Der Druck auf die Automobilzulieferer-Industrie zeigt sich längst nicht mehr nur in Gewinnwarnungen, Sparprogrammen, Standortdebatten und Stellenabbau. Nach Zahlen der AOK Rheinland/Hamburg erreicht auch der Krankenstand in der Branche einen neuen Höchstwert. Im Jahr 2025 lag er bei 8,94 Prozent. Das bedeutet: An jedem Tag fielen im Schnitt knapp 9 von 100 Beschäftigten aus.
Damit entwickelt sich die Zulieferindustrie gegen den allgemeinen Trend. Branchenübergreifend sei der Krankenstand der bei der AOK Rheinland/Hamburg Versicherten 2025 erstmals seit mehreren Jahren wieder gesunken und habe bei 7,01 Prozent gelegen. In der Branche der Zulieferer für die Automobilindustrie hingegen steigt der Wert seit Jahren: 2024 waren es 8,61 Prozent, 2023 noch 8,36 Prozent, 2016 erst 6,82 Prozent. Ausgewertet wurden Daten von rund 10.000 AOK-Versicherten aus der Branche.
Die AOK verweist in einer entsprechenden Pressemitteilung ausdrücklich auf den strukturellen Wandel der Automobilindustrie. Absatzprobleme, Diskussionen um Benzinpreise, Restrukturierungen und der Wechsel hin zu mehr Elektromobilität setzten die Branche unter Druck. Gerade für Zulieferer ist dieser Wandel oft härter als für die großen Automobilhersteller selbst: Wer lange stark an Verbrenner-Komponenten hing, muss in kurzer Zeit neue Geschäftsfelder aufbauen, Investitionen stemmen und zugleich mit Kostendruck, Standortkonkurrenz und unsicheren Abrufen umgehen.
Psyche spielt zunehmend große Rolle
Auffällig ist vor allem die Entwicklung bei psychisch bedingten Fehlzeiten. Im Durchschnitt entfielen laut AOK inzwischen rund 6,6 Kalendertage pro Beschäftigtem in der Zulieferbranche auf psychische Erkrankungen. 2017 seien es mit etwa 3,2 Tagen noch ungefähr halb so viele gewesen. Merit Kirch, Geschäftsführerin des BGF-Instituts der AOK Rheinland/Hamburg, ordnet dies mit Blick auf Transformation, Restrukturierungen sowie Wettbewerbs- und Kostendruck ein. Standortschließungen oder Personalabbau könnten Zukunftsängste verstärken und psychische Belastungen weiter erhöhen.
Die Antriebswende ist nicht der alleinige Grund für die Krise vieler Zulieferer. Sie legt aber offen, welche Unternehmen in den vergangenen Jahren zu wenig auf Batterie, Leistungselektronik, Software, Thermomanagement oder neue Fahrzeugarchitekturen umgestellt haben. Wer auf das Weiterlaufen des alten Verbrennergeschäfts gesetzt hat, bekommt den Strukturbruch nun umso heftiger zu spüren. Die Beschäftigten zahlen diesen Wandel häufig mit Unsicherheit, Arbeitsverdichtung und Angst um ihren Standort.
Die Zahlen kommen während einer politische Debatte, die gerade an Schärfe gewinnt. Die Bundesregierung plant, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und künftig grundsätzlich eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag vorzusehen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) begründet dies mit hohen Krankenständen und einem Wettbewerbsnachteil für Unternehmen. Zugleich sollen Betriebe über einzelvertragliche Regelungen, Betriebsvereinbarungen oder Tarifverträge abweichen können.
Soziale Themen dürfen nicht übersehen werden
Gerade die AOK-Zahlen aus der Zulieferindustrie legen nahe, dass reine Kontrolllogik zu kurz greift. Wenn psychisch bedingte Fehlzeiten binnen weniger Jahre so stark zunehmen, geht es nicht nur um Atteste, sondern um die Bedingungen in einer Branche im Umbau. Der Wandel zur Elektromobilität braucht neue Produkte, neue Qualifikationen und neue Wertschöpfungsketten. Er braucht aber auch Unternehmen, die diesen Wandel nicht allein über Kostensenkungen, Personalabbau und Druck organisieren.
Denn krankgeschriebene Beschäftigte sind am Ende nicht nur ein Kostenfaktor in einer Statistik. Sie sind auch ein Warnsignal dafür, dass Transformation nicht nur technisch und betriebswirtschaftlich geplant werden kann. Wer die Zulieferindustrie zukunftsfähig machen will, muss deshalb nicht nur über Batterien, Halbleiter, Software und Ladeinfrastruktur sprechen, sondern auch über soziale Nachhaltigkeitskriterien wie Arbeitsbedingungen, Führung, Qualifizierung und glaubwürdige Perspektiven für die Menschen in den Werken.
Quelle: AOK Rheinland/Hamburg – Pressemitteilung vom 7. Juli 2026









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