Wer sich mit chinesischen Automarken beschäftigt, kommt an Changan kaum vorbei, wenngleich der Name in Europa bisher deutlich weniger präsent ist als etwa BYD oder Geely. Dabei gehört das Unternehmen zu den größten Herstellern des Landes. Im Rahmen einer fünftägigen Pressereise dürfen wir interessante Einblicke erhaschen.
Zu Beginn ein paar hard facts: Changan ist in 118 Ländern aktiv, betreibt weltweit 77 Werke und kommt auf 22 Produktionsstandorte sowie rund 19.000 Verkaufsstellen. Erwähnenswert ist dabei vor allem die Breite des Konzerns. Neben der Kernmarke gehören auch Submarken wie Deepal und Avatr zum Portfolio, dazu kommen Joint Ventures mit Ford und Mazda.
Changan deckt damit ein ungewöhnlich breites Spektrum ab – vom klassischen Pkw über Pick-ups bis hin zu leichten Nutzfahrzeugen. Gleichzeitig stammen rund 85 Prozent der Verkäufe inzwischen aus den eigenen Marken. Das zeigt, wie stark sich das Unternehmen in den letzten Jahren von seinen westlichen Partnern emanzipiert hat. Ein zentraler Baustein dieser Entwicklung ist die eigene technische Kompetenz. Weltweit arbeiten laut Changan mehr als 24.000 Ingenieure aus 31 Ländern an neuen Fahrzeugen, verteilt auf 44 Forschungs- und Entwicklungszentren sowie über 200 Labore.
Designzentrum Chongqing: Globaler Anspruch und geheime Modellpremieren
Ein Besuch im Designzentrum nahe Chongqing ist einer der ersten Programmpunkte unserer Reise und gleichzeitig ein guter Einstieg, um das Selbstverständnis des Herstellers zu verstehen. Changan setzt bewusst auf ein internationales Team. Mit Klaus Zyciora, der von 2020 bis 2022 das Gesicht von Volkswagen prägte und unter anderem für das Design der ID.-Modelle verantwortlich war, steht ein europäischer Designer an der Spitze, insgesamt umfasst das Team rund 1000 Mitarbeitende aus verschiedenen Ländern. Die Entwürfe wirken entsprechend weniger wie klassische „China-Designs“, sondern orientieren sich klar an globalen Trends.

Der Anspruch ist offensichtlich: Fahrzeuge sollen nicht nur im Heimatmarkt funktionieren, sondern weltweit. Um direktes Feedback aus Europa einzuholen, gewährt Changan uns als europäischen Medienvertretern schließlich einen exklusiven Blick auf kommende Modelle verschiedener Changan-Marken verteilt auf verschiedenste Segmente – selbstverständlich müssen Kameras, Handys und Smart Glasses vor dem Saal abgegeben sowie eine Verschwiegensheitserklärung unterschrieben werden. So viel sei allerdings gesagt: Da kommt eine ästhetisch äußerst ansprechende Produktoffensive auf die Konkurrenz zu.
Crashtest-Labor: 5 Millionen Testkilometer und Entwicklung im Dauerbetrieb
Deutlich technischer wird es beim Besuch im Crashtest-Labor. Hier zeigt sich, wie groß der Aufwand hinter der Entwicklung moderner Fahrzeuge tatsächlich ist. Changan betreibt ein Netzwerk aus über 200 Testeinrichtungen, darunter Crashlabore, Akustikzentren und Umweltprüfstände. Fahrzeuge werden auf eine Lebensdauer von bis zu zehn Jahren oder 260.000 Kilometern ausgelegt, jede neue Baureihe muss mehr als 5 Millionen Testkilometer und über 12.000 Einzeltests absolvieren. Viele Tests laufen rund um die Uhr, Prozesse sind weitgehend automatisiert.

Gleichzeitig setzt Changan stark auf digitale Simulationen, etwa über sogenannte „Digital Twins“. Ziel ist es, Entwicklungszeiten zu verkürzen und gleichzeitig die steigende Komplexität moderner Fahrzeuge besser zu beherrschen. Wir dürfen schließlich hinter einer Plexiglaswand stehend dabei zusehen, wie ein Deepal S05 – der im Übrigen bereits in Deutschland bestellbar ist – einen frontalen Crashtest mit 23 km/h absolviert.

Deepal L06 und der Blick über den Elektro-Tellerrand
Den Abschluss der Reise bildet der Besuch der Auto China in Beijing, aka der größten Automobilmesse der Welt. Auch hier ist Changan selbstredend mit diversen Messeständen vertreten. Im Vordergrund steht die vollelektrische Mittelklasselimousine Deepal L06, die mit Heckantrieb und bis zu 200 kW Motorleistung daherkommt und dank zwei LFP-Batteriegrößen (56 oder 68,8 kWh) für 560 bis 670 km CLTC-Reichweite sorgen soll. In China startet das Modell im Vorverkauf bei etwa 139.900 bis 161.900 Yuan (rund 18.000 bis 22.000 Euro) und positioniert sich damit klar im Volumensegment. Zu den wichtigsten Konkurrenten zählen vor allem Modelle wie der XPeng Mona M03 und der BYD Qin L, gegen die sich der L06 insbesondere über Ausstattung (z. B. serienmäßiges Lidar) und Preis-Leistungs-Verhältnis absetzen soll.

Changan ist allerdings kein reiner Elektro-Konzern, neben reinen Elektroautos spielen Plug-in-Hybride und Range-Extender weiterhin eine wichtige Rolle. In internen Präsentationen wird vor allem die Effizienz dieser Systeme betont, etwa deutlich niedrigere Verbrauchswerte im Vergleich zu klassischen Verbrennern. Solche Angaben sind naturgemäß mit Vorsicht zu genießen, zeigen aber, wo Changan aktuell seine Prioritäten setzt: nicht ausschließlich auf reine Elektromobilität, sondern auf eine breitere technologische Basis.

Vast Ocean Plan 2.0: Wie Changan global Fuß fassen will
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Themen Software und Vernetzung. Alle Modelle, die seit 2020 neu eingeführt wurden, sind serienmäßig onlinefähig, gleichzeitig entwickelt Changan eigene Architekturen, Assistenzsysteme und KI-basierte Funktionen. Auch hier gilt: Die Ambitionen sind hoch, der entscheidende Test wird aber außerhalb Chinas stattfinden. Der strategische Rahmen hinter all dem ist der sogenannte „Vast Ocean Plan“, den Changan bereits vor einigen Jahren gestartet und auf der Auto China 2026 als „Vast Ocean Plan 2.0“ weiterentwickelt hat. Im Kern beschreibt er die globale Expansionsstrategie des Konzerns – allerdings mit einer klar veränderten Ausrichtung.
Während viele chinesische Hersteller lange vor allem Fahrzeuge exportiert haben, will Changan künftig stärker lokal präsent sein. Intern spricht das Unternehmen davon, den Schritt vom reinen „Going global“ hin zu „Taking root locally“ zu machen. Gemeint ist: nicht nur Autos in neue Märkte zu liefern, sondern vor Ort Strukturen aufzubauen – von Produktion über Entwicklung bis hin zu Vertrieb und Service.
Die Ziele dahinter sind ambitioniert. Bis 2030 plant Changan, rund 1,5 Millionen Fahrzeuge pro Jahr im Ausland abzusetzen, mit weiterem Wachstumspotenzial darüber hinaus. Gleichzeitig werden die einzelnen Regionen unterschiedlich priorisiert. In Europa will man perspektivisch eine führende Rolle unter den chinesischen Marken einnehmen, während in Märkten wie Südostasien, dem Nahen Osten oder Lateinamerika sogar Top-Positionen angestrebt werden. Auffällig ist, dass diese Strategie relativ systematisch angelegt ist. Im Mittelpunkt stehen mehrere Handlungsfelder, darunter Technologie, Produkte, Marke, Partnerschaften und Service.

Auf gut Deutsch bedeutet das: Changan versucht nicht, bestehende Fahrzeuge einfach global zu verkaufen, sondern ein vollständiges Ökosystem aufzubauen, das auf die jeweiligen Märkte zugeschnitten ist. Genau dieser Ansatz spiegelt sich auch in den Eindrücken vor Ort wider. Das internationale Designteam, die umfangreichen Testkapazitäten und der Fokus auf eigene Plattformen wirken weniger wie kurzfristige Expansion, sondern eher wie der Versuch, sich langfristig als globaler Hersteller zu etablieren.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Konzerns im Übergang. Changan ist noch stark von klassischen Herstellerstrukturen geprägt, gleichzeitig wird deutlich, wie viel in Technologie, Entwicklung und Internationalisierung investiert wird. Die Voraussetzungen für eine größere Rolle außerhalb Chinas sind durchaus vorhanden. Ob das gelingt, wird sich vor allem daran entscheiden, wie gut Changan diese Strategie in anspruchsvollen Märkten wie Deutschland umsetzen kann – dort, wo nicht nur Preis und Hardware zählen, sondern auch Software, Marke und Vertrauen.
Disclaimer: Changan hat nach China zum Kennenlernen der Marke und deren Pläne für Europa eingeladen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.







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