Warum Biokraftstoffe kein Schlupfloch für Verbrenner sein dürfen

Warum Biokraftstoffe kein Schlupfloch für Verbrenner sein dürfen
Copyright ©

Shutterstock / 1204130884

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 3 min

Der deutsche Automobilverband VDA forderte in der vergangenen Woche zusammen mit anderen Lobbyverbänden eine Ausnahmeregelung für Biokraftstoffe in den EU-Flottengrenzwerten für 2035. Das würde die Nachfrage nach Biokraftstoffen aus Abfallstoffen wie tierischen Fetten, gebrauchtem Speiseöl und Palmöl-Nebenprodukten enorm steigern, wie eine neue Analyse von T&E zeigt. Ein mit tierischen Fetten betriebenes Auto würde beispielsweise jährlich die Menge an Fetten von 120 Schweinen benötigen. Zudem lösen auch nachhaltig erzeugte Treibstoffe für Verbrenner die Lärm- und Abgasprobleme in unseren Innenstädten nicht.

Die Automobil- und Kraftstoffindustrie machen erneut gemeinsam Druck, den Verkauf neuer Verbrenner, die mit Biokraftstoffen betrieben werden, auch nach 2035 zuzulassen. Diese Ausnahmeregelung war zuletzt auch durch die Länder bei der Ministerpräsidentenkonferenz gefordert worden. Das würde dazu führen, dass Autos die sehr begrenzte Menge an fortschrittlichen Biokraftstoffen verbrauchen. So würde es schwieriger, schwer zu dekarbonisierende Sektoren wie die Luftfahrt klimafreundlicher zu machen. Basierend auf den aktuellen europäischen Zielen werden allein Flugzeuge und Schiffe im Jahr 2050 etwa doppelt so viel fortschrittliche Biokraftstoffe benötigen, wie in Europa – im optimistischsten Szenario – nachhaltig hergestellt werden können.

„Das ist nichts anderes als eine Verzögerungstaktik für den Verbrenner“

„Biokraftstoffe als skalierbare Lösung zu präsentieren, ist eine gezielte Irreführung der Industrie. Die Europäer können nicht genug Pommes essen, um auch nur einen Bruchteil der Autos in Europa mit Speiseölresten nachhaltig zu betreiben, geschweige denn Schiffe und Flugzeuge. Warum propagieren die Auto- und Öl-Lobby Scheinlösungen, wenn wir mit E-Autos bereits über eine ausgereifte Technologie verfügen? Das ist nichts anderes als eine Verzögerungstaktik für den Verbrenner und sie wird deutsche Hersteller auf dem globalen Markt für E-Autos noch weiter zurückwerfen“, kommentiert Sebastian Bock, Geschäftsführer von T&E Deutschland.

Biokraftstoffe auf Abfallbasis sind nicht in dem Maß skalierbar, wie es für eine europäische Verbrenner-Flotte notwendig wäre. Europa importiert bereits mehr als 80 Prozent seines gebrauchten Speiseöls aus Ländern wie China und Malaysia. Tierische Fette sind einer der beliebtesten Abfallrohstoffe. Bereits heute verbrauchen europäische Autos jährlich 1,3 Millionen Tonnen tierische Fette – das entspricht 200 Millionen geschlachteten Schweinen. Für jedes neue Auto, das mit tierischen Fetten betrieben wird, wären laut der Analyse 120 Schweine pro Jahr erforderlich.

T&E

Die Diskrepanz zwischen der Nachfrage und der Verfügbarkeit von Biokraftstoffen würde auch die Abhängigkeit Europas von Importen erhöhen. Derzeit schätzt T&E, dass 60 Prozent der Biokraftstoffe in Europa – einschließlich pflanzlicher und fortschrittlicher Biokraftstoffe – aus Drittländern importiert werden. Mit der zusätzlichen Nachfrage nach Verbrennern, die durch die Ausnahmeregelung erzeugt würde, könnte dieser Anteil laut der Analyse bis 2050 auf 90 Prozent steigen.

Am Ende landet womöglich illegales echtes Palmöl in den Tanks

Eine stärkere Abhängigkeit von Biokraftstoffimporten würde auch das Betrugsrisiko erhöhen, indem natives Palmöl und andere pflanzliche Speiseöle als Altöle ausgegeben werden. Frühere Untersuchungen von T&E haben alarmierende Diskrepanzen bei den Importen von Abfall-Biokraftstoffen nach Europa aufgezeigt. So importiert Europa beispielsweise dreimal mehr gebrauchtes Speiseöl aus Malaysia, als in diesem Land gesammelt werden kann.

In einer weiteren Untersuchung hat T&E gezeigt, dass Europa mehr Palmölmühlenabwasser (POME) – ein Nebenprodukt der Palmölproduktion – importiert, als weltweit gesammelt werden kann. Die indonesische Regierung spricht sogar davon, dass 15-mal so viel exportiert wurde, wie realistisch zu erwarten wäre und geht davon aus, dass die POME-Exporte große Mengen des in Deutschland als Kraftstoff verbotenen echten Palmöls enthalten.

Quelle: T&E – Pressemitteilung vom 27.11.2025

worthy pixel img
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

Open-Source-Initiative für gemeinsame Software

Open-Source-Initiative für gemeinsame Software

Maria Glaser  —  

Der VDA gab bekannt, dass inzwischen mehr als 30 Unternehmen aus der gesamten Automobilzulieferkette die kollaborative Vereinbarung unterschrieben haben.

Diskussion: Batterien für Europa entstehen nicht über Nacht

Diskussion: Batterien für Europa entstehen nicht über Nacht

Sebastian Henßler  —  

Batterien einfach importieren? Das greift zu kurz. Experten offenbaren, warum Europas Industrie eigene Wertschöpfung, Partnerschaften und Skalierung braucht.

Warum Europas Batterie-Zukunft im Recycling beginnt

Warum Europas Batterie-Zukunft im Recycling beginnt

Sebastian Henßler  —  

Asien dominiert den Batteriesektor, Europa hinkt hinterher. Warum Recycling und geschlossene Stoffkreisläufe ein wichtiger strategischer Hebel sind.

Warum Rohstoffzugang allein Europas Batterien nicht rettet

Warum Rohstoffzugang allein Europas Batterien nicht rettet

Sebastian Henßler  —  

Rohstoffe sind da, Technologien auch. Warum Europas Batterielieferkette dennoch stockt und weshalb Umsetzung, Kapital und Skalierung entscheidend sind.

EU gegen China: Mindestpreise statt Strafzölle

EU gegen China: Mindestpreise statt Strafzölle

Sebastian Henßler  —  

Die EU prüft einen Kurswechsel im Handel mit China. Mindestpreise für E-Autos könnten Sonderzölle ersetzen, doch für Käufer bleiben sinkende Preise vorerst aus.

Mercedes-Benz CLA ist Europas „Car of the Year 2026“

Mercedes-Benz CLA ist Europas „Car of the Year 2026“

Michael Neißendorfer  —  

Der Mercedes-Benz CLA hat auf dem Autosalon in Brüssel die finale Abstimmung gewonnen und löst damit den Renault 5 E-Tech als „Car of the Year“ ab.

BMW dank E-Autos weiter im Wachstum – wenn auch knapp

BMW dank E-Autos weiter im Wachstum – wenn auch knapp

Michael Neißendorfer  —  

Krise in der Autoindustrie? Nicht in München: 2025 lieferte BMW gut 2,46 Millionen Fahrzeuge an Kunden aus. Wachstumsgarant: Elektroautos und Plug-in-Hybride.