Auf dem europäischen Fahrzeugmarkt sind nehmen chinesische Hersteller mehr und mehr das Segment der leichten Nutzfahrzeuge ins Visier. Unternehmen wie Chery, Foton und Geely mit seinen Tochterunternehmen Farizon und Delivan bringen nun ihre Elektrotransporter nach Europa, die im Gegensatz zu Pkw aus China keinen zusätzlichen EU-Zöllen unterliegen.
Anders als beim europäischen Pkw-Markt, auf dem chinesische Hersteller schnell Fuß gefasst haben und weiterhin auf Wachstumskurs sind, ist der Anteil bei den Elektrotransportern bisher gering. Zu den wenigen chinesischen Unternehmen, die bereits in dem Segment tätig sind, gehört etwa die SAIC-Tochter Maxus. In Großbritannien, Europas größtem Markt für Elektrotransporter, verkaufte Maxus laut Zahlen des Branchenverbands SMMT (The Society of Motor Manufacturers and Traders) im ersten Quartal gerade einmal 217 Fahrzeuge, gegenüber dem Marktführer Volkswagen mit 1931 und Ford mit 1792 Fahrzeugen.
Markteinführungen in den nächsten Jahren geplant
Weitere chinesische Hersteller stehen jedoch bereits in den Startlöchern, um in dem Wettbewerbsfeld mitzumischen. Auf der Commercial Vehicle Show (CV Show) in Birmingham, der größten britischen Nutzfahrzeugmesse, kündigten vergangenen Monat unter anderem Delivan, Farizon und Foton an, in den nächsten Jahren, teilweise noch in diesem Jahr, ihre Elektrotransporter in Europa herauszubringen.
Zu ihrem Vorteil wollen die chinesischen Unternehmen die Abhängigkeit der europäischen Hersteller von profitablen Dieselmodellen und zugleich die verschärften Abgasvorschriften nutzen, durch die eine schnellere Elektrifizierung des Segments notwendig wird. Neben Großbritannien fokussieren die Chinesen sich auf Märkte wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien. Dabei setzen sie auf wettbewerbsfähige Preise und das Vertrauen seitens der Kunden in Chinas Kompetenz bei Elektrofahrzeugen.
Elektro-Expertise als Verkaufsargument
„Der Bekanntheitsgrad ist zwar nicht hoch, aber viele Kunden sind der Meinung, dass chinesische Marken bei Elektrofahrzeugen im Vorteil sind“, sagt Tate Huang, Vertriebsleiter von Foton in Großbritannien. Der gute Ruf der Chinesen sei für die Neulinge ein Verkaufsargument auf dem europäischen Markt. Der Hersteller, der in China für große Lkw bekannt ist, will noch in diesem Jahr seinen Elektro-Lieferwagen Cavan nach Großbritannien bringen. Anschließend soll das kompakte Modell, das dank seiner speziellen Plattform für Elektrofahrzeuge überdurchschnittlich viel Laderaum bietet, in weiteren Märkten wie Griechenland, Italien, Spanien und Polen eingeführt werden.
Chery plant mit seinem Tochterunternehmen Delivan direkt eine komplette Palette an Elektrotransportern, die von kompakten bis hin zu großen Modellen reichen soll. Die Markteinführung in Europa ist für 2027 angepeilt. Produzieren will Delivan vor Ort im ehemaligen Nissan-Werk in Barcelona, wo der Mutterkonzern Chery bereits Pkw baut. Die Elektrotransporter sollen aus Bausätzen gefertigt werden, erklärte Delivan-CEO Jolly Yang auf der CV Show.
„Der Markt wird zunehmend umkämpft, daher brauchten wir ein Produkt, das ebenso leistungsfähig ist, aber zu einem attraktiveren Preis angeboten wird“, sagte Kate McLaren, Leiterin des Bereichs Vertrieb und Marketing bei Farizon in Großbritannien, auf der Messe in Birmingham. Die Geely-Tochter ist bereits in mehreren europäischen Ländern mit dem Transporter SV vertreten und startet nun auch in Deutschland. Der SV soll hierzulande ab 44.900 Euro netto erhältlich sein, während das jüngere Schwestermodell ab 32.600 Euro netto starten soll.
Ford Transit City soll Konkurrenz Einhalt gebieten
Unter den etablierten Herstellern leichter Nutzfahrzeuge herrschen gemischte Gefühle angesichts der Marktoffensive der Chinesen. Ford etwa bringt den in China gebauten Kompakttransporter Transit City heraus, um der neuen Konkurrenz entgegenzuwirken. „Wir könnten uns zurücklehnen und zusehen, wie sie [die Chinesen] uns das Wasser abgraben, oder wir können uns ihnen anschließen und versuchen, dagegen anzukämpfen“, erklärte Simon Robinson, Chefingenieur des Transit City-Programms.
Der Transit City ist kleiner als die Elektroversion des mittelgroßen Transit Custom, der Fords meistverkaufter Transporter in Europa ist. Dank der Elektroplattform bietet der Transit City in etwa einen gleichgroßen Laderaum. Hergestellt wird der kompakte Transporter von Fords chinesischem Joint-Venture-Partner Jiangling Motors. Im Gegensatz zum Transit Custom verwendet der Transit City nicht nur eine kleinere 56-kWh-Batterie, sondern auch eine kostengünstigere Lithium-Eisenphosphat-Chemie, die etwa 254 Kilometer Reichweite ermöglicht.
Während der größere E-Transit Custom mit 373 Kilometern mehr Reichweite bietet, soll der Transit City deutlich günstiger werden. Den offiziellen Preis hat Ford bisher nicht veröffentlicht, aber er soll zwischen dem E-Transit Custom (58.905 Euro Bruttolistenpreis) und dem kleineren E-Transit-Courier (35.616 Euro Bruttolistenpreis) liegen, was in etwa einem Bruttolistenpreis von 47.000 Euro für den Transit City entspräche.
Renault: Kundendienst und Umbaugeschäft als Vorteile
Wenn es nach dem französischen Hersteller Renault geht, dürften chinesische Hersteller bei den leichten Nutzfahrzeugen nicht denselben Erfolg erzielen wie beim Verkauf von Pkw in Europa. Jan Ptáček, Leiter des Geschäftsbereichs Nutzfahrzeuge bei Renault, verweist etwa auf die Notwendigkeit eines starken Kundendienstes, eines Ersatzteilgeschäfts und eines Umbausegments. „Bei Nutzfahrzeugen geht es nicht nur um das Produkt, sondern um ein ganzes Ökosystem“, sagte er. Beispielsweise verkaufe Renault bei seinem großen Transporter zu 70 Prozent umgebaute Fahrzeuge.
Der südkoreanische Hersteller Kia, der zu den drittgrößten Anbietern von Elektro-Lieferwagen in Großbritannien gehört, sieht für die Neulinge auf dem Markt einen Vorteil gegenüber etablierten Marken. „Ich denke, es ist ziemlich schwierig, einen Diesel-Lieferwagen in einen Elektro-Lieferwagen umzurüsten, daher haben unsere Produkte einen Vorteil“, sagte Paul Philpott, CEO von Kia UK. Die neuen Marktteilnehmer hingegen verfügen bereits über spezielle Elektroplattformen. Zusätzlich zu dem Lieferwagen P5 will der asiatische Hersteller in 2027 den mittelgroßen Lieferwagen PV7 in Europa einführen.
E-Transporter-Verkäufe steigen zu langsam
Für die alteingesessenen Hersteller leichter Nutzfahrzeuge steigt der Druck nicht nur angesichts der Konkurrenz aus China, sondern auch aufgrund der strengeren Emissionsvorschriften der Europäischen Union. „Ich glaube nicht, dass heute irgendjemand das CAFE-Ziel [Clean Air for Europe] im Transporter-Segment erreicht“, sagte Ptáček.
Im vergangenen Jahr machten Elektrotransporter laut dem Branchenverband ACEA etwa 11 Prozent der Neuwagenverkäufe in Europa aus, gegenüber 6 Prozent in 2024. Mit diesem Tempo kann das EU-Ziel, die CO₂‑Emissionen im Bereich der Nutzfahrzeuge bis 2029 gegenüber den Zahlen von 2021 um 15 Prozent zu senken, nicht erreicht werden.
Quellen: Automotive News – Chinese brands disrupt Europe’s van market with tariff-free imports / Electrive – Ford präsentiert elektrischen Transit City als günstigen E-Transporter








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