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Auf der Tire Cologne 2026 in Köln stand für Hankook nicht das aktuelle Produktportfolio im Vordergrund – das Unternehmen präsentierte auch einen neuen Winterreifen –, sondern ein Blick auf das, was der Reifen in einigen Jahrzehnten sein könnte: luftlos, farbig, biologisch abbaubar und vollständig im 3D-Druckverfahren gefertigt.
Die Tire Cologne ist die führende Fachmesse der Reifenbranche, und sie ist genau das richtige Forum für solche Botschaften. Wer hier ausstellt, spricht mit Menschen, die technische Implikationen einordnen können. Hankook nutzte den Rahmen, um zu zeigen, dass das Unternehmen den Reifen nicht als fertiges Produkt betrachtet, sondern als offene Frage.
Sung Hee Youn, Team Manager im Design Innovation Studio von Hankook Tire Technology, erläuterte im Gespräch, welche Überzeugungen hinter diesen Konzepten stecken – und wo die Grenze zwischen Vision und handfester Entwicklungsarbeit verläuft.
Wenn der Reifen zur Felge wird
Der Konzeptreifen, den Hankook auf der Messe zeigte, bricht mit einer der grundlegendsten Konventionen der Reifenkonstruktion: Er hat keine separate Felge. Das Zentrum des Reifens selbst übernimmt diese Funktion, gefertigt aus steifen Materialien für die Kraftübertragung, die zur Lauffläche hin fließend in weichere, polymerbasierte Werkstoffe übergehen. Dieser graduelle Materialübergang ist keine gestalterische Entscheidung, sondern eine ingenieurtechnische.
Youn beschreibt ihn als Kern des Konzepts: „Das Zentrum muss steif sein, um Kräfte effizient zu übertragen. Die Lauffläche hingegen muss flexibel und gripstark sein. Wenn beide Zonen nahtlos ineinander übergehen, entstehen gleichmäßigere Spannungsverteilungen und potenziell bessere Fahreigenschaften.“

Hergestellt wird der Reifen schichtweise im sogenannten Layer-by-Layer-Verfahren, aktuell mit Kunstharz. Dieselbe Geometrie ließe sich laut Youn aber auch in Nylon oder hochelastischen Metalllegierungen umsetzen, die noch dünnere und komplexere Strukturen ermöglichen würden. Die Modellierung erfolgt mit der Software NTop, die auf topologieoptimierte Geometrien ausgelegt ist. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt nicht nur in der Formfreiheit, sondern auch in der Materialeffizienz: Es wird nur so viel eingesetzt, wie tatsächlich benötigt wird, Werkzeugabfall entfällt.
Das Ergebnis ist ein luftloser Reifen ohne klassische Felge, der gleichzeitig farbig oder transparent sein kann. Möglich wird das durch den Verzicht auf Ruß. Carbon Black, das konventionellen Reifen ihre schwarze Farbe gibt, ist bislang für die mechanischen Eigenschaften unverzichtbar – und zugleich einer der größten CO2-Treiber in der Reifenproduktion. Für jede Tonne produzierten Rußes entstehen rund 2,5 Tonnen CO2, hergestellt wird er überwiegend durch die unvollständige Verbrennung fossiler Rohstoffe.

Die Reifenbranche arbeitet seit Jahren daran, ihn durch recycelten Ruß aus Altreifen-Pyrolyse zu ersetzen, doch biobasierte Alternativen, die dieselben mechanischen Anforderungen erfüllen, bleiben eine der zentralen materialwissenschaftlichen Herausforderungen auf dem Weg zur Klimaneutralität. Werden synthetische Rohstoffe durch biobasierte Polymere ersetzt, entfällt diese Einschränkung. Youn beschreibt das nicht als Designspielerei, sondern als direkte Konsequenz eines materialwissenschaftlichen Ansatzes: „Durch den Verzicht auf Ruß eröffnen sich neue Designmöglichkeiten – farbige oder sogar transparente Reifen sind denkbar.“
Nachhaltigkeit als Konstruktionsprinzip
Hinter dem Konzeptreifen steht eine klare Materialphilosophie: ausschließlich Werkstoffe einzusetzen, die vollständig in den natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden können. Das bedeutet bioabbaubare Polymere sowie selbstheilende Materialien, die Mikroschäden eigenständig regenerieren und so die Lebensdauer verlängern. Für autonome Fahrzeuge, bei denen kein Fahrer mehr den Reifenzustand kontrolliert, ist dieser Aspekt besonders relevant.
Youn räumt ein, dass ein vollständig biologisch abbaubarer Reifen noch kein Produkt von heute ist: „Wir sind noch nicht dort, aber auf dem besten Weg.“ Als Beleg verweist sie auf das, was bereits in der Serienproduktion existiert: Der IonGT, Hankooks Hochleistungsreifen für Elektro- und Plug-in-Hybridfahrzeuge, besteht bereits zu 77 Prozent aus nachhaltigen Materialien, 50 Prozent davon sind ISCC-PLUS-zertifiziert. Das Konzept geht nun den nächsten gedanklichen Schritt. Bis 2050 hat Hankook das Ziel formuliert, 100 Prozent nachhaltige Materialien in allen Reifen einzusetzen.
Nachhaltigkeit endet bei Hankook jedoch nicht beim Material. Auch der Fertigungsprozess zählt. Kooperationspartner bei der Entwicklung der 3D-Drucktechnologie sind unter anderem LG Electronics und Harvestance. Hankooks Tochterunternehmen Hankook Precision Works ist in diesem Bereich bereits aktiv: Es ist nach eigenen Angaben der erste Hersteller in Korea, der 3D-Metalldrucktechnologie für die Produktion von Reifenheizformen einsetzt. Das ist kein Randthema, sondern ein frühes Signal dafür, wie weit die additive Fertigung bereits in den Produktionsalltag vorgedrungen ist.
Zwischen Vision und Serienreife
Die naheliegende Frage ist, wann aus dem Konzept ein Produkt wird. Youngs Antwort ist präzise: „Eine Serienproduktion macht erst dann Sinn, wenn die entsprechenden Fahrzeuge auf dem Markt sind und eine echte Nachfrage besteht.“ Für einige der zugrundeliegenden Technologien wäre das heute bereits möglich – was fehlt, ist der passende Markt. In Asien, wo autonome Taxis und Robotiksysteme im Alltag bereits stärker verankert sind als in Europa, sieht Youn die größte Marktreife in absehbarer Zeit.

Luftlose Reifen sind bei Hankook keine neue Idee. Mit dem iFlex-Konzeptreifen hat das Unternehmen bereits gezeigt, dass völlig anders konstruierte Reifen unter realen Bedingungen funktionieren können. Bei Tests wurde der iFlex mit bis zu 130 Stundenkilometern gefahren. Seit dem Start 2010 wurden mehrere Versionen weiterentwickelt, zuletzt 2022 und 2023 für den Einsatz auf Pkw, Militärfahrzeugen und Minibussen. Der neue Konzeptreifen baut auf diesem Fundament auf, integriert jedoch zusätzlich additive Fertigung und eine neue Materialphilosophie. Jede Konzeptgeneration lehrt das Unternehmen nach eigenen Angaben etwas Neues, das direkt in die Serienentwicklung einfließt.

Die größten Herausforderungen liegen nach Einschätzung von Youn im Bereich der Materialien: „Die mechanischen Anforderungen an Reifen – Haftung, Belastbarkeit, Temperaturresistenz, Langlebigkeit – sind extrem hoch. Alternative Materialien müssen diese Eigenschaften erfüllen und gleichzeitig nachhaltig sein.“ Hinzu kommen regulatorische Anforderungen und die Notwendigkeit, Produktionsprozesse im industriellen Maßstab zu skalieren. Diese Kombination aus Materialwissenschaft, Regulierung und Skalierung ist es, die den Zeithorizont bestimmt – nicht das Konzept selbst.
Hankooks Konzeptreifen als strategisches Signal
Youn beschreibt die Konzeptreifen weder als reine Imagemaßnahme noch als akademische Fingerübung. Sie zieht eine klare Linie: „Auffällige Konzeptreifen schaffen Aufmerksamkeit und tragen dazu bei, das Bewusstsein für dieses essenzielle, sicherheitsrelevante Bauteil zu schärfen.“ Gleichzeitig ist Hankook als Erstausrüstungspartner für Audi, BMW, Mercedes-Benz und Porsche bereits heute in die Entwicklung von Fahrzeugen eingebunden, die erst in einigen Jahren auf den Markt kommen. Die Konzeptreifen seien der logische nächste Schritt: Sie dächten über den aktuellen Produktionshorizont hinaus und bereiteten das Unternehmen technologisch und materialwissenschaftlich auf das vor, was kommt.
Was Hankook in Köln zeigte, war kein Ausstellungsstück, sondern ein Argument – über die Richtung, in die sich eine Branche bewegt, und über den Anspruch, diese Bewegung mitzugestalten.
Quellen: Hankook – Q&A – Konzeptreifen, 3D-Druck, luftlose Reifen & Zukunft der Mobilität / Hankook Media Center – Hankook iON GT: neuer Sommerreifen speziell für kompakte E-Fahrzeuge / Hankook Tire – Kohlenstoffneutralität erreichen: Hankook entwickelt nachhaltige Reifen / RECYCLING magazin – Schwarzes Gold aus alten Reifen: Carbon Black und CO2-Bilanz / NEUMAN & ESSER – Recovered Carbon Black: Nachhaltigkeit für grünere Reifen









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