Volvo-Chef Håkan Samuelsson bekennt sich im Interview mit der WirtschaftsWoche weiterhin klar zur Elektromobilität und bezeichnet die Mobilitätswende als „nicht komplex“. Gegenüber großen Volumenherstellern sieht er Volvo bei der Umstellung auf Elektroantriebe klar im Vorteil. Auch für die deutsche Automobilindustrie hat Samuelsson einen Rat: Sie „muss sich bewegen, denn das Umfeld bewegt sich“.
Im Interview blickt der Manager, der in den 2000er Jahren Vorstandsvorsitzender bei MAN war, auf die Entwicklung der deutschen Automobilbranche. Mit starken Unternehmen und „sehr guten Ingenieuren“ sieht er diese gut aufgestellt, aber sie müsse sich an die veränderten Gegebenheiten anpassen. Die Zukunft der deutschen Automobilwirtschaft sieht er dennoch optimistisch, denn deutsche Unternehmen agieren seiner Ansicht nach zwar langsamer, aber dafür konsequenter.
EX60 hat in vielen Punkten die Nase vorn
Zu den Veränderungen gehören laut Samuelsson nicht nur Elektrifizierung und Klimaschutz, sondern auch eine „nie dagewesene, extreme Wettbewerbsintensität durch China als neuen Player“. Zudem könne man nicht mehr von der Globalisierung in ihrer bisherigen Form sprechen, denn die Welt zerbreche vielmehr ökonomisch in mehr oder weniger getrennte Regionen.
Mit seinem neuesten Elektro-SUV EX60, der im Januar dieses Jahres seine Weltpremiere feierte, sieht Samuelsson seine Marke gegenüber den deutschen Kontrahenten in vielen Punkten überlegen. Dazu gehören etwa die Reichweite, der Verbrauch, die Ladegeschwindigkeit und nicht zuletzt der Preis.
Jedoch hätten BMW und Mercedes im gleichen Segment ebenfalls starke Modelle im Programm, was der Volvo-Chef als Treiber für die Elektromobilitätswende sieht. „Denn wenn es viele starke E-Modelle gibt, zeigt das den Kunden, die noch Verbrenner fahren, dass sie über einen Umstieg nachdenken sollten. Das hilft am Ende allen“, erklärte er.
Vorteile durch chinesische Technik
Gegenüber großen Herstellern mit einer viel umfangreicheren Produktpalette hat Volvo aus Sicht von Samuelsson den Vorteil, kleiner und schneller zu sein. Zudem könne man die SPA3-Plattform, auf der der EX60 basiert, für alle Autos verwenden. „Wir machen das mit einer Architektur und einer Software. Da haben wir gute Skaleneffekte, obwohl wir kleiner sind“, merkte er an.
Nicht zuletzt profitiere die schwedisch-chinesische Marke von der Technik aus China durch den Mutterkonzern Geely. Durch den Zugriff auf diese Technik könne Volvo günstiger und schneller entwickeln. Gleichzeitig könne man im Konzern viele Teile gemeinsam einkaufen, weshalb die Autos am Ende zu deutlich besseren Preisen angeboten werden können.
Gute Aussichten für chinesische Hersteller
Auf die Frage, wie groß er den Marktanteil chinesischer Hersteller in Europa in etwa zehn Jahren einschätzt, entgegnet Samuelsson: „Es würde mich nicht wundern, wenn die drei, vier oder fünf stärksten chinesischen Marken dann zusammen auf etwa 30 Prozent kommen.“ Mit dem Wandel hin zu Elektroautos könnten auf dem Automarkt die Karten neu gemischt werden. Es sei deutlich einfacher, eine neue Marke mit einer völlig neuen Technik zu etablieren.
Als Beispiel nennt Samuelsson Polestar, das Joint-Venture von Volvo und Geely. Nur acht Jahre nach der Gründung habe die Marke eine starke Position im Elektroautomarkt erreicht. Dem gegenüber könnte es für etablierte Marken schwieriger werden, bisherige Kunden von der neuen Technik zu überzeugen. „Käufer, die heulende Motoren und qualmende Reifen erwarten, tun sich schwer mit E-Autos“, so der CEO.
Volvo behält elektrischen Fokus
Auch Volvo musste feststellen, dass die Kunden sich „langsamer als gedacht vom Verbrenner lösen“. In den USA etwa bringt Volvo ein neues Modell speziell für den amerikanischen Markt heraus, bei dem es sich um einen Verbrenner handeln wird.
Langfristig hält das Unternehmen jedoch an seinem elektrischen Fokus fest, wenn auch mit einer gewissen Flexibilität. „Wir werden 2030 ein so starkes E-Auto-Portfolio in Europa haben, dass niemand mehr einen Verbrenner kaufen muss“, sagte Samuelsson. Zugleich könne man Verbrenner weiterhin anbieten, wenn die Kunden diese weiterhin kaufen wollen.
Kritik an der Europäischen Kommission
In der Debatte um das Aus vom Verbrenner-Aus hat Samuelsson sich schon wiederholt klar gegen ein Aufweichen der CO₂-Regelungen nach 2035 ausgesprochen. Im Interview hebt er erneut hervor, dass der Weg hin zur Elektromobilität unvermeidlich ist. „Den Prozess künstlich aufzuhalten, bringt nur Konfusion und Verluste. Deshalb habe ich die Autokonzerne nicht verstanden, die in Brüssel für ein längeres Leben des Verbrenners geworben haben“, erklärte er.
Über die Europäische Kommission zeigt sich der Volvo-Chef verärgert, zumal Volvo hohe Investitionen getätigt hat, um möglichst schnell auf Elektromobilität umzustellen. „Die EU hat gezeigt, dass man sich auf Zusagen leider nicht verlassen kann. Ich werde in Zukunft skeptischer sein, wenn Brüssel etwas verspricht“, so Samuelsson. Gleichzeitig merkte er an, dass die geplanten Ausnahmen für Verbrenner nicht viel ändern werden. „Der Elektroantrieb wird sich auf jeden Fall durchsetzen“, merkte der schwedische Manager an.
Quelle: WirtschaftsWoche – Håkan Samuelsson: „Käufer, die heulende Motoren und qualmende Reifen erwarten, tun sich schwer mit E-Autos“







Wird geladen...