Ohne China geht es nicht: Europas Batterie-Dilemma

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Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 14 min

Daniel Jimenez Schuster ist Managing Partner und Mitgründer von iLiMarkets und seit mehr als zwei Jahrzehnten in der globalen Lithiumindustrie tätig. Seine Laufbahn führte ihn von den frühen Aufbaujahren des Lithiumgeschäfts bei SQM bis zur strategischen Beratung von Produzenten, Abnehmern, Investoren und Regierungen weltweit. Kaum ein anderer Beobachter verbindet Marktdaten, industriepolitische Erfahrung und ein tiefes Verständnis der Batterie-Wertschöpfungskette so eng miteinander. Entsprechend nüchtern fällt sein Blick auf Europa aus – und auf die Frage, wo die eigentlichen Engpässe der Energiewende liegen.

Lithium gilt in der öffentlichen Debatte häufig als kritischer Rohstoff, dessen Verfügbarkeit über den Erfolg von Elektromobilität entscheidet. Jimenez Schuster widerspricht dieser Verkürzung deutlich. Aus seiner Sicht ist nicht der Zugang zu Lithium das strukturelle Problem Europas, sondern das fehlende industrielle Fundament in der Batteriezellfertigung. Während China über Jahre hinweg Know-how, Skaleneffekte und Kostenführerschaft aufgebaut hat, habe der Westen auf die falsche Technologie gesetzt und wertvolle Zeit verloren. Die Konsequenzen reichen weit über den Rohstoffmarkt hinaus und betreffen die gesamte industrielle Wertschöpfung.

Im Gespräch mit Elektroauto-News ordnet Daniel Jimenez Schuster ein, warum der Aufbau einer europäischen Lithiumförderung aus seiner Sicht strategisch überschätzt wird, weshalb Zellfertigung der eigentliche Hebel für industrielle Souveränität ist und welche Rolle Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen realistisch spielen müssen. Es geht um technologische Fehlentscheidungen, industriepolitische Prioritäten, die Grenzen von Autarkie – und um die unbequeme Erkenntnis, dass sich Wettbewerbsfähigkeit nicht durch Regulierung erzwingen lässt, sondern durch Skalierung, Effizienz und Lernkurven.

Sebastian Henßler, Elektroauto-News: Daniel, vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst. Du bist seit vielen Jahren in der Lithiumbranche aktiv und heute mit deinem eigenen Unternehmen iLiMarkets tätig. Kannst du uns zunächst etwas über deinen beruflichen Hintergrund und über eure Arbeit bei iLiMarkets erzählen?

Daniel Jimenez Schuster: Vielen Dank, Sebastian, für die Einladung. Ich bin seit Ende der 1990er-Jahre in der Lithiumindustrie tätig. Ich komme aus Chile und habe meine gesamte berufliche Laufbahn bei SQM verbracht. Dort war ich von Beginn an in den Aufbau des Lithiumgeschäfts eingebunden, insbesondere im kommerziellen Bereich. In dieser Zeit haben wir begonnen, Lithium erstmals systematisch in Europa und Asien zu vermarkten. Dazu gehörte unter anderem der Aufbau der ersten Lithiumhydroxid-Produktion in Russland sowie die frühe Phase der Lithium-Ionen-Batterieindustrie in Japan, die sich später nach Korea und China verlagert hat.

Bei SQM hatte ich verschiedene Funktionen inne. In zwei Zeiträumen war ich Senior Vice President Commercial und insgesamt rund zehn Jahre für das kommerzielle Lithiumgeschäft verantwortlich. Dazwischen war ich sechs bis sieben Jahre Senior Vice President Exploration. In dieser Rolle habe ich mich intensiv mit Ressourcen, Exploration und der Identifikation neuer Lithiumprojekte beschäftigt, unter anderem mit Blick auf das Wachstum im Salar de Atacama. Dadurch habe ich sowohl die Angebotsseite als auch die Ressourcenseite sehr tief kennengelernt.

2019 habe ich SQM verlassen und iLiMarkets gegründet. iLiMarkets ist ein auf Lithium spezialisiertes Beratungsunternehmen. Wir verfügen über ein sehr tiefes Verständnis der Branche, sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite. Unsere Arbeit ist stark datengetrieben. Wir analysieren Märkte, Angebot, Nachfrage und versuchen abzuschätzen, wie sich die Industrie in den kommenden Jahren entwickeln wird.

Ein Teil unserer Arbeit ist strategische Beratung. Wir unterstützen Unternehmen, die Lithium produzieren oder produzieren wollen, bei der Positionierung, bei der Identifikation geeigneter Marktsegmente, bei Vertragsverhandlungen und bei der Strukturierung von Abnahmeverträgen. Auf der anderen Seite arbeiten wir mit Lithiumabnehmern, die ihre Beschaffungsstrategie verbessern oder neue Lieferanten finden möchten. Zusätzlich führen wir technische Due-Diligence-Prüfungen durch, insbesondere wenn es um Beteiligungen oder Finanzierungen von Projekten geht. Dafür stellen wir Expertenteams zusammen, die alle relevanten Disziplinen abdecken, von Geologie über Bergbau bis hin zu Verarbeitung und Engineering.

Wenn wir aus deutscher oder europäischer Perspektive auf Lithium blicken, hören wir häufig von einem Versorgungsrisiko. Es heißt, wir brauchen Lithium, um Batterien für Elektroautos bauen zu können. Du argumentierst jedoch, dass diese Sichtweise zu kurz greift. Es gehe nicht nur darum, Lithium nach Europa zu bringen, sondern darum, was wir hier damit machen. Kannst du das näher erklären?

Das ist kein spezifisches Problem Deutschlands, Europas oder der USA. Dieses Thema betrifft im Grunde alle Regionen der Welt. Der zentrale Engpass liegt nicht beim Rohstoff selbst, sondern beim Know-how in der Zellfertigung und bei den Kosten der Zellproduktion. China hat sich hier über viele Jahre hinweg einen enormen Vorsprung erarbeitet – durch technologische Kompetenz, durch Skalierung und durch Erfahrung. Dieser Vorsprung ist inzwischen so groß, dass es für nicht-chinesische Unternehmen, einschließlich koreanischer Anbieter, sehr schwierig geworden ist, im Batteriemarkt wettbewerbsfähig zu sein.

Als Folge davon sehen wir in Europa und Nordamerika nur eine sehr begrenzte Zellproduktion. Wenn es kaum Zellproduktion gibt, dann gibt es auch nur eine begrenzte Produktion von Kathodenmaterialien. Und wenn diese fehlt, ist auch der Bedarf an Lithiumchemikalien in diesen Regionen gering. Wenn wir also über den Aufbau einer strategisch relevanten Lieferkette in Europa oder den USA sprechen, dann entsteht dieser Bedarf erst dann, wenn diese Regionen in der Lage sind, Batteriezellen effizient herzustellen.

Das ist ein entscheidender Punkt: Das Upstream folgt dem Downstream. Nicht umgekehrt. Die Zellproduktion ist der Auslöser für alles, was davor in der Wertschöpfungskette passiert. Solange diese Basis fehlt, ist es aus meiner Sicht wenig sinnvoll, sich primär auf die Rohstoffseite zu konzentrieren.

Ein konkretes Beispiel ist Tesla. Tesla baut derzeit eine Lithiumraffinerie in den USA. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass ein Großteil des dort produzierten Lithiums letztlich nach Korea exportiert werden muss, weil dort die Zellproduktion stattfindet. In Europa wäre die Situation vergleichbar. Solange Europa und die USA das Problem der wettbewerbsfähigen Zellfertigung nicht gelöst haben, ist eine vollständig integrierte Lieferkette kein zwingender strategischer Vorteil.

Du hast gerade von Upstream und Downstream gesprochen. Kannst du das für Leser:innen ohne tiefes Fachwissen etwas einordnen?

Wenn wir über die Batteriewertschöpfungskette im Automobilbereich sprechen, dann beginnt der Downstream-Bereich bei den Elektroautos selbst. Geht man einen Schritt nach oben in der Kette, kommt man zu den Batteriezellen. Davor stehen die Kathodenmaterialien, dann die Lithiumchemikalien und ganz am Anfang die Lithiumkonzentrate aus dem Bergbau.

Der Upstream-Bereich, also Bergbau und Konzentratproduktion, ist heute stark konzentriert in Ländern wie Australien, Chile und Argentinien. Dazu kommen kleinere Beiträge aus Brasilien, Afrika und China. Aus westlicher Perspektive ist die Versorgung mit Lithium grundsätzlich gesichert, weil Australien, Chile und Argentinien enge politische und wirtschaftliche Partner des Westens sind. Ich sehe hier keinen grundlegenden Versorgungsengpass.

Das eigentliche Problem liegt woanders. Europa ist heute nicht in der Lage, Batteriezellen effizient und wettbewerbsfähig zu produzieren. Das liegt meiner Meinung nach weniger an mangelnder Kompetenz als an einer strategischen Fehlentscheidung. Europa und die USA haben früh stark auf NMC-Zellen gesetzt, also auf Kathodenmaterialien aus Nickel, Mangan und Kobalt. Diese Technologie bietet eine hohe Energiedichte und wurde als ideal für hochwertige Fahrzeuge angesehen.

China hat hingegen früh auf LFP gesetzt, also Lithium-Eisenphosphat. LFP hat eine geringere Energiedichte, ist aber deutlich günstiger. China hat diese Technologie konsequent weiterentwickelt und es geschafft, die Energiedichte schrittweise zu erhöhen, während der Kostenvorteil erhalten blieb. Dadurch wurde der Leistungsunterschied zwischen NMC und LFP immer kleiner, während der Kostenvorteil von LFP sehr groß blieb.

Das hat dazu geführt, dass westliche Entwicklungen, einschließlich koreanischer und japanischer Hersteller, massiv unter Druck geraten sind. Heute werden stationäre Batteriespeicher überwiegend mit LFP-Zellen gebaut. Westliche Hersteller, die vor wenigen Jahren noch nicht über LFP sprechen wollten, setzen inzwischen ebenfalls darauf. Viele ursprünglich geplante NMC-Zellfabriken im Westen werden aktuell auf LFP umgestellt. Dadurch hat der Westen faktisch etwa fünf Jahre verloren.

Hat Europa oder haben die USA realistisch gesehen noch eine Chance, technologisch zu China aufzuschließen, oder ist China bereits zu weit voraus?

China hat heute zusätzlich einen enormen Vorteil durch seine Skalierung. Ich halte es für sehr schwierig, dass der Westen in dieser aktuellen Batteriegeneration noch aufschließen kann. Der technologische Vorsprung und die Erfahrung, die China aufgebaut hat, sind erheblich.

Aus meiner Sicht ist die realistischste Option, chinesische Unternehmen nach Europa und in die USA zu holen und dort Zellen produzieren zu lassen. Nur wenn Zellen lokal hergestellt werden, entsteht überhaupt ein Anreiz, vorgelagerte Industrien aufzubauen, also Kathodenmaterialien, Chemieindustrie und Lithiumchemikalien. In dieser Batteriegeneration ist der Vorsprung Chinas wahrscheinlich zu groß, um ihn vollständig einzuholen.

Wenn wir diesen Gedanken weiterführen, sprechen wir im Grunde darüber, chinesische Unternehmen gezielt nach Europa zu holen, um hier Know-how aufzubauen. Man könnte sagen: So wie chinesische Hersteller früher von europäischen Herstellern gelernt haben, müssten wir heute von ihnen lernen, wie Batteriezellen, Kathoden und die gesamte Wertschöpfungskette aufgebaut werden. Ist das aus deiner Sicht der richtige Weg?

Ja, insbesondere bei der Zellproduktion. Die Kathodenherstellung ist vergleichsweise weniger komplex, auch wenn es dort selbstverständlich ebenfalls technologische Geheimnisse gibt. Aber der eigentliche Engpass liegt bei den Zellen. Wenn der Westen keine Zellen produziert, ergibt es keinen Sinn, vorgelagerte Industrien aufzubauen, weil am Ende alles nach China geht.

Man muss sich vor Augen führen, dass im Jahr 2025 rund 92 Prozent der weltweit produzierten Lithiumeinheiten nach China gegangen sind. Ein Teil davon wird später in veredelter Form wieder exportiert, aber diese Zahl zeigt sehr deutlich, wie dominant Chinas Position ist. Die verbleibenden sieben bis acht Prozent gingen überwiegend nach Japan und Korea, also ebenfalls in Länder mit signifikanter Zellproduktion. Das unterstreicht noch einmal, dass der Schlüssel nicht im Rohstoff liegt, sondern in der Zellfertigung.

Du hast bereits angesprochen, dass man sich bei der aktuellen Batteriegeneration wahrscheinlich auf Kooperationen konzentrieren sollte, um parallel an der nächsten Generation zu arbeiten. Wird Lithium in dieser nächsten Batteriegeneration weiterhin eine Rolle spielen oder sehen wir hier einen grundlegenden Technologiewechsel?

Lithium wird aufgrund seiner Position im Periodensystem immer eine sehr wichtige Rolle in Batterien spielen. Das heißt nicht, dass es keine Alternativen oder Ergänzungen geben kann, aber Lithium besitzt Eigenschaften, die sich nur sehr schwer ersetzen lassen. Andere Systeme können bestimmte Funktionen erfüllen, erreichen aber nicht die gleiche Leistungsfähigkeit.

Der nächste große Technologiesprung, bei dem der Westen möglicherweise wieder aufholen könnte, liegt aus meiner Sicht bei Lithium-Schwefel- beziehungsweise Feststoffbatterien. In diesen Systemen ist Lithium Teil der Anode, meist als Lithium-Metall-Verbund. Diese Batterien haben das Potenzial für eine deutlich höhere Energiedichte als heutige LFP- oder NMC-Systeme. Das würde neue Anwendungen ermöglichen, auch in Bereichen, in denen Batterien bislang keine Rolle spielen. Realistisch sprechen wir hier jedoch über einen Zeithorizont von sechs bis acht Jahren.

Wenn wir diesen Zeitraum betrachten, müssten heute bereits die richtigen Weichen gestellt werden. Gleichzeitig sehen wir in Deutschland und Europa Förderprogramme für Lithiumgewinnung, etwa Projekte im Oberrheingraben. Aus meiner Sicht fehlt jedoch die industrielle Basis dahinter. Wäre es nicht sinnvoller, öffentliche Mittel stärker in Industrie und Technologie zu investieren?

Da stimme ich dir vollkommen zu. Der Engpass ist nicht Lithium, sondern die Zellfertigung. Danach folgt der Aufbau der vorgelagerten Industrien. Global betrachtet muss man nicht alles selbst produzieren, wenn man über verlässliche Partner und stabile Lieferbeziehungen verfügt.

Aus Sicht der öffentlichen Förderung sollten die Prioritäten im Downstream liegen, also bei Technologie, Industrie und Zellproduktion. Europa hat keinen strukturellen Vorteil im Bergbau. Die Ressourcen sind begrenzt, schwer zugänglich und mit hohen Kosten verbunden. Es ergibt wenig Sinn, dort massiv zu investieren, wenn es Regionen gibt, die günstiger und effizienter produzieren können.

Australien ist ein sehr enger Verbündeter Europas und der USA. Auch Südamerika, insbesondere Chile und Argentinien, ist seit Jahrzehnten eng mit dem Westen verbunden. Vor diesem Hintergrund halte ich es für strategisch fragwürdig, knappe öffentliche Mittel in teure europäische Bergbauprojekte zu lenken.

Programme wie der Critical Raw Materials Act oder andere europäische Instrumente sollen Investitionen absichern, etwa durch Preisgarantien oder staatliche Unterstützung. Sind solche Ansätze aus deiner Sicht hilfreich oder werden hier die falschen Schwerpunkte gesetzt?

Wenn man unbegrenzte Mittel hätte, könnte man theoretisch alles gleichzeitig fördern. Realistisch gesehen sind die Ressourcen jedoch begrenzt. Und wenn Ressourcen begrenzt sind, muss man sie dort einsetzen, wo sie den größten Hebel haben.

Aus meiner Sicht liegen diese Hebel nicht in Europa im Bereich der Lithiumförderung. Europa hat weder kostengünstige noch leicht zugängliche Ressourcen. Die Prioritäten sollten klar auf der technologischen Seite und im industriellen Downstream liegen. Warum sollte man in Hochkosten-Bergbau investieren, wenn man stabile Lieferanten in verbündeten Ländern hat?

Du hast vorhin das Thema Direct Lithium Extraction (DLE) angesprochen. Diese Technologie wird häufig als besonders umweltfreundlich dargestellt und spielt auch in Europa eine große Rolle. Welche Bedeutung hat DLE aus deiner Sicht für die Wertschöpfungskette?

DLE ist im Grunde eine Methode, um Lithium aus lithiumhaltigen Solen zu extrahieren. Global betrachtet gibt es drei Haupttypen von Solen. Zum einen die klassischen Salzseen, vor allem in Chile, Argentinien und Teilen der USA. Dort wird Lithium traditionell über solare Verdunstung gewonnen, mit sehr niedrigem Energieeinsatz, aber großem Flächenbedarf.

Dann gibt es geothermische Solen, etwa im Oberrheingraben oder in Salton Sea in den USA. Diese sind chemisch sehr aggressiv und technisch anspruchsvoll. Schließlich gibt es tiefe Solen, oft im Zusammenhang mit Öl- und Gasvorkommen, bei denen die Lithiumkonzentrationen meist sehr niedrig sind.

Für diese Solentypen ist solare Verdunstung nicht geeignet. Hier kommt DLE als technische Option ins Spiel. Historisch betrachtet waren DLE-Verfahren jedoch teuer. Wenn wir in Zukunft einen globalen Lithiumbedarf von drei, fünf oder sogar sechs Millionen Tonnen erreichen, wird der Grenzkostenproduzent teurer werden. In diesem Szenario könnte DLE wirtschaftlich relevant werden, wenn die Gesamtkosten unter etwa 15 US-Dollar (12,70 Euro) pro Kilogramm bleiben.

Langfristig könnten DLE-Projekte eine Rolle spielen, aber sie werden voraussichtlich Hochkostenproduzenten bleiben. Es gibt große Unternehmen wie Standard Lithium, ExxonMobil oder Chevron, die daran arbeiten, ebenso wie mehrere Projekte in Deutschland. Einige dieser Ansätze werden funktionieren, aber man sollte nicht davon ausgehen, dass DLE kurzfristig oder strukturell ein Low-Cost-Game wird.

Selbst wenn es gelingen sollte, Direct-Lithium-Extraction-Technologien langfristig kostengünstiger zu machen, bleibt doch das grundlegende Problem bestehen, dass in Europa die industrielle Basis fehlt. Auch günstigeres Lithium aus Europa würde daran wenig ändern.

Genau. Denn heute müsste dieses Lithium ohnehin nach China exportiert werden, weil dort die Zellproduktion stattfindet. Europa hätte dadurch keinen strukturellen Vorteil. Man würde Lithium zu hohen Kosten produzieren und es anschließend zu den gleichen Marktpreisen verkaufen wie Produzenten mit deutlich niedrigeren Kosten.

Das bedeutet konkret: Europa würde teures Lithium fördern, es nach China schicken und dort würde es in Batteriezellen verarbeitet, die anschließend wieder nach Europa zurückkommen. Aus wirtschaftlicher Sicht ergibt das keinen Sinn. Europa hätte dadurch weder Kostenvorteile noch industrielle Souveränität gewonnen.

Solange die Zellproduktion nicht in Europa stattfindet, gibt es keinen wirtschaftlich tragfähigen Grund, Lithium hier in großem Stil zu fördern. Die Wertschöpfung entsteht nicht im Rohstoff, sondern in der Verarbeitung und in der industriellen Skalierung.

Wenn wir auf die Preisentwicklung schauen: Lithiumpreise sind zuletzt stark gestiegen. Ist das ein kurzfristiges Phänomen oder sehen wir hier einen langfristigen Trend?

Lithiumpreise werden durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Die Nachfrage lag zuletzt bei etwa 1,4 Millionen Tonnen und dürfte bis 2030 auf rund drei Millionen Tonnen steigen, möglicherweise sogar darüber hinaus. Langfristig erwarten wir einen Peak um 2040 bei etwa fünf bis fünfeinhalb Millionen Tonnen.

Im Jahr 2025 lagen die variablen Kosten der Grenzkostenproduzenten bei etwa 12 US-Dollar (10,20 Euro) pro Kilogramm. Ein erheblicher Teil der Branche hat damals Geld verloren, was zeigt, dass die durchschnittlichen Preise zu niedrig waren. Wenn wir auf drei Millionen Tonnen Nachfrage zusteuern, ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Grenzkosten nicht auf 16 bis 18 US-Dollar (13,50 bis 15,20 Euro) steigen.

Kurzfristig sehen wir Schwankungen und auch Korrekturen. Aber strukturell erwarten wir steigende Preise. Ab 2027 rechnen wir mit einem Angebotsdefizit. Zwei Jahre lang wurden Investitionen stark zurückgefahren. Diese verlorene Zeit lässt sich nicht schnell aufholen. Deshalb ist ein deutlicher Preisanstieg bis 2027 durchaus realistisch, mit Preisen von 30 US-Dollar (25,40 Euro) als mögliches Szenario.

Wenn wir unser Gespräch zusammenführen, drängt sich die Frage auf, ob Europa heute überhaupt darauf vorbereitet ist, den industriellen Weg zu gehen, der notwendig wäre, um sich im Batteriebereich unabhängiger von China zu machen.

Ich halte das für sehr schwierig. Wir haben bereits früher darüber gesprochen: Ohne China wird es aus meiner Sicht nicht gehen. Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen sind fundamental, wenn der Westen lernen und aufholen will. Das erfordert nicht nur technologische Offenheit, sondern auch eine gewisse Reife und Demut – also die Bereitschaft anzuerkennen, dass China heute einen klaren Vorsprung hat und dass man von dort lernen muss.

Ich sehe aktuell keine realistische Alternative. Andernfalls wird es für die westliche Automobilindustrie extrem schwierig. Und hier liegt für mich das eigentliche strukturelle Problem. Die westliche Automobilindustrie ist im Elektroauto-Segment heute in einer sehr schwierigen Lage. Wenn Europa und die USA ihre Märkte vollständig öffnen würden, hätten nicht nur Elektroautos aus China einen massiven Einfluss, sondern auch Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor.

Chinesische Hersteller sind heute in der Lage, Autos zu sehr niedrigen Kosten zu produzieren – und zwar über alle Antriebstechnologien hinweg. Das macht den Wettbewerb extrem hart. Die Automobilindustrie wird sich grundlegend verändern müssen. Partnerschaften werden aus meiner Sicht einer der wenigen realistischen Wege sein, um in diesem Umfeld zu überleben.

In Europa wird derzeit viel über Zölle, Regulierung und das Schließen von Märkten diskutiert. Gleichzeitig gibt es erste Kooperationen zwischen europäischen und chinesischen Herstellern. Ist Abschottung aus deiner Sicht der richtige Weg?

Hier muss man ehrlich sein: Es gibt auch eine soziale Dimension. In Ländern wie Deutschland sind sehr viele Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der Automobilindustrie abhängig. Aus politischer Sicht kann ich nachvollziehen, dass man kurzfristig versucht, Märkte zu schützen und die Tore zu schließen.

Gleichzeitig ist klar, dass man diese Tore nicht dauerhaft geschlossen halten kann. Das ist keine nachhaltige Lösung. Der sinnvollere Weg ist aus meiner Sicht, chinesische Unternehmen gezielt einzubinden, sie in Europa und in den USA produzieren zu lassen und auf diesem Weg Know-how aufzubauen.

Das hat allerdings weitreichende soziale und strukturelle Konsequenzen. Gewerkschaften, Arbeitsstrukturen und industrielle Prozesse werden sich verändern müssen. Effizienz wird eine zentrale Anforderung sein, wenn die Industrie langfristig wettbewerbsfähig bleiben will.

Das ist kein leichtes Fazit, aber ein sehr klares. Für mich bleibt als Kernaussage: Nicht Lithium ist das eigentliche Problem, sondern fehlendes Know-how und fehlende Skalierung.

Genau. Know-how und Skalierung gehören untrennbar zusammen. Man sieht das sehr gut am Beispiel Recycling. Europa ist technologisch oft sehr weit, teilweise sogar führend. Aber es fehlt das Volumen. Es gibt schlicht noch nicht genug Material, das recycelt werden kann.

China hingegen hat enorme Mengen an Batterien und Materialien zu recyceln. Dadurch entstehen Skaleneffekte. Diese Skalierung macht Recycling effizienter und erlaubt es chinesischen Unternehmen, höhere Preise für Altmaterial zu zahlen. Das verschärft den Wettbewerbsnachteil für den Westen zusätzlich.

Der Westen steht heute in der Elektromobilität, bei Batterien und auch bei den Herstellern insgesamt vor sehr grundlegenden Herausforderungen. In vielen Bereichen werden radikale Veränderungen notwendig sein.

Daniel, vielen Dank für das offene und sehr klare Gespräch und für die Einblicke, die du gegeben hast.

Vielen Dank, Sebastian.

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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