Der geplante Aufbau einer großen Batteriezellfabrik in Kaiserslautern galt lange als wichtiges industriepolitisches Signal. Mit der Entscheidung der Automotive Cells Company (ACC), das Projekt endgültig nicht weiterzuverfolgen, ist dieses Signal vorerst verstummt. Die Folgen reichen über die Region hinaus und betreffen die strategische Ausrichtung der europäischen Automobilindustrie.
In der Pfalz sollten mittelfristig rund 2000 Arbeitsplätze entstehen. Vorgesehen war eine Jahreskapazität von mindestens 24 und perspektivisch bis zu 40 Gigawattstunden. Diese Menge hätte einen substanziellen Beitrag zur Versorgung europäischer Autohersteller leisten können. Anders als bei konzerninternen Zellprojekten war das Werk in Kaiserslautern nicht exklusiv für eine einzelne Markengruppe geplant. Neben den Joint-Venture-Partnern Stellantis und Mercedes-Benz sollten auch weitere Abnehmer beliefert werden.
Die Pläne standen allerdings schon seit 2024 unter Vorbehalt. Anfang Februar räumte ACC nun ein, die Vorhaben in Kaiserslautern sowie im italienischen Termoli endgültig aufgegeben zu haben. Damit konzentriert sich die Produktion auf den Standort Billy-Berclau nahe Douvrin in Nordfrankreich. Dort sind bislang rund 30 Gigawattstunden Kapazität installiert worden. Ursprünglich hatte das Unternehmen eine europäische Gesamtleistung von 120 Gigawattstunden in Aussicht gestellt, verteilt auf drei Werke. Mit dem Verzicht auf Deutschland und Italien reduziert sich diese Perspektive deutlich.
ACC: Finanzielle Engpässe und hohe Ausschussquoten belasten Hochlauf
Hintergrund der Entscheidung ist unter anderem die angespannte finanzielle Lage des 2020 gegründeten Gemeinschaftsunternehmens. Zwar erhielt ACC im Februar 2024 von einem europäischen Bankenkonsortium eine Kreditlinie über 4,4 Milliarden Euro. Jedoch kämpft der Konzern mit Problemen beim Hochlauf der Produktion in Frankreich. Gewerkschafter bezifferten die Ausschussquote zeitweise auf mehr als 60 Prozent. Eine solche Quote bedeutet, dass ein Großteil der gefertigten Zellen nicht den Qualitätsanforderungen entspricht und wertvolle Rohstoffe verloren gehen.
Vor allem die Beschichtung der Kathoden bereitet Schwierigkeiten. Entsteht in diesem frühen Stadium zu viel Ausschuss, lässt sich das im weiteren Prozess nicht mehr kompensieren. Unternehmenschef Yann Vincent räumte ein, der Anlauf der Gigafactory in Hauts-de-France dauere länger und sei teurer als erwartet. Zugleich betonte er: „Wir sind jedoch zu nah am Ziel, um jetzt aufzugeben.“ Ab dem Sommer soll die Quote spürbar sinken. ACC setzt inzwischen auf eine Basis-LFP-Zellchemie, die im Vergleich zu komplexeren Varianten einfacher zu skalieren ist. Zudem waren Experten aus China in Douvrin im Einsatz, um Produktionsabläufe zu stabilisieren.
Während das operative Geschäft in Frankreich konsolidiert wird, wächst in Deutschland der politische Druck. Für das Werk in Kaiserslautern sind Förderbescheide über fast 600 Millionen Euro ergangen, von denen bislang lediglich 3,3 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung ausgezahlt wurden. Die Förderarchitektur sieht grundsätzlich drei Standorte in Europa vor. Eine mit den Details vertraute Person verwies darauf, dass die Genehmigung der Gesamtförderung an die Entwicklung sowohl des französischen als auch des deutschen Werks geknüpft sei.
Aus den Reihen der IG Metall heißt es, die Zeit für eine Neubewertung sei knapp. „In wenigen Wochen ist der Ofen aus“, wird gewarnt. Für eine Kehrtwende seien zusätzliche Finanzmittel erforderlich. Auch die Landespolitik in Rheinland-Pfalz fordert mehr Engagement aus Berlin. Der wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Helmut Martin, verweist auf erteilte Genehmigungen, vorhandene Förderzusagen und verfügbare Fachkräfte. „Daher muss jetzt mit ganzer Kraft an der Realisierung der Ansiedlung in Kaiserslautern gearbeitet werden“, erklärte er.
Bund schweigt, Unternehmenschef warnt vor Abhängigkeit
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat sich bislang nicht konkret zu dem Projekt geäußert. Eine Sprecherin ihres Hauses verwies allgemein auf das Ziel, „eine wettbewerbsfähige Batteriewertschöpfung in Deutschland und Europa“ aufzubauen und Abhängigkeiten in einer strategischen Schlüsseltechnologie zu verringern. Eine direkte Antwort auf Fragen zur Zukunft von ACC in Kaiserslautern blieb aus.
Parallel dazu warnt ACC-CEO Vincent vor den langfristigen Konsequenzen einer geschwächten europäischen Zellproduktion. „Wer wird die Batterien für europäische Autos herstellen?“, fragte er öffentlich und verwies darauf, dass bereits heute ein Großteil der Zellen aus Asien stammt. Ohne eigene industrielle Basis drohe eine dauerhafte Abhängigkeit von Anbietern wie BYD, CATL oder LG.
Quelle: Automobilwoche – Batterie-Debakel bei ACC in Kaiserslautern: „In wenigen Wochen ist der Ofen aus“








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