Mit der Marke Farizon tritt ein weiterer chinesischer Anbieter in das Segment der vollelektrischen leichten Nutzfahrzeuge in Deutschland ein. Die zum Geely-Konzern gehörende Marke hat in Frankfurt die nationale Markteinführung absolviert und gleichzeitig die Preise der beiden Modelle V7E und SV bekannt gegeben. Der Schritt erfolgt vor dem Hintergrund, dass europäische Logistik- und Lieferdienste zunehmend unter Druck stehen, ihre Flotten zu elektrifizieren, während etablierte Hersteller wie Mercedes-Benz, Ford oder Stellantis das Segment bislang weitgehend unter sich aufteilen.
Der Farizon V7E ist als kostenoptimiertes Stadtmodell für die Zustellung auf der letzten Meile positioniert und beginnt mit der 50-kWh-Batterie bei 32.600 Euro netto. Mit der größeren 67-kWh-Batterie liegt der Preis bei 36.000 Euro netto. Das Schwestermodell SV, von Farizon als Premium-Flaggschiff für Flottenbetreiber und Logistikunternehmen positioniert, startet als L1H1-Variante bei 44.900 Euro netto. Die L2H1-Version steht mit 46.400 Euro netto in der Liste, das Topmodell L3H3 mit der exklusiv für diese Variante verfügbaren 106-kWh-Batterie bei 55.500 Euro netto. Auf die Fahrzeuge gibt Farizon fünf Jahre beziehungsweise 200.000 Kilometer Garantie, auf die Batterien acht Jahre oder 200.000 Kilometer.
Frankfurt als Drehkreuz, Gaggenau als Lager für Deutschland-Expansion
Für den deutschen Markt hat Farizon eine eigene nationale Vertriebsgesellschaft mit Sitz in Frankfurt gegründet. Eine entsprechende Struktur folgt für Frankreich, beide Märkte werden aus Sicht des Unternehmens als zu wichtig eingestuft, um sie über reine Importeursmodelle zu bedienen. „Wir sind zu der Entscheidung gekommen, für Deutschland und für Frankreich eine eigene nationale Vertriebsgesellschaft zu gründen“, erläuterte Leon Reiff, Dealer Network Development Manager bei Farizon Auto Germany, in Frankfurt.
Hinter dieser Struktur steht der Anspruch, mit eigenen Mitarbeitenden direkt am Markt zu agieren, statt sich auf einen Importeur zu verlassen. Das europäische Ersatzteillager wurde in Gaggenau in Baden-Württemberg eingerichtet und ging im April 2026 in Betrieb. Von dort sollen Ersatzteile innerhalb von 48 Stunden in ganz Deutschland verfügbar sein. Eine 24-Stunden-Hotline ergänzt das Servicepaket, ein lokales Support-Team ist nach Angaben des Herstellers an sieben Tagen die Woche jeweils zwölf Stunden erreichbar.

Den Aufbau des Händler- und Servicenetzes in Deutschland verantwortet Reiff persönlich. In den ersten zwölf Monaten sollen mehr als 15 professionelle Händler an Bord geholt werden, um die Kernregionen abzudecken. Die Standortauswahl folgt dabei einer klaren Logik: Berlin steht für die Präsenz in der Hauptstadt und im Osten Deutschlands, Hamburg deckt den Norden mit seiner Hafen- und Wirtschaftskraft ab, Hannover schließt die Lücke zwischen Norddeutschland und Nordrhein-Westfalen.
Letzteres bezeichnete Reiff als „die flächenreichste Region in Deutschland, was Bevölkerungsdichte angeht“. Hessen wird als zentrale Mitte mit Sitz der Vertriebsgesellschaft positioniert. Im Süden konzentriert sich die Marke in Bayern auf die Räume München, Augsburg und Franken. Baden-Württemberg wird über Stuttgart und Mannheim erschlossen, beides Standorte mit ausgeprägter Verbindung zur Automobilindustrie. Damit setzt Farizon auf eine Abdeckung, die wirtschaftlich relevante Ballungsräume und Logistikzentren in den Vordergrund stellt, statt von Beginn an die Fläche zu suchen.
Ein Servicepartner in maximal 150 Kilometern Entfernung
Parallel dazu plant das Unternehmen, mehr als 30 Servicepartner aufzubauen, die sich aus autorisierten Händlern und unabhängigen Werkstätten zusammensetzen. Ziel ist es, dass kein Kunde in Deutschland weiter als 150 Kilometer vom nächsten Servicepartner entfernt ist. Den Händlern stellt Farizon nach eigenen Angaben einhundert Prozent der eingehenden Leads zur Verfügung, garantierte Margen auf Fahrzeuge und Ersatzteile sowie Volumenboni in jährlicher oder quartalsweiser Auszahlung. Servicepartner erhalten Zertifizierungen und Schulungen für Reparatur und Wartung. Im Bereich Key-Account-Vertrieb sind zehn Kooperationen mit Logistikanbietern und fünf Projekte mit führenden Flottenbetreibern angestrebt.

Die Marke ist in Europa bereits in mehr als 26 Ländern mit über 80 Verkaufsstellen und 95 Servicezentren aktiv. Der erste Marktstart erfolgte im November 2024 in Serbien, gefolgt von Griechenland und Österreich im Januar 2025. „Im Februar war einer unserer absoluten Meilensteine. In diesem Monat sind wir in sieben europäischen Ländern auf den Markt gegangen“, berichtete Reiff. Konkret handelt es sich dabei um das Vereinigte Königreich, Spanien, Tschechien, die Slowakei, Rumänien, Kroatien und Portugal. Mit Polen im Oktober 2025 und Deutschland im April 2026 ist die europäische Expansion in ihre operative Phase eingetreten.
Bis 2030 strebt Farizon einen Marktanteil von mehr als acht Prozent bei neuen elektrischen Nutzfahrzeugen in der Europäischen Union an. Das Ziel wurde von Reiff selbst als „sehr anspruchsvoll“ bezeichnet. Der Aufbau verläuft in drei definierten Phasen: einer Vorbereitungsphase von 2022 bis 2023, dem grundlegenden Netzwerkaufbau zwischen 2024 und 2025 und der ab 2026 anlaufenden Gründung von Tochtergesellschaften in den Schlüsselmärkten.
Farizon: Eine Plattform für zwei Segmente
Im Zentrum der Produktstrategie steht der Farizon SV, der nach Angaben von Max Ma, Business Director Farizon Auto Germany, für „Supervan“ steht. Das Modell basiert auf der GXE-M-Plattform, die als reine Elektroarchitektur entwickelt wurde und nicht auf einem umgerüsteten Verbrennerfahrzeug aufbaut. Drei Längen von fünf, fünfeinhalb und sechs Metern lassen sich mit drei Höhen von zwei, 2,2 und 2,5 Metern kombinieren, was Ladevolumina von sieben bis 13 Kubikmetern abdeckt. Damit positioniert Farizon den SV bewusst als Modell, das sowohl das Segment der mittleren als auch das der großen Transporter aus einer einzigen Plattform heraus bedient.

Ein Designdetail ist die sogenannte versteckte B-Säule auf der Beifahrerseite: Zusammen mit der Schiebetür entsteht eine seitliche Öffnung von 2,1 Metern, was das Be- und Entladen erleichtert. Serienmäßig verbaut sind unter anderem ein Gewichtskontrollsystem, das die aktuelle Nutzlast direkt im Armaturenbrett anzeigt, eine 360-Grad-Kamera, beheizbare Sitze und Lenkräder sowie Fahrerassistenzsysteme. Bei der Karosserie kommt nach Herstellerangaben zu mehr als 70 Prozent hochfester Stahl zum Einsatz, das Batteriegehäuse ist nach IP68 gegen Staub und Wasser geschützt.

Für den SV stehen Batterien mit 83 und 106 kWh zur Verfügung. Die kombinierte WLTP-Reichweite gibt Farizon mit 378 Kilometern für die 83-kWh-Variante und 399 Kilometern für die 106-kWh-Version an. Je nach Karosseriekonfiguration bewegen sich die Reichweiten laut Max Ma in einem Korridor zwischen 380 und 480 Kilometern (83 kWh) und 400 bis 550 Kilometern (106 kWh). Den kombinierten Energieverbrauch beziffert das Unternehmen auf 24,3 kWh pro 100 Kilometer – eigener Aussage nach Benchmark im Segment.
Zehn Jahre Kooperation mit CATL
Das kompaktere V7E-Modell wird ausschließlich als Kastenwagen angeboten und richtet sich an Lieferdienste in städtischen Strukturen sowie an Einzelbetreiber. Die Batterieoptionen liegen bei 50 und 67 kWh, abgestimmt auf den von häufigen Stopps geprägten Einsatz auf der letzten Meile. Geplant ist, die Modellfamilie ab 2026 mit dem SV 4×4 und einer Crew-Variante zu erweitern, 2027 folgt der SV als Chassis Cab, für 2028 sind eine überarbeitete Pro-Version sowie ein kleinerer Lieferwagen vorgesehen.
Auf der Batterieseite arbeitet Farizon seit zehn Jahren mit CATL zusammen. „Unsere Zusammenarbeit mit Farizon hat vor zehn Jahren begonnen, und seither haben wir gemeinsam mehrere Produkte entwickelt, die den Maßstab im LCV-Markt gesetzt haben“, erläuterte Jianhan He, Senior Business Development Manager bei CATL. In den europäischen Modellen kommt die jüngste Generation der Tectrans-Batterieplattform zum Einsatz, die nach seiner Darstellung gezielt für den Einsatz in Nutzfahrzeugen ausgelegt ist. Die Batterien unterstützen 2C-Schnellladen, was unter idealen Bedingungen einen vollen Ladevorgang in rund 30 Minuten ermöglichen soll. „Das kann im täglichen Betrieb 40 bis 70 Minuten einsparen“, so He.

Nach Angaben von CATL liegt die Reichweite über die Lebensdauer hinweg im Durchschnitt fünf bis zehn Prozent über vergleichbaren Produkten, der Restwert nach mehreren Jahren entsprechend höher. Die Tectrans-Batterien werden über zwei Monate hinweg unter Extrembedingungen erprobt, etwa in der Turpan-Senke im Westen Chinas bei Oberflächentemperaturen um 80 Grad Celsius und in Yakeshi in der Inneren Mongolei bei minus 50 Grad. Die so gewonnenen Erkenntnisse fließen direkt in Modifikationen für den Einsatz bei niedrigen Temperaturen, sowohl beim Laden als auch im Fahrbetrieb.
CATL betreibt nach eigenen Angaben weltweit 24 Produktionsstandorte, davon drei in Europa: in Deutschland, Ungarn sowie ein im Bau befindliches Werk in Spanien. Für den europäischen Service teilen sich CATL und Farizon Lagerstandorte, sodass Ersatzbatterien direkt aus Europa an die Händler ausgeliefert werden können. Im Servicefall sichert CATL zu, einen Techniker innerhalb von 24 Stunden vor Ort zu entsenden. Über die Tochtergesellschaft Brunp betreibt das Unternehmen ein eigenes Recyclinggeschäft, das mit dem Hochlauf der ersten Rückläufer auch nach Europa expandieren soll.
Konzernrückhalt aus dem Geely-Verbund
Der Markteintritt erfolgt vor dem Hintergrund einer breit aufgestellten Konzernstruktur. Wie Stefan Lundin, CCO Geely Holding EU, in Frankfurt ausführte, verfolgt Geely das Ziel, bis 2030 mehr als 6,5 Millionen Fahrzeuge pro Jahr abzusetzen, davon drei Viertel elektrifiziert und ein Drittel außerhalb Chinas. Aktuell liegt der Anteil außerhalb Chinas bei rund 25 Prozent. Farizon selbst wurde 2014 als Nutzfahrzeugsparte von Geely gegründet und hat seither weltweit über 500.000 Einheiten abgesetzt. Das Unternehmen verfügt nach eigenen Angaben über mehr als 2000 Entwickler:innen und ist bereits in über 60 Märkten aktiv. Bis 2030 strebt Farizon eine Million verkaufte Einheiten pro Jahr an.
Strategisch nutzt Farizon für den europäischen Markt die Forschungs- und Entwicklungskapazitäten des Mutterkonzerns sowie dessen globale Lieferkette. Hinzu kommen technologische Partnerschaften, die in Deutschland besonderes Gewicht haben: Mit ZF arbeitet Farizon an Antriebstechnologien, mit Bosch an Methanol-basierten Antriebslösungen sowie an Systemintegration und globaler Marktstrategie, mit dem chinesischen Anbieter WeRide an einer weiterentwickelten Variante des Robotaxi-Modells GXR. Die Methanol-Komponente ist eine Eigenheit des Geely-Konzerns: In Island betreibt die Gruppe eine CO₂-Recyclinganlage, die Kohlendioxid in Methanol für Nutzfahrzeuganwendungen umwandelt – ein Pfad, der in Europa bislang kaum verbreitet ist. Und wohl auch nicht verfolgt wird.
Wie stehen die Erfolgschancen für Farizon in Europa?
Ob Farizon den ambitionierten Anteil von acht Prozent am europäischen Markt für neue elektrische Nutzfahrzeuge bis 2030 tatsächlich erreichen wird, ist offen. Die etablierten Anbieter werden ihre Marktposition nicht kampflos aufgeben, und der Wettbewerb im Segment der elektrischen leichten Nutzfahrzeuge nimmt mit jedem neuen Modelljahr zu.
Auffällig ist jedoch, dass Vertrieb und Service von Beginn an als integraler Bestandteil der Strategie gedacht sind: eigene Vertriebsgesellschaft, lokales Lager, definierter Service-Radius, klare Händlerkonditionen, dazu der Rückgriff auf die Konzernressourcen von Geely und ein etablierter Batterielieferant mit europäischer Service-Infrastruktur. „Wir möchten Deutschland langfristig und nachhaltig auf seiner Transformation für eine grüne Zukunft unterstützen“, fasste Reiff den Anspruch zusammen.
Damit unterscheidet sich der Markteintritt deutlich von früheren Anläufen chinesischer Marken, bei denen die Vertriebs- und Servicestruktur erst nachgelagert aufgebaut wurde. Ob dieser Ansatz die anvisierten Marktanteile trägt, wird sich in den kommenden Jahren in Auftragsbüchern, Servicequalität und Restwerten zeigen.
Disclaimer: Farizon hat zum Kennenlernen der Marke und künftiger Modelle nach Frankfurt eingeladen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.








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