In Zeiten der multiplen Krisen bleibt BMW stabil und erzielte im vergangenen Jahr ein solides Ergebnis. Besonders im Segment der Elektroautos konnte der bayerische Autobauer sein Geschäft ausbauen, während die Zahl der verkauften Verbrennermodelle zwar deutlich größer, aber seit 2019 um etwa ein Viertel geschrumpft ist. Das ist besonders deshalb kurios, weil BMW-Chef Oliver Zipse als Verfechter von Technologieoffenheit gilt, der lange davor gewarnt hat, sich zu stark auf Elektroautos zu fokussieren.
Der Vorstandsvorsitzende der BMW AG, der seinen Posten Mitte Mai, nach der Hauptversammlung des Konzerns, an den bisherigen Produktionsvorstand Milan Nedeljković abgibt, sprach sich damals wie heute für die sogenannte Technologieoffenheit in der Automobilindustrie aus. Verglichen mit Mercedes, Audi und Volkswagen zeigte sich BMW zögerlich, sich zu früh und zu stark auf Elektroautos festzulegen.
Warnung vor schnellen Entscheidungen
Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) erklärte Zipse im Frühjahr 2022, sein Unternehmen werde die Entwicklung neuer Verbrennungsmotoren garantiert nicht so schnell einstellen. Der BMW-Chef propagierte stattdessen Hybridautos sowie synthetische Kraftautos. Zudem arbeitet der Konzern weiterhin an einem Brennstoffzellenauto. Von Anfang an hatte sich der Manager zudem gegen das geplante Verbrennerverbot der Europäischen Kommission ab 2035 gestellt.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnet Zipse als den deutschen Automanager, „der sich in den vergangenen Jahren rhetorisch am weitesten von der Elektromobilität distanziert hat“. Umso kurioser ist es, dass BMW zugleich der deutsche Autohersteller ist, der am erfolgreichsten Elektroautos verkauft. In 2025 setzte BMW mehr als doppelt so viele Elektroautos wie Mercedes ab, und auch bei Volkswagen war der Anteil an Elektroautos insgesamt niedriger.
„Sie dürfen sich nie in eine voreilige Entscheidung rein treiben lassen“, sagte Zipse damals in Hinblick auf die Elektromobilität. Die Geschwindigkeit „vieler Hypes“ werde häufig überschätzt und Veränderungen dauerten meistens länger als angenommen. „Alles auf eine Karte zu setzen, ist hochriskant. Das ist das Verkehrteste, was Sie in dieser globalen Industrie machen können“, warnte er.
Zipses Strategie scheint aufzugehen
Der BMW-Chef sieht sich heute bestätigt, denn der Elektroautomarkt ist weitaus weniger gewachsen, als vor einigen Jahren noch erwartet. Konkurrenten wie Porsche und Mercedes mussten ihre Strategie wieder ändern und verstärkt auf Verbrennertechnik setzen, was sie teuer zu stehen kommt.
Der Branchenexperte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, spricht von einer „pfiffigen Strategie“, denn gerade Zipses Narrativ von der Technologieoffenheit habe bei den Kunden Anklang gefunden und den Elektroautoverkäufen des Konzerns möglicherweise sogar genutzt, auf jeden Fall nicht geschadet. Gleichzeitig ist Bratzel überzeugt: „BMW hätte das bessere Tesla werden können.“ Vor 15 Jahren gehörte der Hersteller mit dem ersten i3 zu den Elektroauto-Pionieren, legte dann jedoch eine lange Pause ein.
In den vergangenen sieben Jahren hat der Autobauer mit Sitz in München seinen weltweiten Absatz batterieelektrischer Autos mehr als verzehnfacht. Im selben Zeitraum ist der Anteil der verkauften Autos mit Verbrennungsmotoren um ein Viertel zurückgegangen, auch wenn die Stückzahlen noch deutlich über den verkauften Elektroautos liegen.
Elektroautos als Wachstumstreiber
Inzwischen gelten batterieelektrische Autos schon seit mehreren Jahren als stetiger Wachstumsmotor des Konzerns. Mindestens 10 Milliarden Euro hat BMW in den vergangenen Jahren in die Neue Klasse investiert, was die rein elektrische Fahrzeugarchitektur zum aufwendigsten Investitionsprojekt seit der Unternehmensgründung vor 110 Jahren macht.
Teil der größten Modelloffensive in der Geschichte von BMW ist auch die kürzlich vorgestellte neue Elektrolimousine i3, die gleichzeitig einen großen Transformationsschritt einleitet: Im August dieses Jahres soll die Serienproduktion des zweiten Modells der Neuen Klasse im Münchner Stammwerk starten. Ab 2027 sollen in München ausschließlich Elektroautos vom Band rollen.
Trotz der positiven Bilanz hat BMW genauso zu kämpfen wie die gesamte Automobilindustrie. Insbesondere in China verzeichnet der Autobauer ähnlich starke Verluste wie andere westliche Hersteller. Im vergangenen Jahr verkaufte BMW auf seinem wichtigsten Einzelmarkt gut ein Viertel weniger Autos als noch vor zwei Jahren, was einem Rückgang von etwa 200.000 Autos entspricht. Besonders im Bereich der Elektroautos haben die chinesischen Hersteller BMW abgehängt.
BMW-Chef steckt zum Abschied hohe Ziele
Zipse zeigt sich selbstbewusst in Hinblick auf den chinesischen Markt, wo die Elektroautos der neuen Klasse das Geschäft wieder vorantreiben sollen. „Entscheidend sind das richtige Timing und die richtigen Produkte“, sagte er. Statt vor fünf Jahren sei genau jetzt der richtige Zeitpunkt für eine Modelloffensive im Segment der Elektroautos. Der BMW-Chef begründet dies unter anderem damit, dass lange absehbar gewesen sei, dass erst Mitte des Jahrzehnts Batteriespeicher verfügbar sein würden, die elektrische Reichweiten von 900 Kilometern ermöglichen.
Genau diese Reichweiten verspricht der BMW-Chef für die Neue Klasse, die als Zipses Vermächtnis gilt, bevor er sich im Mai in den Ruhestand verabschiedet. Während vollelektrische Modelle in 2025 einen Anteil von 18 Prozent des BMW-Absatzes ausmachten, soll der Anteil mit der Neuen Klasse bis 2030 auf 50 Prozent gesteigert werden. Der BMW-Chef steckt damit hohe Ziele. Gleichzeitig müssen die Verkaufszahlen in den kommenden Jahren auch deutlich steigen, damit der Konzern die Investitionen für Elektroantriebe und Digitaltechnik in Milliardenhöhe wieder zurückverdient.
Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung – Warum BMW mehr Elektroautos verkauft als die Konkurrenz








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