E-Strategie angepasst: Porsche folgt dem Kundentempo

E-Strategie angepasst: Porsche folgt dem Kundentempo
Copyright:

Porsche

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Im Interview mit der Automobilwoche blickt Albrecht Reimold, Produktionschef bei Porsche, auf zehn Jahre im Vorstand des Sportwagenherstellers zurück und ordnet zugleich die aktuelle Lage des Unternehmens ein. Reimold, der zuvor Produktionschef bei Volkswagen Slovakia war, beschreibt seinen Wechsel nach Stuttgart als persönlichen Meilenstein. „Ein Vorstandsposten bei einer solchen Weltmarke ist schon etwas Besonderes“, sagt Reimold und verweist auf seinen Werdegang vom Werkzeugmacher bis in die Konzernspitze.

Eine der ersten großen Aufgaben war die Integration des Taycan in das Werk Zuffenhausen. Der Hochlauf des ersten rein elektrischen Porsche-Modells gilt intern als Bewährungsprobe für Organisation, Belegschaft und Produktionsprozesse. Rückblickend spricht Reimold von einem Erfolg und hebt vor allem die „Leidenschaft und den Teamgeist“ der Mitarbeitenden hervor. Parallel dazu habe man an allen Standorten intensiv an Effizienz, Flexibilität und der Stabilisierung des Lieferantennetzwerks gearbeitet. Bei einer Wertschöpfungstiefe von rund 20 Prozent sei die enge Zusammenarbeit mit Partnern essenziell, um Modellanläufe zuverlässig zu bewältigen.

Produktionswachstum und die zentrale Rolle des 911

Deutlich sichtbar ist der Produktionsausbau am Stammsitz: Während vor zehn Jahren rund 200 Zweitürer pro Tag gefertigt wurden, liegt die tägliche Stückzahl heute bei fast 300 Autos. Der 911 bleibt dabei laut Reimold „der Kern unserer Modellpalette“ und ist weiterhin stark nachgefragt. Einen Lieblingsstandort will der Produktionsvorstand nicht benennen. Stuttgart, Leipzig und Bratislava hätten jeweils eigene Stärken, Unterschiede bei Kosten und Produktivität würden im Produktionsnetzwerk gezielt austariert, um den bestmöglichen Mix für Porsche zu erreichen.

Angesichts steigender US-Zölle räumt Reimold ein, dass eine rein europäische Produktion Nachteile haben kann. Ein Werk in Nordamerika sei zwar geprüft worden, wirtschaftlich aber nicht sinnvoll. „Dafür sind unsere Volumina über die einzelnen Modellreihen einfach zu gering“, selbst unter Berücksichtigung möglicher Subventionen. Stattdessen setzt Porsche auf Flexibilität innerhalb des bestehenden Netzwerks. Bei Nachfrageschwankungen könne man Produktionsumfänge über Schichtmodelle, Leiharbeit oder die Nutzung von Standorten im VW-Verbund anpassen. Der Cayenne aus Bratislava und die bis vor Kurzem in Osnabrück gefertigte 718-Baureihe nennt Reimold als Beispiele.

Klare Absage an eine Taycan-Verlagerung

Spekulationen über eine mögliche Verlagerung des Taycan nach Leipzig weist er klar zurück. Das Modell sei gut in Zuffenhausen integriert, zusätzliche Verlagerungskosten ergäben keinen Sinn. Grundsätzlich werde jedoch von Generation zu Generation neu entschieden, welcher Standort die besten Voraussetzungen für Plattform und Produkt biete.

Ein sensibles Thema bleibt die Lage vieler Zulieferer. Reimold betont, dass Porsche sein Geschäftsmodell dennoch nicht infrage stellt. Fixkosten zu erhöhen sei keine Lösung, zumal viele Schlüsseltechnologien extern lägen. Die mehrheitliche Übernahme der V4Smart GmbH von Varta bezeichnet er als Ausnahme. Ziel sei es gewesen, sich eine einzigartige Technologie zu sichern und die einzige Produktion von Lithium-Ionen-Rundzellen in Europa aufzubauen. Inzwischen werden die Zellen in Serie gefertigt und als Booster in 911 GTS- und Turbo-T-Hybrid-Modellen eingesetzt. Der Produktionshochlauf sei erheblich: von 2000 Zellen pro Woche zu Beginn auf heute rund 400.000.

Mit Blick auf die konjunkturelle Abkühlung und den erstmals rückläufigen Absatz spricht Reimold offen über externe Belastungen. Covid, der Ukraine-Krieg, US-Zölle und neue Luxussteuer-Grenzen in China hätten die globalen Lieferketten und die Nachfrage spürbar beeinflusst. Zur Einordnung zitiert er Markenbotschafter Walter Röhrl: „Driften ist die Kunst, einen instabilen Zustand stabil zu halten.“ Dieses Bild überträgt Reimold auf das unternehmerische Handeln in unsicheren Zeiten.

Kurskorrektur bei der Elektromobilität

Die Anpassung der Elektrostrategie verteidigt er. Zwar sei er persönlich ein Befürworter der Elektromobilität, der Hochlauf verlaufe aber regional langsamer als erwartet. Porsche reagiere nun auf Kundenwünsche und erweitere das Angebot wieder stärker um Verbrenner und Plug-in-Hybride. Gleichzeitig sieht sich das Unternehmen vorbereitet, falls die Nachfrage nach E-Autos schneller anzieht: Kunden könnten in allen Segmenten zwischen drei Antriebsarten wählen.

Konkrete Entscheidungen gibt es bereits für die Zukunft: Das neue SUV im B-Segment, das neben dem elektrischen Macan auch mit Verbrenner- und Plug-in-Hybrid-Antrieb kommen soll, wird in Leipzig produziert. Der Marktstart ist gegen Ende des Jahrzehnts geplant. Reimold begründet die Wahl mit der langen Historie des Standorts, seiner hohen Auszeichnung und der besonderen Kompetenz im parallelen Bau von Verbrenner-, Hybrid- und Elektroautos auf einer Linie.

Quelle: Automobilwoche – Porsche-Produktionschef Reimold: „Es wäre fahrlässig, das nicht zu prüfen“

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Porsche Elektroautos

Porsche dementiert Gerücht über weiteren Stellenabbau

Porsche dementiert Gerücht über weiteren Stellenabbau

Arun Niemann  —  

Porsche-Chef Michael Leiters weist Berichte über weitere 4.000 Stellenstreichungen zurück. Gleichzeitig wächst nach VWs Gewinnwarnung der Druck auf den Sparkurs.

Porsche startet induktives Laden mit dem Cayenne Electric

Porsche startet induktives Laden mit dem Cayenne Electric

Sebastian Henßler  —  

Porsche stattet den Cayenne Electric erstmals mit induktivem Laden aus: Bis zu 11 kW werden kabellos übertragen, der Wirkungsgrad liegt bei rund 90 Prozent.

Porsche treibt Kreislaufwirtschaft bei Batterien voran

Porsche treibt Kreislaufwirtschaft bei Batterien voran

Sebastian Henßler  —  

Porsche hat gemeinsam mit Cylib erstmals Batteriezellen hergestellt, deren Kathodenmaterial zu 100 Prozent aus recycelten Rohstoffen besteht.

Elektro-Neuauflage des Porsche 550 Spyder ab 81.000 Euro

Elektro-Neuauflage des Porsche 550 Spyder ab 81.000 Euro

Sebastian Henßler  —  

Ab rund 81.000 Euro (netto) ist der elektrische Porsche 550 J ab sofort bestellbar – allerdings darf man mit dem Gefährt nicht auf die Straße.

Porsche-Vertrieb: Deutschland verliert seinen Sonderstatus

Porsche-Vertrieb: Deutschland verliert seinen Sonderstatus

Sebastian Henßler  —  

Deutschland wird künftig Teil der Region Europa, die Robert Ader als Regional Lead zusätzlich zu seiner bisherigen Aufgabe übernimmt.

Porsche ringt um den richtigen Elektro-Kurs

Porsche ringt um den richtigen Elektro-Kurs

Daniel Krenzer  —  

Porsche steht vor einem strategischen Umbau. Chef Michael Leiters muss Taycan, Elektrostrategie, Modellportfolio, China-Geschäft und Kosten neu ausrichten.

Warum Porsche in der Formel E wie beim Blitzschach denkt

Warum Porsche in der Formel E wie beim Blitzschach denkt

Sebastian Henßler  —  

Florian Modlinger leitet das Porsche Formel-E-Team und vergleicht die Taktik im engen Rennen mit einer Partie Blitzschach, bei der jede Entscheidung zählt.