BMW-Chef Oliver Zipse steht kurz vor seiner Ablöse als Vorstandsvorsitzender des Münchner Autokonzerns. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) zieht Zipse Bilanz über seine mehr als 35 Jahre bei BMW vom Trainee bis zum CEO – und gibt einen Ausblick auf das, was seinen Nachfolger beschäftigen wird.
Das große, unausweichliche Thema des Interviews waren die vielen Krisen, die die Welt seit einigen Jahren mehr und mehr aus den Fugen heben: Corona, Ukraine, die Energie-Krise, die Halbleiter-Krise, der erratisch handelnde US-Präsident und nun der Krieg in Iran. „Das ist quasi die neue Normalität“, stellt Zipse ernüchtert fest. Die Herausforderung: „Auf eine solche Situation können Sie sich nicht vorbereiten“, sagt Zipse. „Aber Sie können als Unternehmen Ihre Reaktions- und Handlungsgeschwindigkeit ständig trainieren. Das ist wie ein Muskel, den Sie immer in guter Form halten müssen.“
Bei BMW versuche man, für die mit diesen Krisen einhergehenden Probleme „so schnell wie möglich“ Lösungen zu finden. „Nehmen Sie die Engpässe bei Halbleitern, die im vergangenen Jahr durch den Lieferanten Nexperia entstanden sind. Da haben wir sofort reagiert, noch am selben Tag sind unsere Leute in den direkten Austausch gegangen und haben aktiv nach Lösungen gesucht – mit Erfolg“, so Zipses Beispiel. „Wenn essenzielle Komponenten auf einmal sehr rar werden, müssen Sie die Ersten sein, das Problem schnellstmöglich für sich lösen und auch zeitnah nach Alternativen suchen“, erklärt der scheidende BMW-Chef.
Auch jetzt, in der neuen Situation mit dem Krieg der USA und Israels gegen Iran, habe „das Team um unseren Einkaufsvorstand sofort nach Beginn des Krieges in Iran geprüft, ob wir davon unmittelbar betroffen sind, also ob zum Beispiel Lieferungen ausfallen könnten. Zum jetzigen Zeitpunkt ist unsere Versorgung aber nicht beeinträchtigt“, gibt Zipse in dieser Hinsicht Entwarnung.
Ob der mit unvorhersehbarer Zukunft drastisch steigende Benzinpreis nun dafür sorgt, dass Verbraucher vermehrt auf Elektroautos umsteigen, bezeichnet Zipse als „vermeintlich einfachen Kausalzusammenhang.“ Die Nachfrage nach einer bestimmten Antriebsform hänge von vielen Faktoren ab, weshalb er nicht über die weitere Entwicklung spekulieren will. Außerdem sei momentan auch noch gar nicht klar, „ob es infolge des Krieges nicht auch zu einem Anstieg der Strompreise kommen könnte.“
Zwar steckt die Automobilindustrie derzeit in einer massiven Krise, BMW steht von allen Herstellern aber noch mit am stabilsten auf den Rädern. Womöglich spielt auch das in Zipses Aussage ein, er teile die Ansicht nicht, „dass hier alles bergab gehen würde.“ Den BMW-Chef „ärgert das fehlende Selbstbewusstsein, das in Deutschland leider gerade sehr ausgeprägt ist.“ Europa habe sehr viele Unternehmen, „die in ihren Branchen weltweit führend sind. Diese Denke, dass wir überrollt werden – die teile ich ausdrücklich nicht!“
Sein Plädoyer im SZ-Interview: „Wenn Sie Unternehmer sein wollen, dann müssen Sie die Gegebenheiten annehmen und das Beste daraus machen. Jammern hilft da einfach nicht. Ich würde mir mehr Mut und Tatkraft wünschen – und weniger Beschwerden. Was auch gerne vergessen wird: Wir haben in Europa und insbesondere in Deutschland noch immer sehr viele starke Standortfaktoren.“
Einer dieser starken Standortfaktoren ist für BMW das Stammwerk in München, mit der BMW-Welt und dem BMW-Museum daneben, direkt am Olympiapark. „Das Werk steht mitten in der Stadt, und wir stehen damit mitten in der Gesellschaft. Das ist uns wichtig“, sagt Zipse über die Hallen, in denen die letzten Vorbereitungen laufen für die Produktion der ersten Elektro-Limousine auf der neuen Elektro-Plattform Neue Klasse.
Auch das Mantra, China überrolle die europäische Autoindustrie, wischt Zipse vom Tisch: „Der Marktanteil der chinesischen Hersteller in Europa liegt im einstelligen Bereich. Daraus auf einen gefluteten Markt zu schließen, halte ich für überzogen“, sagt der BMW-Chef. Bei BMW sei man „überzeugt von unseren Produkten und unseren Innovationen, wir sind absolut wettbewerbsfähig“, als Argument dafür verweist Zipse auf die aktuellen Absatzzahlen: „Die BMW Group ist in Europa im letzten Jahr um sieben Prozent gewachsen, auch in den USA haben wir deutlich zugelegt.“
„Harten Wettbewerb gibt es überall in unserer Industrie“
BMW profitiert zwar auch davon, eine starke Kraft im Premium-Segment zu sein und kein Massenhersteller. „Aber harten Wettbewerb gibt es überall in unserer Industrie“, sagt Zipse. Erfolg sei nicht vom Marktsegment abhängig, „sondern von individuellen unternehmerischen Entscheidungen. Übrigens sehe ich auch nicht, dass der Markt und die Industrie komplett zusammenbrechen würden.“ Was sich aber verändere, seien die Marktbedingungen und auch die Marktteilnehmer. Aber: „Das war schon immer so. Es kommt in unserer Industrie immer wieder zu Ausscheidungsrennen – auch aktuell.“
Wer in diesem Rennen vorne mit dabei sein will, müsse auf viele entscheidende Dinge achten: „Ihre Strategie, Ihre Produkte, die Stärke Ihrer Marken, Ihre Innovations- und Finanzkraft“. Und Zipse sieht BMW „richtig aufgestellt, um auch in Zukunft ganz vorne mitzuspielen.“

Auch das Thema Abhängigkeit bei Batteriezellen von Herstellern aus Asien, allen voran aus China, sieht Zipse gelassen: „Unabhängigkeit ist die falsche unternehmerische Zielsetzung – und in der vernetzten globalen Welt auch nicht realistisch“. Viel wichtiger sei „eine resiliente und breite Aufstellung“, was auch ein Grund dafür sei, dass BMW unter dem Slogan „Power of Choice“ auf einen flexiblen Antriebsmix aus Elektroautos, Plug-in-Hybriden, Verbrennern und in wenigen Jahren auch Wasserstoffautos setzt.
Ähnlich sieht Zipse die Lösung für die Beschaffung von Batteriezellen, für die BMW „mehrere internationale Zulieferer“ gewonnen hat. Und er legt mit einem durchaus provokanten Statement einen Finger in die Wunde: „Wenn die vermeintliche Abhängigkeit von Batterien aus China so kritisch gesehen wird – warum wird dann in Europa ein Verbot von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor ab 2035 ausgesprochen? Gerade bei dieser Technologie ist die Abhängigkeit von anderen Ländern oder Weltregionen doch sehr viel geringer, und wir haben extrem viel Kompetenz und Wissen“, findet Zipse. Und vergisst aber dabei: Für ihre Abhängigkeit vom fossilen Treibstoff zahlen die Verbraucherinnen und Verbraucher derzeit einen recht hohen Preis.
„So ein Auto können Sie nur in Deutschland kreieren“
Dass Europa selbst eine skalierungsfähige Batteriezell-Industrie ohne Beteiligung der etablierten asiatischen Hersteller aufbauen kann, hält Zipse „für ausgeschlossen. Der gescheiterte Versuch des schwedischen Herstellers Northvolt zeigt ja, wie schwer es ist, die Massenfertigung in der entsprechenden Qualität zu etablieren.“ Das Thema sei „keine reine Geldfrage“, so der BMW-Chef, es gehe „um viel mehr: Know-how, Erfahrung, Maschinen.“ BMW verfolgt den Ansatz, Batteriezellen und deren Produktionsverfahren zwar selbst zu erforschen und zu entwickeln, die Großserienfertigung aber an erfahrene Hersteller auszulagern. „Diese Aufteilung halte ich für unsere Bedürfnisse für am besten“, so Zipse. „Man kann und muss auch nicht zwangsläufig jeden Produktionsschritt in Europa machen.“
Zum Abschluss spricht Zipse auch noch über den neuen i3, die erste Elektrolimousine auf dem Neue-Klasse-Baukasten. Der BMW-Chef ist „überzeugt“: ein solches Elektroauto „können Sie nur in Deutschland kreieren, nicht in China und nicht in den USA.“ Der neue i3 sei „ein globales Produkt, das weltweit auf drei Kontinenten produziert und überall auf der Welt verkauft werden wird.“ Es stecke „deutsche Ingenieurskunst drin, genauso wie amerikanische Technologie und Komponenten aus China. Aber nur in Deutschland können Sie modernste Technologien auf solch einzigartige Weise zusammenbringen und daraus ein so begeisterndes Produkt machen.“ Wie begeisternd der i3 wirklich wird, muss sich aber erst noch herausstellen. Das Projekt Neue Klasse jedenfalls hat schon vielversprechend begonnen: Die Nachfrage nach dem Erstling, dem E-SUV iX3, hat selbst den so optimistischen Oliver Zipse überrascht.
Quelle: Süddeutsche Zeitung – BMW-Chef Zipse: „BMW ohne Werk in München – das kann und will ich mir nicht vorstellen“








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