Neue Klasse: Von Mini bis Rolls-Royce profitieren alle

Neue Klasse: Von Mini bis Rolls-Royce profitieren alle
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BMW / Uwe Fischer

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Die Automobilindustrie erlebt einen Umbruch, der weit über den Antriebswechsel hinausgeht: Software, künstliche Intelligenz und geopolitische Spannungen verändern die Art und Weise, wie Autos entwickelt werden – und welche Kompromisse Automobilhersteller dabei eingehen müssen. Mittendrin steht BMW mit der Neuen Klasse, die nicht nur neue Modelle bringen soll, sondern ein grundlegend anderes Verständnis von Fahrzeugentwicklung. Joachim Post verantwortet diesen Prozess als Entwicklungsvorstand von Anbeginn an. Im Gespräch mit der Automobilwoche gibt er Einblicke in die technologischen Weichenstellungen, die Herausforderungen beim Serienanlauf und die Frage, wie ein globaler Automobilhersteller mit zunehmend fragmentierten Märkten umgeht.

Post war bereits vor seinem Antritt als Entwicklungschef im vergangenen Juni an der Neuen Klasse beteiligt – damals noch als Leiter der Fahrzeugproduktstrategie. Für ihn schließe sich damit ein Kreis, wie er selbst sagt. Was ihn antreibt, ist die Frage, wie weit BMW technologisch springen muss, damit die Neue Klasse „langfristig als richtungsweisender Technologieträger für unser gesamtes Produktportfolio überzeugt“.

Ein zentraler Unterschied zur bisherigen Entwicklungslogik: Plattformen definieren sich nicht mehr über Karosserieformen oder Motoranordnungen, sondern über Digitalfunktionen, Elektronik und Software. Künstliche Intelligenz sei aus Fahrzeugfunktionen nicht mehr wegzudenken, so Post. Gleichzeitig verändert KI auch die Art und Weise, wie BMW entwickelt. Die Gewichtung der Themen habe sich „radikal verändert“. Am Ende bleibe aber ein Punkt entscheidend: dass der Serienanlauf gelinge.

Genau dort liegt nach Posts Darstellung eine der größten Herausforderungen. Fahrzeug-Software in ihrer Gesamtheit mit allen Features stabil in Serie zu bringen, sei anspruchsvoll. BMW setze dabei auf einen hohen Anteil eigener Engineering-Leistung bei Software und Architektur. Sogenannte Blackboxen von Zulieferern zu integrieren, ohne zu verstehen, was darin passiere, sei „ein No-Go“. Die Dimension der Aufgabe verdeutlicht Post mit konkreten Zahlen: Mehr als 10000 Software-Entwickler:innen arbeiten weltweit verteilt mithilfe von KI-Tools in einer eigens entwickelten Toolchain namens BMW Codecraft. Diese läuft in der Cloud auf 120.000 virtuellen CPUs. In der Hochphase der Entwicklung seien täglich bis zu 200.000 Software-Builds umgesetzt worden. Ein einzelnes Fahrzeug umfasse bis zu 500 Millionen Codezeilen.

Der neue BMW i3 als Bewährungsprobe für die Neue Klasse

Mit dem kürzlich vorgestellten i3 hat BMW das zweite reine Neue-Klasse-Modell präsentiert. Der 3er sei „der Kern unserer Marke“, betont Post. Die Anforderungen reichen vom Basismodell bis zum M3, was bei einer flachen Limousine hinsichtlich Fahrdynamik und Bauraum anspruchsvoller ist als bei einem hochbeinigen SUV. Package und Proportionen auf den Punkt zu bringen, beschreibt er als echte Herausforderung – das Ergebnis sei jedoch „sensationell gelungen“.

Die Neue Klasse ist dabei nicht auf die Kernmarke BMW beschränkt. Von Mini bis Rolls-Royce sollen alle Konzernmarken von den Technologiefortschritten profitieren. Das bedeute nicht, dass etwa das Panoramic iDrive eins zu eins in einen Rolls-Royce übertragen werde, aber es gebe Adaptionsmöglichkeiten. Schon heute nutzen BMW und Mini die gleiche Infotainment-Plattform, die je nach Marke unterschiedlich aussieht.

Beim Thema Technologieoffenheit bleibt Post auf der bekannten BMW-Linie. Die Neue-Klasse-Technologien kämen allen Antriebsvarianten zugute. Kund:innen sollten sich nicht zwischen innovativen und weniger innovativen Autos entscheiden müssen, sondern „immer das Beste bekommen, egal, welchen Antrieb sie wählen“. Die Verbrennerentwicklung sei mit genug Weitblick betrieben worden, um die neuesten Emissionsanforderungen zu erfüllen.

Geopolitik als zusätzliche Entwicklungsherausforderung

Ein wachsendes Thema ist die geopolitische Fragmentierung. Post spricht von einer Tendenz, in der ein globaler Tech-Stack, der alle Weltregionen abdeckt, „kaum noch möglich sein wird“. Während Europa und die USA noch vergleichsweise gut funktionierten, seien in China bereits über 70 Prozent der Infotainment-Software länderspezifisch – und das schon seit der vorigen Generation. BMW begegnet dem mit einer konsequenten Local-for-Local-Strategie. Die größte Entwicklungseinheit außerhalb Münchens sitzt in China. Als Beispiel nennt Post die neue Generation von Fahrerassistenzsystemen, die Technologie des lokalen Partners Momenta integriert.

Deutlich kritischer fällt seine Einschätzung zur EU-Initiative „Made in Europe“ aus. Europa gehe „leider keinen geschickten Weg“ mit den formulierten Local-Content-Anforderungen. Man dürfe nicht davon ausgehen, dass Batteriefabriken in Europa plötzlich wie Pilze aus dem Boden wüchsen. Werde eine Wunschliste formuliert, ohne zu berücksichtigen, was in Europa tatsächlich produziert und exportiert werde, bestehe das Risiko, die Wirtschaft zu belasten statt zu stärken. Post bringt es auf eine Formel: „Das ist ein bisschen wie Planwirtschaft ohne Plan.“

Quelle: Automobilwoche – BMW-Vorstand Post im Interview: „Gewichtung in der Entwicklung hat sich radikal verändert“

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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