Verkehrswissenschaftler: „Erst die Infrastruktur bringt den Durchbruch“

Verkehrswissenschaftler: "Erst die Infrastruktur bringt den Durchbruch"

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Bei aller Euphorie in Sachen Elektromobilität hat der Verkehrswissenschaftler Professor Arnd Stephan (TU Dresden) Geduld angemahnt. Die Erwartung in der Gesellschaft sei groß. Diese werde aber zunächst enttäuscht werden. Der Durchbruch sei keine Frage der Technik, sondern der Infrastruktur. Dazu brauche es Ladesäulen, Netze mit Ökostrom, einheitliche Abrechnungssysteme – und das alles flächendeckend. Stephan: „Derzeit ist E-Mobilität auf der Straße mehr Reklame als Wirklichkeit auf dem Markt.“

Die Menschen hätten sich an Unabhängigkeit von der Infrastruktur gewöhnt, so Stephan. Sich jetzt von Ladezeiten und -stationen abhängig zu machen, sei unbequem und anstrengend. Darum habe E-Mobilität eben auch eine psychologische Komponente. Parallel dazu seien Aufbau und Betrieb von Ladestationen wirtschaftlich bislang wenig lukrativ, weil dort nicht viel Energie verkauft werde. „An einer Benzin-Zapfsäule werden in einer Minute per Kraftstoff Megawattstunden abgeben – an einer Ladestation in viel längerer Zeit nur Kilowattstunden.“

Auch bei den Batterien gebe es noch viel zu tun. Technisch, aber eben auch ökologisch und ethisch. Schließlich kämen die Rohstoffe in aller Regel nicht aus demokratischen Ländern. „Die Frage ist immer: Wie gehen wir mit Ressourcen und Wohlstandsgefälle um. Verkehr muss ganzheitlich gedacht werden.“

Dass die deutsche Autoindustrie ihre führende Rolle an die USA oder China verliert, glaubt Stephan nicht. Allerdings seien dazu Anstrengungen notwendig. Auch, weil Konkurrenten andere Ansätze bevorzugen. So habe etwa Tesla seine Modelle weniger aus der Sicht eines Autobauers gedacht als aus der eines Informatikers. Software sei aber in modernen Fahrzeugen die Schlüsselkomponente.

Die Entwicklung reiche aber weit über einfaches Programmieren hinaus. Diese Erfahrung habe VW mit dem ID.3 machen müssen. In den Anlaufschwierigkeiten sieht Stephan zwar eine kurzfristige Blamage für den Konzern, dauerhaften Schaden befürchtet er indes nicht. Stolpern gehöre in einer sich technisch so schnell verändernden Welt nun mal dazu.

Quelle: MDR – Dresdner Forscher: „E-Mobilität mehr Reklame als Wirklichkeit am Markt“

Über den Autor

Wolfgang Plank ist freier Journalist und hat ein Faible für Autos, Politik und Motorsport. Tauscht deshalb den Platz am Schreibtisch gerne mal mit dem Schalensitz im Rallyeauto.

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Selten eine so gute Standpunktszusammenfassung wie diese von Prof. Stephan gelesen, worin der zukünftige Kontext hervorragend zusammengefasst wurde. An der Umsetzung gibt es noch viel zu tun, welche alle Beteiligte nur zusammen lösen können, auch wenn es noch viele Probleme zu lösen gilt.

Schöne Zusammenfassung ohne irgendwie Partei zu ergreifen.

Darum habe E-Mobilität eben auch eine psychologische Komponente

Das ist denke ich ein großer Knackpunkt. Klar brauchen viele im Alltag keine öffentliche Ladeinfrastruktur, weil sie zu Hause oder bei der Arbeit laden können. Es gibt aber auch diejenigen, die auf die öffentliche Ladeinfrastruktur angewiesen sind. Diese psychologische Komponente kann man denke ich auch nicht durch die immer gleichen Diskussion eliminieren. Es hat nichts mit Logik oder Vernunft zu tun. Wenn die Leute an jeder Ecke eine Ladesäule sehen, macht es eher „Klick“.

Sich jetzt von Ladezeiten und -stationen abhängig zu machen, sei unbequem und anstrengend.

Deshalb gehören Ladestationen dorthin wo die E-Autos sowieso längere Zeit stehen, also z.B. beim Arbeitgeber, bei Super- und Baumärkten, bei Restaurants und Fitnesscentern (nach Corona).

Auch bei den Batterien gebe es noch viel zu tun. Technisch, aber eben auch ökologisch und ethisch. Schließlich kämen die Rohstoffe in aller Regel nicht aus demokratischen Ländern.

Das trifft auch auf das Erdöl zu, es kommt „in aller Regel nicht aus demokratischen Ländern“.

So habe etwa Tesla seine Modelle weniger aus der Sicht eines Autobauers gedacht als aus der eines Informatikers. Software sei aber in modernen Fahrzeugen die Schlüsselkomponente.

Warum soll der Steuerzahler den Bonus zahlen? – das können in Zukunft die Hersteller als Gegenleistung für die vielen Daten, die sie von E-Autofahrer bekommen, dann wären die E-Autos dauerhaft günstig.

Mit der Software bei VW’s ID* wird es sicher so wie bei der LKW-Maut-Erfassung:
Aller Anfang ist schwer und es gibt erst mal Enttäuschung und Desaster – später läuft es und keiner redet mehr drüber. VW hat das Durchhaltevermögen dazu.

Wenn man die zukünftige Infrastruktur betrachtet, muss das aber nicht nur aus der Sicht des einzelnen Autos und Fahrers passieren, sondern zuerst und vor allem bezüglich einer ökologischen Verkehrswende. Also: öffentlicher Nah- und Fern-Verkehr innerstädtisch und überregional / auf Straße und Schiene … sowie Car-Sharing. Damit lässt sich grundsätzlich und z.T. sofort die größte Nachhaltigkeit erzielen!
Also z.B. konkret: Wie können Städte z.B. motiviert werden, Car-Sharing und Nahverkehr einzuführen und zu fördern.
Wäre schön, wenn der Herr Professor mal in diese Richtung denkt bzw. denken lässt!

Nicht nur die 1-Säulen-Infrastruktur, die es heute selbst an Autobahnen noch zu hauf gibt, ist zu ändern. Auch stelle ich fest, das das Preisniveau einiger Anbieter die Akzeptanz für das zarte Blümchen Elektromobilität zerstörend ist. Schon heute ist im Vergleich zu den Verbrennern das Nachladen unverhältnismäßig teuer und unwirtschaftlich ! Dieser Aspekt fehlt in dem Bericht !

Umweltfreundlich und zeitgemäß sind insbesondere „kleine“ E-Fahrzeuge, mit geringem Gewicht, geringem Verbrauch und geringem Parkplatzangebot ! Keine 2t-Elektro-SUV`s egal von welchem Hersteller !

Ich teile die Meinung von Herrn Professor Arnd Stephan nicht. Zunächst ist unklar auf was sich die große Erwartungshaltung der Gesellschaft bezieht. Alleine auf die Ladesäulen? Überwiegend werden Elektroautos zuhause aufgeladen. Der Ausbau der Ladesäulen findet ja statt. Je nach Standort werden Ladesäulen sogar zu wenig genutzt. Auch der Anteil von Ökostrom nimmt im jeden Jahr weiter zu. Die Herkunft von Rohstoffen ist ein grundsätzlicher Problem. Aber gerade die Elektromobilität ist bemüht die Gewinnung von Wertstoffen umwelt- und sozial verträglich zu gestalten. Natürlich geht die Entwicklung in allen Bereichen weiter. Durch Recycling der Wertstoffe werden geschlossene Stoffkreisläufe erreicht. Mit fossilen Energieträgern ist das nicht möglich.
Die Erwartungshaltung der Nutzer von Elektroautos ist nicht das Problem. Von der Seite wird das Thema realistisch betrachtet. Offensichtlich sind die Erwartungshaltungen der Gegner überzogen. Die Energie- und Mobilitätswende kann nicht von heute auf morgen vollzogen werden. Allerdings sind Elektroautos schon jetzt ökologisch im Vorteil. Mit dem zunehmenden Ausbau der erneuerbaren Energien wird dieser Vorteil immer besser. Auf das Abschalten der letzten Kohlekraftwerke oder gar Gaskraftwerke braucht nicht gewartet zu werden. Im Übrigen entscheidet jeder selbst welche Antriebstechnologie bevorzugt wird. Mittelfristig werden Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor weiterhin große Marktanteile haben.

Völlig richtig. Und dazu gehören faire Preise, einheitliche Abrechnungen und Wegfall der Kartenvielfalt.

Leider ist es nicht nur die Infrastruktur welche die Anschaffungslust von E-Autos behindert, sondern, wie die in den Elektro-News veröffentlichte Studie der international gleichmäßig verteilten vier zentralen Argumente der Elektro-Skeptiker zeigen, leider auch
die kurze Reichweite,
die erzwungenen Ladepausen bei längerem Fahren und
der hohe Preis
welche die Befragten vom Kauf eines E-Autos noch abhalten.
Dem höheren Reichweitenbedarf steht jedoch eine Batterietechnologie im Wege, die hinsichtlich Gewicht und Volumen (Energiedichte) sowie dem Preis einer kWh-Batteriekapazität derzeit noch einiges von dem entfernt liegt was eine echte Wettbewerbsfähigkeit der E-Fahrzeuge gegenüber den „Verbrennern“ hinsichtlich Reichweite und dem damit verbundenen Preis ausmacht.

Natürlich hat Herr Professor nicht unrecht, wenn es meint: „Bei aller Euphorie in Sachen Elektromobilität hat der Verkehrswissenschaftler Professor Arnd Stephan (TU Dresden) Geduld angemahnt. Die Erwartung in der Gesellschaft sei groß. Diese werde aber zunächst enttäuscht werden. Der Durchbruch sei keine Frage der Technik, sondern der Infrastruktur. Dazu brauche es Ladesäulen, Netze mit Ökostrom, einheitliche Abrechnungssysteme – und das alles flächendeckend. Stephan: „Derzeit ist E-Mobilität auf der Straße mehr Reklame als Wirklichkeit auf dem Markt.““

ABER wo fängt diese notwendige Infrastrukur an. Ich denke ZUERST muss man die gesamte globale Industrie völlig umstellen. Von der alten Verbrennungstechnik hin zu völlig anderen Konzepten. Verkützt DECARBONISATION. Sonst bleibt aller E-Krempel nur ein müder Wunschtraum und eben nur Reklame, die bald von der Realität verdrängt wird. Man kann einen E-Boom herbei reden und dann endet er wieder wo er schon mal war. Weltweit in einem Nischendasein. DAS Auto braucht andere Antriebe, als jene mit starren Ladenetzen. Was war den los mit früheren Akku-Autos? Der Autoboom kam mit den elektrischen Anlassern an umständlichsten Verbrennern die man sich denken kann. WARUM wohl?

Gute Zusammenfassung

Aber es ist schon ein Riesenerfolg, dass eAutos
aus der Nische raus sind. Noch vor zwei Jahren war das nur was für Nerds, die bestenfalls belächelt wurden. Da ist es schon beachtlich, dass jetzt vor übertriebenen Erwartungen gewarnt werden muss.

meine Erwartungen sind bereits weit übertroffen worden. Hätte nicht gedacht, das eMobilität in der öffentlichen Wahrnehmung so schnell voran kommt

Die Infrastruktur ist nach jahrzehntelanger Gewohnheit die Tankstelle mit einem max. Aufenthalt von 10 Minuten. Der Generationentausch wird diese Nutzungsgewohnheit eines Fahrzeugs auch abmildern.
Wichtiger wäre die Strompreisentwicklung. Die BRD hat mit die höchsten Strompreise in Europa und kauft derzeit Strom aus Frankreich zu – Atomstrom! Die deutsche Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik hat mehr als 30 Jahre keine Nachhaltigkeit gezeigt. Und Versäumnisse kommen erst in einer Krise hoch…

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