VW ID. Era 9X: Autonom und sicher durch das wuselige Peking

VW ID. Era 9X: Autonom und sicher durch das wuselige Peking
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Vanessa-Lisa Oelmann

Vanessa Lisa Oelmann
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  —  Lesedauer 5 min

Die erste Begegnung mit dem Volkswagen ID. Era 9X fühlt sich ein bisschen so an, als würde man einen Blick in ein Paralleluniversum werfen. Ein Universum, in dem Volkswagen technologisch plötzlich ganz vorne mitspielt – zumindest in China. Ich durfte meinen Kumpel und Kollegen Kyle Conner von Out of Spec Reviews auf seiner Probefahrt im ID. Era 9X begleiten – inklusive dem vollintegriertem Assistenzsystem von Momenta.

Kurz zum Verständnis: Der ID. Era 9X ist ein großes, klar auf Komfort und Technik ausgelegtes SUV, entwickelt von SAIC Volkswagen. Damit gehört er zu den Modellen, die speziell für den chinesischen Markt entstehen, im Gegensatz zu den neueren Kooperationen von Volkswagen mit XPeng, die ebenfalls Software und Plattform-Technologie beisteuern, aber in einem anderen Projektkontext laufen. Technisch geht Volkswagen hier einen anderen Weg als bei den bekannten ID.-Modellen in Europa.

Der ID. Era 9X ist nämlich kein klassisches reines Elektroauto, sondern ein sogenanntes Range-Extender-Fahrzeug. Bedeutet: Er fährt primär elektrisch, hat aber zusätzlich einen 1,5-Liter-Turbobenziner an Bord, der nicht die Räder antreibt, sondern ausschließlich als Generator dient und die Batterie bei Bedarf nachlädt. Die Dimensionen sind dabei fast schon absurd groß: Über 5,20 Meter Länge, knapp zwei Meter Breite und mehr als 1,80 Meter Höhe machen ihn größer als viele europäische Oberklasse-SUVs – inklusive eines großzügigen Radstands von rund 3,07 Metern und Platz für sechs Personen in drei Reihen.

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Beim Antrieb gibt es verschiedene Ausbaustufen. Die Topversion setzt auf Allrad mit zwei Elektromotoren und kommt auf bis zu rund 380 kW Systemleistung, also über 500 PS. Die Energie liefert eine Batterie mit bis zu 65,2 kWh, während kleinere Varianten mit rund 51 kWh auskommen. Rein elektrisch sind – je nach Version – etwa 300 bis 400 Kilometer möglich, kombiniert mit dem Range-Extender ergibt sich eine Gesamtreichweite von bis zu rund 1000 Kilometern.

Im Innenraum zeigt sich, dass dieses Auto nicht für Europa gedacht ist. Klassische Knöpfe? Kaum vorhanden. Stattdessen dominieren zwei große 15,6-Zoll-Displays das Cockpit, ergänzt durch ein Head-up-Display und einen riesigen 21,4-Zoll-Bildschirm für die hinteren Passagiere, der aus dem Dach herunterklappt. Dazu kommen Features wie Ambientebeleuchtung über mehrere Meter Lichtband, ein komplett ebener Boden und ein klar auf Lounge-Komfort ausgelegtes Raumkonzept mit Einzelsitzen in der zweiten Reihe.

Autonomes Fahren: 90 Minuten ohne einen einzigen Eingriff

Sicher, für derartig ausufernde Luxusausstattung gibt es in Europa keinen großen Markt – für fortschrittliche Assistenzsysteme hingegen eigentlich schon. Und so kommen wir zum eigentlichen Highlight, welches ganz unsichtbar im Hintergrund agiert: das ADAS-System von Momenta. Das Unternehmen gehört zu den spannendsten Playern im Bereich automatisiertes Fahren in China. Anders als klassische Zulieferer setzt Momenta stark auf datengetriebene KI-Modelle, die aus riesigen Flotten an realen Fahrdaten lernen. Das Ziel: möglichst menschliches, vorausschauendes Fahrverhalten – und das nicht nur auf der Autobahn, sondern vor allem im komplexen Stadtverkehr.

Und genau dort muss sich das System beweisen. Rund anderthalb Stunden lang bewegen wir uns im ID. Era 9X durch den nächtlichen Verkehr von Beijing – ein Mix aus dichtem Stadtverkehr, unübersichtlichen Kreuzungen und schneller Autobahn. Das Ergebnis: kein einziger erforderlicher Eingriff, kein Zögern, kein nennenswerter kritischer Moment. Lediglich auf Privatstraßen schaltet sich das System vorschriftsmäßig ab.

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Ansonsten gilt jedoch: Spurwechsel, Einfädeln, Reaktionen auf plötzlich abbremsende Fahrzeuge oder scharf schneidende Scooterfahrer – alles wirkt erstaunlich souverän und vor allem natürlich. Kein „Roboter fährt Auto“-Gefühl, sondern eher wie ein sehr entspannter, sehr aufmerksamer Fahrer.

Wer nun allerdings möchte, dass sein ID. Era 9X etwas mehr in Richtung Mad Max tendiert, kann das ebenfalls einstellen – schwups nimmt der Wagen Überholmanöver oder Beschleunigungsvorgänge deutlich zackiger und selbstbewusster vor. Hier merkt man deutlich, dass das System anhand echter chinesischer Fahrer trainiert wurde, dennoch bleibt das zugrundeliegende Sicherheitsgefühl stets vorhanden. Besonders beachtlich finde ich, wie sich der Wagen bei Rechtsabbiegevorgängen konsequent, aber nicht irrsinnig durch die Flut an wild herumwuselnden Scootern und Microcars an der rechten Spurseite schiebt.

Warum Europa außen vor bleibt

Ein System, das sich im unübersichtlichen Straßenverkehr von Beijing derartig gut schlägt, kann mit genügend Training überall auf der Welt eingesetzt werden. Und so ergibt sich die wohl offensichtlichste Frage: Warum erleben wir solche Systeme aktuell nur in China und nicht hierzulande im deutschen Heimatmarkt? Volkswagen zeigt mit dem ID. Era 9X eindrucksvoll, was technisch möglich ist, wenn man lokale Partnerschaften wie mit SAIC oder Technologieunternehmen wie XPeng und Momenta sinnvoll nutzt. Gleichzeitig fahren Modelle wie der ID.4 in Europa weiterhin mit vergleichsweise konservativen Assistenzsystemen herum. Die Gründe hierfür sind vielschichtig.

Regulatorisch ist Europa deutlich restriktiver, gerade bei hochautomatisierten Fahrfunktionen im Stadtverkehr. Zugegebenermaßen spielt auch die Softwarestrategie eine Rolle: Während China als schnelllebiger Innovationsmarkt fungiert, in dem neue Funktionen früh ausgerollt und iterativ verbessert werden, setzt Volkswagen in Europa stärker auf abgesicherte, global skalierbare Lösungen. Hinzu kommt die Frage der Daten – ein entscheidender Faktor für KI-basierte Systeme wie das von Momenta, das vorrangig anhand von chinesischen Verkehrssituationen trainiert wurde.

Am Ende meiner Testfahrt bleibt daher ein recht paradoxes Bild, denn Volkswagen kann offenbar viel mehr, als wir im Alltag sehen – nur eben nicht überall gleichzeitig. Der ID. Era 9X zeigt, dass die Zukunft des automatisierten Fahrens bei VW längst begonnen hat, aktuell eben mit einem klaren geografischen Schwerpunkt. Doch genau das wirft die Frage auf, wie lange sich diese technologische Zweiklassengesellschaft noch aufrechterhalten lässt, denn eins ist sicher: Der deutsche Volkswagenfahrer würde sich nach einer Runde im ID.Era 9X, wie ich sie absolvieren durfte, vermutlich ziemlich veräppelt fühlen.

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Vanessa Lisa Oelmann

Vanessa Lisa Oelmann

Vanessa Lisa Oelmann ist 27 Jahre alt und seit 2019 vollelektrisch mit ihrem BMW i3 unterwegs. Nach ihrem abgeschlossenen International Business Studium ist sie nun als freiberufliche Automobiljournalistin tätig und engagiert sich nebenher im sozialen Bereich. Zudem hat sie ein großes Faible für Luxusgüter und Fotografie. Wenn sie nicht gerade versucht, ihre Freunde und Familie zum Elektromobilistendasein zu konvertieren, ist sie meist in diversen Autohäusern oder auf Meet-Ups mit anderen (elektro)autobegeisterten Leuten anzutreffen.

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