Automobilindustrie vor Tabubruch: Müssen deutsche Werke bald China-Autos bauen?

Automobilindustrie vor Tabubruch: Müssen deutsche Werke bald China-Autos bauen?
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Daniel Krenzer
Daniel Krenzer
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Die deutsche Automobilindustrie steht vor einer unbequemen Wahrheit: Nicht jede Fabrik und nicht jeder Arbeitsplatz wird sich mit den bisherigen Rezepten retten lassen. Hildegard Müller als Präsidentin des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA) warnt inzwischen offen, dass die Werke bei Herstellern und Zulieferern „so nicht alle“ zu halten seien. Deutschland und Europa hätten zu lange über schlechte Standortbedingungen gesprochen, ohne ausreichend gegenzusteuern. Gemeint sind vor allem hohe Energiepreise, Steuern und Abgaben, Bürokratie sowie starre Arbeitsmarktregeln.

Das ist zunächst Verbandsrhetorik. Interessanter ist der zweite Teil der Botschaft: Müller fordert, deutsche und europäische Standorte auch für ausländische Hersteller zu öffnen. Übersetzt heißt das: Wenn die heimischen Hersteller ihre Werke nicht mehr allein auslasten können, muss womöglich zusätzliche Produktion von außen in die Hallen kommen. Auch dann, wenn sie von Wettbewerbern stammt.

Damit rückt laut Automobilwoche eine Frage in den Mittelpunkt, die in Deutschland bislang eher als Tabu galt: Können viele Industriearbeitsplätze nur gerettet werden, wenn bestehende Produktionskapazitäten mit anderen Herstellern geteilt werden – auch aus China? Denn genau dort sitzen derzeit zahlreiche Unternehmen, die bei Elektroautos, Batterien, Software und Kostenstrukturen erheblichen Druck auf die europäische Konkurrenz ausüben.

VW will wohl China-Modelle herholen

Der Fall Volkswagen zeigt, wie konkret diese Debatte bereits ist. Der Konzern steht wegen hoher Kosten, Unterauslastung, US-Zöllen und chinesischer Konkurrenz massiv unter Druck. In übereinstimmenden Medienberichten hieß es zuletzt, dass bei VW unter anderem die Werke in Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm zur Disposition stehen könnten. Die Auslastung deutscher VW-Werke soll demnach von 81 Prozent im Jahr 2026 auf 73 Prozent zum Ende des Jahrzehnts sinken, in Zwickau könnte sie sogar von 88 auf 42 Prozent fallen.

Als mögliche Antwort wird bei VW bereits geprüft, in China entwickelte Modelle nach Europa zu holen oder sogar hier zu bauen. Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Olaf Lies hatte diesen Weg ausdrücklich ins Spiel gebracht: Wenn Fahrzeuge, die bislang in China gebaut werden, auch hier produziert würden, könne dies die Auslastung der Werke stabilisieren. Es gehe nicht darum, Produktion aus Deutschland zu verlagern, sondern zusätzliche Produkte und zusätzliche Auslastung an europäische Standorte zu holen.

Der Gedanke lässt sich weiterdrehen: Nicht nur eigene China-Modelle deutscher Konzerne könnten in Europa gebaut werden. Auch Kooperationen mit chinesischen Herstellern selbst werden wahrscheinlicher. Reuters berichtete bereits, dass BYD Gespräche mit Stellantis und anderen europäischen Herstellern über unterausgelastete Werke bestätigt habe. Xpeng lässt Modelle für Europa bei Magna in Graz bauen, Leapmotor und Stellantis wollen gemeinsam Autos in Europa produzieren.

VDA erwartet „erhebliche Veränderungen“

Für die deutsche Automobilindustrie wäre das ein Rollenwechsel. Jahrelang ging es darum, chinesische Konkurrenz abzuwehren. Künftig könnte es in manchen Fällen darum gehen, chinesische Nachfrage nach europäischer Produktion für den Erhalt heimischer Arbeitsplätze zu nutzen. Das wäre industriepolitisch heikel, aber womöglich realistischer als die Hoffnung, alle Werke allein mit den bisherigen Modellpaletten auszulasten.

Es geht also inzwischen nicht mehr nur darum, Deutschland als Automobilstandort günstiger zu machen. Es stellt sich zunehmend die Frage, wie offen Hersteller, Politik und Gewerkschaften für neue Produktionsmodelle sind. Wer Werke retten will, muss möglicherweise akzeptieren, dass dort künftig nicht nur deutsche Autos deutscher Marken entstehen. Der VDA schreibt: „Deutschland und Europa sind in einer Lage, in der es mutige Entscheidungen braucht. Das wird auch mit erheblichen Veränderungen für die Menschen verbunden sein, mit dem Ende von Gewohnheiten und Ansprüchen, die sich unser Land bedauerlicherweise so auch in Teilen aktuell nicht mehr leisten kann.“

Quelle: Automobilwoche – „Werke bei Herstellern und Zulieferern werden wir so nicht alle halten können“ – VDA – Pressemitteilung vom 8. Juli 2026

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Daniel Krenzer

Daniel Krenzer

Daniel Krenzer ist als studierter Verkehrsgeograf und gelernter Redakteur seit mehr als zehn Jahren auch als journalistischer Autotester mit Fokus auf alternative Antriebe aktiv und hat sich zudem 2022 zum IHK-zertifizierten Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe ausbilden lassen.

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