktuellen Verkaufszahlen: Im vergangenen April wurden gut 24.000 reine E-Autos neu zugelassen, gleichzeitig allerdings nur etwa 1000 neue öffentliche Ladepunkte errichtet.

Quelle: Handelsblatt – Große Koalition korrigiert Ausbaupläne für öffentliches Ladenetz

worthy pixel img
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

Experten und Verbände watschen „Klimaschutz“-Programm der Regierung ab

Experten und Verbände watschen „Klimaschutz“-Programm der Regierung ab

Michael Neißendorfer  —  

Verbände und Experten lassen kein gutes Haar am neuen „Klimaschutzprogramm“ der Bundesregierung. Wirklich neues habe es gar nicht zu bieten.

VDIK: Ladeinfrastruktur entscheidet über E-Auto-Hochlauf

VDIK: Ladeinfrastruktur entscheidet über E-Auto-Hochlauf

Sebastian Henßler  —  

VDIK-Präsidentin Labbé schlägt eine staatliche Ladekarte mit Guthaben vor. Damit ließen sich Tarifchaos und umständliches Laden auf einen Schlag beseitigen.

Streit im ADAC: Technologieoffenheit findet keine Mehrheit

Streit im ADAC: Technologieoffenheit findet keine Mehrheit

Daniel Krenzer  —  

Alles auf Elektromobilität oder neutrale Haltung zu allen Antriebsformen? Im größten deutschen Automobilclub gibt es einen Richtungsstreit.

Lyten plant 1000 Jobs auf Northvolt-Gelände bei Heide

Lyten plant 1000 Jobs auf Northvolt-Gelände bei Heide

Sebastian Henßler  —  

Das US-Unternehmen Lyten will auf dem Northvolt-Gelände bei Heide rund 1000 Jobs schaffen und 2028 die Produktion mit grüner Energie starten.

Warum Europas Hersteller beim E-Auto bleiben müssen

Warum Europas Hersteller beim E-Auto bleiben müssen

Sebastian Henßler  —  

Stellantis, Honda, GM und Ford verbuchen Milliardenverluste bei Elektroautos. Ein Rückzug wäre laut Experten trotzdem die deutlich schlechtere Option.

Ionity-CEO kritisiert Politik und VDA: „Verwirrende Signale“

Ionity-CEO kritisiert Politik und VDA: „Verwirrende Signale“

Laura Horst  —  

Der Ionity-Chef kritisiert den Bundeskanzler und den VDA dafür, dass sie Verbraucher bezüglich E-Autos verunsichern, und fordert von der Politik klare Aussagen.

EU-Politik könnte Europa bei E-Autos zum Nachzügler degradieren

EU-Politik könnte Europa bei E-Autos zum Nachzügler degradieren

Michael Neißendorfer  —  

Eine Datenauswertung zeigt: Die Politik der EU mit wieder mehr Spielraum bei Verbrennern würde Europa bei E-Autos weltweit zurückwerfen.