Chinesische Investoren interessieren sich für VW-Werke

Chinesische Investoren interessieren sich für VW-Werke
Copyright:

Volkswagen

Maria Glaser
Maria Glaser
  —  Lesedauer 4 min

Fabriken von Volkswagen, die zur Schließung vorgesehen sind, könnten bald von chinesischen Investoren und Unternehmen aufgekauft werden. Dem Nachrichtendienst Reuters zufolge und unter Berufung auf Quellen seien sowohl der chinesische Staat als auch die Automobilindustrie daran interessiert.

Die deutsche Automobilindustrie, vor allem mit Volkswagen als Vorzeigemarke, hat einen ganz besonderen symbolischen Wert, sowohl im Inland als auch im Ausland. Entsprechend aussagekräftig wäre es auch, wenn Werke von VW an chinesische Unternehmen verkauft werden. Es würde das Narrativ stützen, dass die deutsche Automobilindustrie an Einfluss verliert, während chinesische Hersteller weltweit die Märkte mehr und mehr bestimmen. Vor allem bei Elektromobilität ist dieser Trend klar ersichtlich.

Dass chinesische Unternehmen in Deutschland investieren, ist nicht neu. Von Telekommunikation bis Robotik gibt es bereits starke, wirtschaftliche Verknüpfungen und auch in der Automobilindustrie sind Unternehmen inzwischen multinational aufgestellt. Mercedes-Benz hat beispielsweise große chinesische Aktionäre. Traditionelle Automobilproduktion wurde von chinesischer Seite in Deutschland jedoch noch nicht aufgebaut.

Dass chinesische Investoren stark an der deutschen Automobilbranche interessiert seien, habe die chinesische Handelskammer in Berlin gegenüber Reuters bestätigt. Man betrachte diese als strategisch wichtige Perspektive und glaube, dass die Gewinnung der anspruchsvollen deutschen Verbraucher:innen ein Schlüssel zum Erfolg ist.

Chinas „politisch heikelste Investition“

Reuters zufolge könne das Aufkaufen von ausgemusterten VW-Werken die bisher politisch heikelste Investition Chinas sein. VW sei seit langem ein Symbol für Deutschlands industrielle Leistungsfähigkeit, die jedoch bedroht sei durch weltweite Konjunkturabschwächung und die stockende Umstellung auf grüne Technologien.

Mit dem Aufbau von Produktion in Deutschland wären verschiedene Vorteile für chinesische Unternehmen verbunden. Dazu gehört die Umgehung von EU-Zöllen auf importierte Elektroautos, was zugleich die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Hersteller weiter bedrohen könnte. Seitdem die Zölle im Oktober eingeführt wurden, suchen viele chinesische Autohersteller nach alternativen Handelsmöglichkeiten. Eine Strategie ist die zunehmende Umstellung der Importe auf Hybridautos, die den Zöllen nicht unterliegen. Eine weitere Möglichkeit ist die Standortsuche für Fabriken in Europa. So hat BYD beispielsweise bereits in Ungarn und der Türkei investiert, wo die Kosten niedrig und der Gewerkschaftseinfluss schwach sind. Leapmotor erwägt außerdem ein Werk in Spanien für Elektroautos und produziert bereits mit Stellantis in Polen. Chery Auto will mit der Herstellung von Elektroautos in einem früheren Nissan-Werk in Spanien beginnen.

VW sei offen für den Verkauf an chinesische Käufer, so Reuters. Das dürfte nicht zuletzt daran liegen, dass der Verkauf der Fabriken im Vergleich zur Schließung deutlich rentabler ist für den Konzern. Dabei sei man bestrebt, eine weitere Nutzung für den Standort zu finden, die die Interessen des Unternehmens und der Mitarbeitenden berücksichtigt. Auch die Beschäftigten eines der Werke hätten nichts dagegen, für einen der chinesischen Joint-Venture-Partner von Volkswagen zu produzieren, so der Gewerkschaftsvertreter Stephan Soldanski.

Da China staatlichen Einfluss auf bestimmte Investitionen nehmen kann, seien diese Investitionsentscheidungen in VW-Werke laut Reuters auch von der Haltung der neuen deutschen Regierung gegenüber China nach den Wahlen im Februar abhängig. Während die wirtschaftlichen Verbindungen von Deutschland zu China unter Merkel sehr stark waren, haben sich die internationalen Beziehungen inzwischen verschlechtert. Deutschland und Europa sehen eine wirtschaftliche Abhängigkeit als zunehmend kritisch und versuchen, dieser entgegenzuwirken. Außerdem bestehen Uneinigkeiten bei politischen und gesellschaftlichen Themen wie Menschenrechten in China. Die derzeitige Außenministerin Annalena Baerbock hatte China daher als Rivalen und Präsident Xi Jinping als Diktator bezeichnet.

Außerdem seien chinesische Unternehmen, so Reuters, besorgt darüber, wie sie von den deutschen Gewerkschaften aufgenommen würden. Diese haben die Hälfte der Sitze in den Beiräten deutscher Unternehmen inne und streben weitreichende Standort- und Arbeitsplatzgarantien an. Man hoffe von chinesischer Seite aus, dass auch die deutsche Seite offen bleibt und ein faires, gerechtes und diskriminierungsfreies Geschäftsumfeld für chinesische Firmen schafft.

Volkswagen in der Krise

Die aktuellen Schwierigkeiten bei Volkswagen zeigen, wie stark die deutsche Automobilindustrie tatsächlich schwächelt. Der Konzern, zu dem auch Marken wie Porsche, Audi und Skoda gehören, prüft aktuell alternative Nutzungsmöglichkeiten für seine Fabriken in Dresden und Osnabrück, um seine deutschen Standorte zu verkleinern. Dies ist Teil eines Kostensenkungsprogramms.

Damit stieß VW auf starken Widerstand der Gewerkschaften, die noch mehr Werksschließungen verhindern konnten. Ende letztes Jahr einigte man sich darauf, lediglich die Produktionen in Dresden ab 2025 und Osnabrück ab 2027 einzustellen. Im Dresdner Werk arbeiten 340 Mitarbeitende am Elektroauto ID.3 und in Osnabrück sind 2300 Angestellte an dem T-Roc Cabrio beschäftigt.

Quelle: Reuters – Exclusive: Chinese buyers interested in unwanted German Volkswagen factories, source says

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Maria Glaser

Maria Glaser

Aus dem geisteswissenschaftlichen Bereich kommend, verbindet Maria Glaser bei Elektroauto-News.net seit 2023 ihre Liebe zum Text mit fachlichen Inhalten. Seit ihrem Studium in Berlin und Wien arbeitet sie im Bereich Lektorat, Korrektorat und Content Writing, vor allem zu Mobilität.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in China Elektroauto

Chinesische Autohersteller bekommen Vorschriften für Expansionen

Chinesische Autohersteller bekommen Vorschriften für Expansionen

Maria Glaser  —  

Die chinesischen Aufsichtsbehörden legen in den Richtlinien fest, wie sich die Autohersteller bei Export und Expansionen zu verhalten haben.

VW, BMW und Mercedes verpassen Boom in Wachstumsmärkten

VW, BMW und Mercedes verpassen Boom in Wachstumsmärkten

Arun Niemann  —  

Indien, Südostasien und Südamerika wachsen stark. Doch deutsche Autobauer profitieren davon bislang deutlich weniger als internationale Konkurrenten.

Tesla-Rückruf in China: 2,98 Millionen E-Autos betroffen

Tesla-Rückruf in China: 2,98 Millionen E-Autos betroffen

Sebastian Henßler  —  

Tesla ist mit knapp 2,98 Millionen Autos der Modelle Model 3, Model Y, Model S und Model X der mit Abstand größte Teil der Rückrufaktion in China.

Warum Changan beim Deutschland-Start bewusst bremst

Warum Changan beim Deutschland-Start bewusst bremst

Sebastian Henßler  —  

Changan ist in China der fünftgrößte Automobilhersteller, in Deutschland aber kaum bekannt. Designchef Zyciora spricht über die Folgen für den Markteintritt.

Unlautere Geschäfte: Dreame stellt Automobilsparte ein

Unlautere Geschäfte: Dreame stellt Automobilsparte ein

Maria Glaser  —  

Der chinesische Hersteller, der für Staubsauger und Reinigungsroboter bekannt ist, beendet nach nur einem Jahr sein Automobilprojekt „Starry Sky“.

Batterie-Abhängigkeit von China kostet Europas Autoindustrie Milliarden

Batterie-Abhängigkeit von China kostet Europas Autoindustrie Milliarden

Arun Niemann  —  

Eine Deloitte-Studie sieht bis 2030 bis zu 150 Milliarden Euro Wertschöpfung in Gefahr. Vor allem Batteriezellen und Vorprodukte bleiben Europas Schwachstelle.

Analysten: Eine Million chinesische Autos Made in EU bis 2030

Analysten: Eine Million chinesische Autos Made in EU bis 2030

Laura Horst  —  

Die Produktionsvorhaben chinesischer Hersteller in Europa schreiten voran und Analysten rechnen bis 2035 mit 1,5 Millionen Autos „Made in Europe“.