Ladeparadies Kamen: 52 EnBW-Schnelllader – und sehr viel Konkurrenz

Ladeparadies Kamen: 52 EnBW-Schnelllader – und sehr viel Konkurrenz
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Daniel Krenzer

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Rund um das Kamener Autobahnkreuz hat sich auf engstem Raum ein außergewöhnlicher Lade-Hotspot entwickelt. Allein EnBW bietet 52 Schnellladepunkte, Tesla, Ionity, EWE Go und weitere Betreiber stehen teilweise nur hundert Meter entfernt. Aktuelle Daten für August zeigen: Für E-Auto-Fahrer ist das nahezu ideal. Für die Betreiber wird es dagegen immer schwieriger, die eigenen Säulen gut auszulasten.

Wer mit dem Elektroauto am Kamener Kreuz von der A1 oder A2 abfährt, muss sich dafür um einen freien Schnellladepunkt keine Gedanken machen. Rund um Kamen-Karree und Zollpost stehen inzwischen mehr als 100 Schnellladepunkte unterschiedlicher Betreiber. Hinzu kommt bald weitere Konkurrenz: Direkt am IKEA war der Bau eines neuen Ladeparks von Mer bei unserem Besuch vor wenigen Wochen weit fortgeschritten.

Im Mittelpunkt des Clusters steht der Ende 2021 eröffnete EnBW-Schnellladepark mit vorbildlicher Ausstattung samt Toilette und kleinem Rewe-ready-Shop. Mit 52 DC-Ladepunkten und bis zu 300 kW war er bei seiner Eröffnung der größte seiner Art in Deutschland. Die Dimension wirkt bis heute enorm – insbesondere im direkten Vergleich mit der tatsächlichen Nutzung.

EnBW hat die meisten Ladevorgänge

Aktuelle Zahlen von ChargePointRadar für August zeigen für EnBW 5064 Ladevorgänge für DC-Ladestationen ab 100 kW Leistung. Das sind die meisten an einem einzelnen der untersuchten Standorte und durchschnittlich 97,4 Ladevorgänge je Ladepunkt im Monat. Die errechnete Auslastung lag dennoch lediglich bei 5,68 Prozent. Und auch bei unserem Besuch vor Ort waren immer nur zwei bis fünf Ladepunkte gleichzeitig belegt.

Ganz anders sieht es beim nur zwölf Ladepunkte großen Tesla-Supercharger aus: Dort wurden im August 4268 Ladevorgänge registriert. Das entspricht bemerkenswerten 356 Ladevorgängen je Ladepunkt und einer Auslastung von 21,77 Prozent – fast viermal so viel wie bei EnBW.

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Auch die zwölf Ionity-Ladepunkte sind mit 2320 Ladevorgängen beziehungsweise 193 je Ladepunkt und einer Auslastung von 10,73 Prozent deutlich stärker belegt. EWE Go verzeichnete bei sechs Ladepunkten 1095 Ladevorgänge, also knapp 183 je Ladepunkt, bei einer Auslastung von 9,31 Prozent. Beim Betreiber Pfalzwerke wurden 1135 Ladevorgänge an sechs Ladepunkten erfasst, entsprechend gut 189 Vorgängen je Ladepunkt im August. Citywatt (38,8) und Allego (54,25) bleiben bei den Ladevorgängen pro Ladepunkt hinter EnBW zurück. Shell Recharge verzeichnet bei nur zwei Ladepunkten immerhin 294 Ladevorgänge insgesamt. Auf alle acht betrachteten Betreiber verteilt summieren sich im August gut 14.800 Ladevorgänge.

EnBW sieht die Entwicklung trotzdem im Plan

Eine geringe prozentuale Auslastung bedeutet allerdings nicht automatisch, dass der EnBW-Park falsch dimensioniert ist. Das Unternehmen versteht große Schnellladeparks ausdrücklich auch als Investition in den künftigen Bedarf. „Die Auslastung am EnBW-Schnellladepark in Kamen entwickelt sich positiv und liegt im Rahmen der Prognosen, die die EnBW zugrunde gelegt hat“, erklärt eine EnBW-Sprecherin auf Anfrage von Elektroauto-News. Die Prognosen würden regelmäßig an die Marktentwicklung angepasst.

Gleichzeitig räumt das Unternehmen ein, dass die ursprünglichen Erwartungen an den Gesamtmarkt teilweise ambitionierter waren: „Der Hochlauf der E-Mobilität in Deutschland [hat sich] in den vergangenen Jahren weniger dynamisch entwickelt, als dies in früheren Marktprognosen teilweise angenommen wurde.“

Dass 52 Schnellladepunkte unmittelbar errichtet wurden, war dennoch eine bewusste Entscheidung. „Den Standort haben wir von Beginn an mit der maximal möglichen Anzahl an Ladepunkten errichtet“, schreibt uns EnBW. Netzanschluss und weitere Infrastruktur konnten dadurch gleich auf die endgültige Dimension ausgelegt werden. Spätere Bauarbeiten und Erweiterungen lassen sich reduzieren. Zur Profitabilität einzelner Ladeparks macht EnBW keine Angaben.

Warum baut die Konkurrenz direkt daneben?

Dass weitere Anbieter gerade dort Ladeparks errichten, wo ohnehin schon besonders viele Ladepunkte stehen, erscheint zunächst widersinnig. Aus der klassischen Standortlehre ist ein ähnlicher Effekt jedoch bekannt. Das sogenannte Hotelling-Modell wird gerne mit zwei Eisverkäufern an einem Strand erklärt. Hat ein Anbieter einen besonders attraktiven Standort gefunden, ist für den Konkurrenten häufig nicht das weit entfernte Ende des Strandes optimal – sondern ein Platz möglichst nahe beim erfolgreichen Wettbewerber. Beide wollen möglichst nah am Zentrum der Nachfrage sein, was bei einem gleichmäßig genutzten Strand mit Blick auf die summierten Wege die Mitte ist.

Natürlich ist die Realität von Ladeparks komplexer. Grundstücke, Verkehrsanbindung, Aufenthaltsmöglichkeiten und vor allem leistungsfähige Netzanschlüsse begrenzen die Standortwahl. Das grundlegende Prinzip lässt sich in Kamen aber gut beobachten: Wo nachweislich viele potenzielle Kunden vorbeikommen und Ladeinfrastruktur funktioniert, wollen auch andere Betreiber hin.

Für E-Auto-Fahrer hat das erhebliche Vorteile. Ist ein kleiner Ladepark tatsächlich einmal voll, befinden sich mehrere Alternativen praktisch in Sichtweite. Gleichzeitig können Fahrer nach Preis, bevorzugter Ladekarte, Ladeleistung oder Aufenthaltsangebot auswählen.

9,5 MW Ladeleistung dank vorausschauendem Netzausbau

Dass ein solches Ladeparadies in Kamen überhaupt möglich ist, hat einen entscheidenden Grund: das lokale Stromnetz. Die GSW als zuständiger Netzbetreiber hat nach eigenen Angaben nicht erst reagiert, als die Ladeparkbetreiber Schlange standen. Im Zuge der Entwicklung des gesamten Gewerbe- und Wirtschaftsstandorts seien die künftigen Leistungsanforderungen früh berücksichtigt worden.

„Entsprechend wurden Netzstrukturen erweitert und verstärkt, um zusätzliche Leistungsreserven zu schaffen und eine leistungsfähige Versorgung des Standortes sicherzustellen“, teilt die GSW Elektroauto-News mit. Dabei seien die Kapazitäten keineswegs ausschließlich für Elektroautos geschaffen worden. Die Schnellladeparks profitieren vielmehr vom generell leistungsfähig ausgebauten Gewerbestandort. Seit 2014 ist die installierte Leistung der Ladeinfrastruktur im Bereich Kamen-Karree und Zollpost laut GSW auf rund 9,5 MW gestiegen. Weitere Anfragen befinden sich bereits in Prüfung, heißt es zudem.

Die vielleicht wichtigste Aussage des Netzbetreibers lautet deshalb: „Entscheidend war dabei, die Entwicklung des Strombedarfs nicht ausschließlich anhand bereits konkret vorliegender Anschlussbegehren zu betrachten, sondern auch absehbare Entwicklungen am Wirtschafts- und Gewerbestandort in die Netzplanung einzubeziehen.“ Damit wird Kamen zu einem interessanten Positivbeispiel für Regionen, in denen fehlende Netzkapazität den Aufbau großer Ladeparks inzwischen zunehmend zum Flaschenhals macht.

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Mer schafft bei IKEA weitere Konkurrenz

Und der Ausbau geht weiter. Direkt beim IKEA Kamen wurde zuletzt intensiv an einem neuen Mer-Ladepark gearbeitet. Die Baumaßnahmen waren bereits weit fortgeschritten, eine Inbetriebnahme dürfte daher absehbar sein. Offiziell führt IKEA die Lademöglichkeit am Standort derzeit allerdings beim Verfassen dieses Artikels als „außer Betrieb“. IKEA und Mer bauen bundesweit gemeinsam die Ladeinfrastruktur an den Einrichtungshäusern aus, bis 2028 sollen mehr als 1000 neue Ladepunkte entstehen. IKEA stellte bereits fest, dass die verfügbaren Netzkapazitäten beim Ausbau – anders als offenbar in Kamen – häufiger zum Nadelöhr werden.

Damit steigt der Konkurrenzdruck in Kamen weiter. Der Kunde profitiert davon, für die Betreiber verteilt sich die vorhandene Nachfrage dagegen auf immer mehr Anschlüsse.

Wenige Meter können viel ausmachen

Auch beim Preis bringt der Wettbewerb Vorteile. Beispielhaft lassen sich 50 kWh nachgeladener Strom betrachten. Bei EnBW kosten sie während der noch bis Ende September laufenden Sommeraktion im grundgebührfreien mobility+-Tarif S 25,50 Euro. Im Viellader-Tarif L sind es aufgrund der Aktion nur 17 Euro, hinzu kommen 11,99 Euro monatliche Grundgebühr. Regulär liegt der L-Tarif bei 39 Cent je kWh, aktuell bei 34 Cent.

EWE Go verlangt an eigenen Ladepunkten einheitlich 52 Cent je kWh ohne Grundgebühr – 50 kWh kosten somit 26 Euro. IONITY bietet neben spontanem Laden ebenfalls vergünstigte Abo-Modelle an; die günstigsten Abonnementpreise liegen aktuell bei rund 40 Cent je kWh, hinzu kommt eine monatliche oder jährliche Gebühr. Tesla arbeitet dagegen mit standort- und teilweise zeitabhängigen Preisen und unterscheidet außerdem zwischen Tesla-Fahrern beziehungsweise Mitgliedern und anderen Nutzern. Der Kamener Standort ist rund um die Uhr auch für kompatible Fremdmarken geöffnet.

Auch der künftige Mer-Standort bringt eine interessante Tarifvariante: An IKEA-Ladeparks kostet HPC-Laden derzeit 69 Cent für registrierte Mer-Kunden und 79 Cent ad hoc; IKEA-Family- und Business-Network-Mitglieder erhalten einen Rabatt auf 55 Cent. Für 50 kWh ergibt das 34,50 Euro, 39,50 Euro beziehungsweise 27,50 Euro.

Für Fahrer fast perfekt – für Betreiber schwierig

Kamen zeigt damit ziemlich anschaulich, wie ein reifer Schnelllademarkt einmal aussehen könnte. Statt eines einzelnen Ladeparks, dessen Defekt oder Vollbelegung zum Problem wird, konkurrieren mehrere Anbieter auf engstem Raum. Wer laden muss, dürfte praktisch zu jeder Tages- und Nachtzeit einen freien Anschluss finden – und kann zusätzlich nach Tarif und Anbieter auswählen. Wünschenswert wäre es für die Nutzer künftig aber, sich vorab nicht zu viele Gedanken über unterschiedliche Ladepreise machen zu müssen.

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Für die Betreiber ist dieselbe Situation wesentlich unbequemer. EnBW wickelt zwar die meisten Ladevorgänge ab, verteilt diese aber auf 52 Ladepunkte. Tesla erreicht mit zwölf Anschlüssen fast dieselbe Zahl an Ladevorgängen und entsprechend eine vielfach höhere Auslastung. EWE Go fällt mit mehr als 330 Ladevorgängen je Ladepunkt ebenfalls auf.

Mit jedem neuen Ladepark steigt zunächst die verfügbare Kapazität schneller als die Zahl der Elektroautos. Ob sich die heute noch reichlich vorhandenen Reserven mit dem weiteren Markthochlauf füllen, wird darüber entscheiden, wie wirtschaftlich solche Großstandorte langfristig werden. Die jüngsten Neuzulassungszahlen aus dem August sprechen aber eine klare Sprache: Fast jeder dritte neue Pkw in Deutschland ist inzwischen vollelektrisch.

Kamen zeigt zugleich, welche Voraussetzung dafür unverzichtbar ist: Ein leistungsfähiges Stromnetz muss entstehen, bevor der Bedarf an jedem einzelnen Anschluss bereits akut geworden ist. Genau darin könnte der Lade-Hotspot am Kamener Kreuz für andere Gewerbe- und Verkehrsknoten zum interessanten Vorbild werden.

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Daniel Krenzer

Daniel Krenzer ist als studierter Verkehrsgeograf und gelernter Redakteur seit mehr als zehn Jahren auch als journalistischer Autotester mit Fokus auf alternative Antriebe aktiv und hat sich zudem 2022 zum IHK-zertifizierten Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe ausbilden lassen.

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