Was lange als Tabu galt, könnte bei Volkswagen nun doch Wirklichkeit werden: Der deutsche Automobilkonzern prüft offenbar, in China entwickelte Modelle der Kernmarke VW künftig auch in Europa anzubieten. Nach Informationen des Handelsblatts reicht ein entsprechender Prüfauftrag vom Import einzelner Fahrzeuge bis hin zu einer späteren Produktion der Modelle oder einzelner Komponenten in Europa.
Als möglicher Testballon gilt unter anderem der ID. Era 9X, ein großes SUV-Modell mit Range Extender, das bislang klar auf den chinesischen Markt zugeschnitten ist. Ob ein solches Fahrzeug tatsächlich nach Europa passen würde, ist allerdings fraglich. Der europäische Markt ist bei Abmessungen, Effizienz, Preispositionierung und regulatorischen Anforderungen anders gelagert als China. Kürzere Entwicklungszeiten, mehr Softwarekompetenz, moderne Elektronikarchitekturen und Produkte, die stärker an den Erwartungen eines zunehmend digital geprägten Automarkts ausgerichtet sind, spielen bei diesen Überlegungen offenbar eine Rolle.
Dass diese Idee nun konkreter wird, liegt offenbar an der angespannten Lage des Konzerns. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD), zugleich Mitglied im VW-Aufsichtsrat, sprach sich dafür aus, in China entwickelte Konzernmodelle künftig auch in Deutschland zu bauen. „Wenn wir Fahrzeuge, die wir bislang in China bauen, auch hier produzieren würden, könnten wir die Auslastung unserer Werke stabilisieren“, sagte der SPD-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Es gehe ihm darum, Beschäftigung und Auslastung zu sichern, „anstatt zuzusehen, wie andere neue Werke außerhalb Deutschlands hochziehen“.
Attraktive Modelle, die hier bislang fehlen
Lies betonte zugleich, es gehe nicht darum, Produktion aus Deutschland zu verlagern. Vielmehr könnten zusätzliche Produkte an europäische Standorte geholt werden. Für Volkswagen wäre das eine heikle, aber durchaus naheliegende Option. Der Konzern steht unter massivem Kostendruck, gleichzeitig sind mehrere Werke nicht so ausgelastet, wie es für eine wirtschaftliche Produktion nötig wäre. In der jüngeren Vergangenheit wurde bereits über verschärfte Sparpläne und den tiefgreifenden Umbau des Konzerns berichtet, bis zu 100.000 Stellen stehen zur Disposition. Besonders im Fokus stehen dabei Standorte wie Zwickau, das vollständig auf in Deutschland entwickelte Elektroautos umgestellt wurde und deshalb beispielhaft für die Risiken der Transformation steht.
Die mögliche Europa-Nutzung chinesischer VW-Modelle passt auch zu einer breiteren strategischen Verschiebung. Volkswagen arbeitet in China eng mit Xpeng zusammen. Aus dieser Kooperation stammt der ID. Unyx 08, der in nur 24 Monaten zur Serienreife gebracht wurde. Das Modell nutzt unter anderem 800-Volt-Technik, moderne Assistenzsysteme und eine neue Elektronikarchitektur. Gerade solche Entwicklungs- und Softwaregeschwindigkeiten gelten als zentrale Stärke chinesischer Hersteller und als Schwachpunkt vieler europäischer Wettbewerber. Vergleichbare VW-Modelle in Europa sucht man bislang vergebens.
Nach dem wahrscheinlichen Aus des Milliarden schweren Projekts zum automatisierten Fahren mit Bosch gewinnen Partnerschaften mit Rivian und Xpeng für VW an Gewicht. Der Konzern scheint sich damit weiter von der Vorstellung zu entfernen, wesentliche Software- und Elektronikkompetenzen vollständig allein im eigenen Haus aufbauen zu können. Cariad bleibt zwar wichtig, soll aber immer stärker als Integrator und Taktgeber funktionieren, während externe Partner entscheidende Technologien zuliefern.
Viele Risiken und Chancen
Sollten die chinesischen VW-Modelle tatsächlich bei uns gebaut und verkauft werden, wäre dies ein starker Einschnitt. Über Jahrzehnte galt Europa als Entwicklungszentrum, China als Wachstumsmarkt und Produktionsraum. Nun droht sich dieses Verhältnis teilweise zu drehen. Volkswagen müsste darauf achten, nicht nur chinesische Technik nach Europa zu holen, sondern daraus eigene europäische Stärke zu entwickeln. Sonst würde der Konzern zwar kurzfristig Werke auslasten, langfristig aber weiter technologische Führungsrolle abgeben, befürchten Kritiker.
Hinzu kommen handelspolitische Fragen. Der Cupra Tavascan zeigt bereits, wie kompliziert der Import von in China gebauten Elektroautos in die EU sein kann. Das Modell aus dem VW-Konzern war von den EU-Zöllen auf chinesische Elektroautos betroffen, ehe eine Sonderregelung mit Mindestpreis- und Quotenmodell vereinbart wurde. Eine reine Importstrategie dürfte deshalb politisch und wirtschaftlich riskant bleiben. Eine Produktion in Europa könnte jedoch Zölle umgehen, Beschäftigung sichern und zugleich chinesische Entwicklungsstärke nutzbar machen. Wie in dieser zweischneidigen Angelegenheit entschieden wird, dürfte in der gesamten Branche mit Spannung erwartet werden.
Quelle: Handelsblatt – VW prüft Verkauf und Fertigung chinesischer Modelle in Europa sowie Ministerpräsident für Bau von China-Modellen auch in Deutschland









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