Northvolt benötigt Milliarden – Porsche als Geldgeber?

Northvolt benötigt Milliarden – Porsche als Geldgeber?
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So soll das Northvolt-Werk in Heide einmal aussehen / Northvolt

Laura Horst
Laura Horst
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Beim schwedischen Batteriezellhersteller Northvolt läuft es alles andere als rund: Nachdem im Juni der bayerische Automobilhersteller BMW einen Milliardenauftrag zurückgezogen hatte, gerieten Northvolts Expansionsvorhaben ins Wanken. Nun soll auch der VW-Konzern über einen Rückzug nachdenken. Das schwedische Start-Up gilt in Hinblick auf die Batteriezellproduktion als großer Hoffnungsträger der europäischen Automobilindustrie. Das Manager Magazin spricht von einem „Schicksalsprojekt für eine der wichtigsten Industrien des Kontinents“.

Geplant hatten die Schweden ursprünglich, 2023 bereits 16 Gigawattstunden Produktionskapazität zu erreichen, die für mehr als 250.000 Elektroautos ausreichen würden. Laut Brancheninsidern liegt der Output derzeit noch unter einer Gigawattstunde. Qualitätsprobleme der Zellen und Lieferungsverzögerungen hätten jüngst BMW dazu veranlasst, den Deal mit Northvolt vorerst platzen zu lassen, hieß es. Die Zusammenarbeit soll aber nicht beendet sein.

Peter Carlsson, Co-Gründer und CEO des Zellherstellers, ist weiterhin optimistisch, da das verlorene Projekt gerade einmal fünf Prozent aller Aufträge ausmache. Man könne sich nun stärker auf die übrigen Projekte konzentrieren. Unter den Investoren, von denen Carlsson bis dato 13 Milliarden Euro eingesammelt hat, ist die Lage hingegen weniger entspannt und geht in Nervosität über, wie das Manager Magazin in Berufung auf Beteiligte berichtet.

Aktuell mangelt es Northvolt vor allem an Kapital. Seit Monaten bemüht sich Carlsson, Geld zu beschaffen. Eine gute Milliarde Euro möchte er über eine Finanzierungsrunde aufnehmen. Insider schätzen den Cashbedarf der kommenden drei bis fünf Jahre auf etwa fünf Milliarden Euro. Es fehlt ein großer Teil des für 2024 einkalkulierten Umsatzes. Im nächsten Jahr wird die Differenz noch gravierender ausfallen. Die größten Geldgeber wie Goldman oder BlackRock sollen weiterhin bereit sein, sich an der Finanzierungsrunde zu beteiligen. Volkswagen, der größte Aktionär, soll hingegen zögern.

Um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen, konzentriere man sich nun auf den Standort Skellefteå. „Wenn Skellefteå nicht endlich stabil funktionierende Batteriezellen liefert, dann bekommen die gar keinen Auftrag mehr. Die müssen die Fabrik zum Laufen bringen“, äußert ein beteiligter Aufsichtsrat. Das Werk wurde Ende 2021 in Betrieb genommen und sollte ursprünglich Batteriezellen für Audi, BMW, Porsche und den Lkw-Hersteller Scania liefern. Bisher sind diese Lieferungen jedoch ausgeblieben, da es sowohl Probleme beim Hochfahren der Anlagen gab und es zusätzlich an Fachkräften mangelt.

Der Standort am Polarkreis mit kurzen Sommern und langen, dunklen Wintern macht die Mitarbeiterwerbung nicht einfacher. Obendrein soll die Zusammenarbeit mit der chinesischen Firma Wuxi Lead, die Spezialmaschinen im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro geliefert hat, die Lage erschweren. Dabei sollen immer wieder Genehmigungen der Chinesen fehlen, ohne die Northvolt Gewährleistungsprobleme drohen. Viele von Northvolt benötigte Parameter seien zunächst nicht auf die Maschinen aufgespielt gewesen, wie Manager berichten, die das Werk besucht hatten. Die Schweden wussten nicht, wie man die Daten auf die Anlage bekommt. Auch die schwierige Kommunikation mit den aus China eingeflogenen Wuxi-Lead-Mitarbeitern habe das Hochfahren der Anlagen weiter verzögert.

„Wenn wir es nicht schaffen, Zellen in Europa zu produzieren, steht unsere Autoindustrie am Kipppunkt“

Für die Produktion von Batteriezellen ist eine extreme Präzision nötig. Millimetergenau werden dabei hauchdünne Folien – Anode, Separator und Kathode im Wechsel – gestapelt und gestanzt. Die Genauigkeit und Exaktheit der Stapelung bestimmen später die Qualität der Batteriezellen. Die Spezialmaschinen von Wuxi Lead sind dazu in der Lage, jedoch muss jede Anlage neu eingestellt werden, weshalb die Produktion nur schleppend voran läuft. In den Anlagen, die nicht stabil genug arbeiten, sehen auch Kundenmanager das Hauptproblem von Northvolt. Indessen wächst der Unmut der Kunden, von denen zuerst Scania-Chef Christian Levin Ende 2023 laut wurde: Er beklagte dabei nicht die Qualität der Zellen, aber die geringe Anzahl, die bisher geliefert wurde.

Wenn wir es nicht schaffen, Zellen in Europa zu produzieren, steht unsere gesamte Autoindustrie an einem Kipppunkt“, äußerte ein Multiaufsichtsrat. Rechnete die EU-Kommission vor wenigen Jahren noch mit einem Bedarf von 20 bis 30 Zellfabriken in Europa, wurden jüngst zahlreiche Projekte gestoppt, darunter auch die Fabrik von ACC in der Pfalz. Vergangenen Monat gab das Joint-Venture bekannt, die Pläne für die Zellfertigung zu überarbeiten. Anlass dazu seien eine günstigere Zellchemie und die gesunkene Nachfrage in Europa.

Während Kunden wie Scania und Audi vorsorglich nicht alles auf eine Karte gesetzt haben und neben Northvolt Alternativlieferanten beauftragt haben, hat Porsche momentan das höchste Risiko. Für den elektrischen Sportwagen 718 hat Entwicklungschef Michael Steiner sehr dünne Zellen bei Northvolt bestellt, die eine Extraperformance garantieren sollen. Angesichts des geringeren Volumens hat Steiner keinen weiteren Lieferanten beauftragt. Insider berichten, dass VW-Chef Oliver Blume, der auch Porsche führt, darüber diskutiere, Northvolt mit mehr als einer Milliarde Euro zu unterstützen, um Porsche und der gesamten Branche zu helfen. Im Gegenzug könne Northvolt mit Porsches Cellforce kooperieren. Öffentlich hat sich der VW-Chef bisher nicht zu einer möglichen Finanzhilfe für die Schweden geäußert.

Quelle: Manager Magazin – Akkudrama am Polarkreis

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