Neuer Stellantis-Chef: Viele Marken, viele Herausforderungen

Neuer Stellantis-Chef: Viele Marken, viele Herausforderungen
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John Elkann (li.)und Antonio Filosa (re.) beim Besuch eines Stellantis-Werks in den USA / Stellantis

Tobias Stahl
Tobias Stahl
  —  Lesedauer 4 min

Nach dem Abgang von Carlos Tavares im Dezember hat der Vorstand von Stellantis in dieser Woche Antonio Filosa einstimmig zum neuen Chief Executive Officer (CEO) gewählt. Stellantis will in den kommenden Tagen eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen, um Filosa als geschäftsführenden Direktor in den Vorstand zu wählen. Um ihm volle Autorität zu verleihen und einen effizienten Übergang sicherzustellen, hat der Vorstand Filosa mit Wirkung zum 23. Juni alle Befugnisse als CEO übertragen.

Der gebürtige Italiener ist inzwischen seit über 25 Jahren für Stellantis tätig und leitete das Herstellerkonglomerat zuletzt in Nord- und Südamerika. Während seiner Zeit als Chief Operating Officer für Südamerika führte er Fiat zur Marktführerschaft und verhalf den Marken Peugeot, Citroën, Ram und Jeep zu deutlichem Wachstum, wie Stellantis in einer Pressemitteilung erklärt. Als CEO von Jeep habe Filosa zudem die globale Präsenz der Marke auch in Europa erfolgreich ausbauen können.

Stellantis muss vor allem in Nordamerika wieder Marktanteile zurückgewinnen

Filosa ist als neuer Stellantis-CEO auch mit neuen Problemen konfrontiert: Gerade auf dem nordamerikanischen Markt kriselt es für Stellantis seit einiger Zeit. Der frühere Stellantis-Chef Tavares war unter anderem wegen Unstimmigkeiten im Hinblick auf die Konzernstrategie für Nordamerika Anfang Dezember überraschend zurückgetreten.

Das schwächelnde US-Geschäft dürfte aber nicht Filosas einzige Herausforderung sein. Mit seinen 14 Automarken ist der Konzern zwar weiterhin der viertgrößte Automobilhersteller weltweit nach Umsatz. In den USA und Europa hatte Stellantis aber zuletzt Marktanteile verloren, womöglich auch wegen Tavares‘ recht aggressiver Preispolitik. US-amerikanische und europäische Händler hatten in der Vergangenheit beklagt, dass die unter Tavares steigenden Preise die Autos der Massenmarken für viele Kunden unerschwinglich gemacht hatten. Verzögerungen beim Marktstart neuer Modelle, eine verhaltene Nachfrage nach Elektroautos und die stärkere Konkurrenz durch asiatische Wettbewerber hatten zudem zu steigenden Lagerbeständen geführt, was wiederum schwächere Geschäftszahlen zur Folge hatte.

In Deutschland hatte die ebenfalls zu Stellantis gehörende Marke Opel unter Tavares‘ Sparkurs zwar zu ächzen, galt und gilt aber als profitabel. 2024 verzeichnete der Rüsselsheimer Hersteller ein Absatzplus von 6,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, der Marktanteil stieg von 5,3 Prozent im Jahr 2023 auf 5,6 Prozent. Opels Nutzfahrzeugsparte trug allerdings einen großen Teil zu den Ergebnissen bei.

Ex-Stellantis-Boss Tavares hatte das mögliche Ende einiger Marken in Aussicht gestellt

Autobauer rund um den Globus sehen sich aktuell zudem mit regulatorischen Unsicherheiten durch das Zoll-Wirrwarr unter US-Präsident Donald Trump konfrontiert. Im April hatte Stellantis seine Prognose für eine moderate Erholung in diesem Jahr nach einem Gewinnrückgang im Jahr 2024 aufgrund der ungewissen Auswirkungen der Zölle von Trump ausgesetzt. Jeep und Chrysler, die beide zum Stellantis-Konzern gehören, importierten im vergangenen Jahr über 40 Prozent der 1,2 Millionen Fahrzeuge, die die beiden Marken in den Vereinigten Staaten verkauften, hauptsächlich aus Mexiko und Kanada.

Stellantis-Finanzvorstand Doug Ostermann erklärte bereits, dass das Unternehmen mit Zulieferern im Gespräch sei, um den Anteil der in den USA hergestellten Teile in seinen Fahrzeugen zu erhöhen und so die Auswirkungen der Zölle zu verringern. Stellantis betreibt Montagewerke in Mexiko, in denen der Dodge Ram und der Jeep Compass hergestellt werden. In zwei Montagewerken in Kanada werden Chrysler-Modelle hergestellt.

Filosa steht zudem vor schwierigen Entscheidungen bezüglich des Markenportfolios des Unternehmens: Sein Vorgänger Tavares hatte vergangenen Juli erklärt, dass er möglicherweise bereit sei, leistungsschwache Marken zu streichen – Analysten zufolge könnte das die Marken Alfa Romeo, DS und Lancia betreffen.

Joint Venture mit Leapmotor könnte sich als kostbarer Hebel erweisen

Wie auch andere Traditionshersteller hat Stellantis aktuell insbesondere in Europa mit Überkapazitäten in der Produktion zu kämpfen. Analysten schätzen die Kapazitätsauslastung von Stellantis in Europa und Nordamerika laut Reuters auf etwa 50 bis 60 Prozent. Konkurrenten wie Volkswagen und Ford hatten und haben ebenfalls mit Überkapazitäten zu kämpfen und gehen diese nun mit Werksschließungen und Stellenabbau an.

Auf dem chinesischen Markt als größtem Automarkt weltweit spielt Stellantis indes keine nennenswerte Rolle. Chinesische Hersteller konnten zuletzt aber ihre Anteile am europäischen Markt merklich ausbauen, insbesondere durch ein Angebot an vergleichsweise günstigen Elektrofahrzeugen. In westlichen Ländern fallen die Produktionskosten für E-Autos ungleich höher aus, entsprechend schwer fällt es den Traditionsautobauern, wettbewerbsfähige Preise zu erzielen. Als Reaktion darauf ging Stellantis eine Partnerschaft mit dem chinesischen Autobauer Leapmotor ein. Stellantis hält einen Anteil von 51 Prozent am Joint Venture Leapmotor International und verfügt als erster westlicher Hersteller über die Exklusivrechte für die Produktion, den Export und den Verkauf von Leapmotor-Fahrzeugen außerhalb Chinas.

Quellen: Stellantis – Pressemitteilung vom 28.05.2025 / Reuters – What are the challenges facing the new Stellantis CEO? / Spiegel Online – Antonio Filosa rückt an die Spitze von Stellantis

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Tobias Stahl

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Tobias Stahl kann sich für alle Formen der Fortbewegung begeistern, aber nachhaltige Mobilität begeistert ihn besonders. Da ist es kein Wunder, dass er schon seit 2019 über E-Autos, erneuerbare Energien und die Verkehrswende berichtet.

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