Krankenstand bei Automobilzulieferern auf Rekordniveau

Krankenstand bei Automobilzulieferern auf Rekordniveau
Copyright:

Shutterstock / 1441729118 (Symbolbild)

Daniel Krenzer
Daniel Krenzer
  —  Lesedauer 3 min

Der Druck auf die Automobilzulieferer-Industrie zeigt sich längst nicht mehr nur in Gewinnwarnungen, Sparprogrammen, Standortdebatten und Stellenabbau. Nach Zahlen der AOK Rheinland/Hamburg erreicht auch der Krankenstand in der Branche einen neuen Höchstwert. Im Jahr 2025 lag er bei 8,94 Prozent. Das bedeutet: An jedem Tag fielen im Schnitt knapp 9 von 100 Beschäftigten aus.

Damit entwickelt sich die Zulieferindustrie gegen den allgemeinen Trend. Branchenübergreifend sei der Krankenstand der bei der AOK Rheinland/Hamburg Versicherten 2025 erstmals seit mehreren Jahren wieder gesunken und habe bei 7,01 Prozent gelegen. In der Branche der Zulieferer für die Automobilindustrie hingegen steigt der Wert seit Jahren: 2024 waren es 8,61 Prozent, 2023 noch 8,36 Prozent, 2016 erst 6,82 Prozent. Ausgewertet wurden Daten von rund 10.000 AOK-Versicherten aus der Branche.

Die AOK verweist in einer entsprechenden Pressemitteilung ausdrücklich auf den strukturellen Wandel der Automobilindustrie. Absatzprobleme, Diskussionen um Benzinpreise, Restrukturierungen und der Wechsel hin zu mehr Elektromobilität setzten die Branche unter Druck. Gerade für Zulieferer ist dieser Wandel oft härter als für die großen Automobilhersteller selbst: Wer lange stark an Verbrenner-Komponenten hing, muss in kurzer Zeit neue Geschäftsfelder aufbauen, Investitionen stemmen und zugleich mit Kostendruck, Standortkonkurrenz und unsicheren Abrufen umgehen.

Psyche spielt zunehmend große Rolle

Auffällig ist vor allem die Entwicklung bei psychisch bedingten Fehlzeiten. Im Durchschnitt entfielen laut AOK inzwischen rund 6,6 Kalendertage pro Beschäftigtem in der Zulieferbranche auf psychische Erkrankungen. 2017 seien es mit etwa 3,2 Tagen noch ungefähr halb so viele gewesen. Merit Kirch, Geschäftsführerin des BGF-Instituts der AOK Rheinland/Hamburg, ordnet dies mit Blick auf Transformation, Restrukturierungen sowie Wettbewerbs- und Kostendruck ein. Standortschließungen oder Personalabbau könnten Zukunftsängste verstärken und psychische Belastungen weiter erhöhen.

Die Antriebswende ist nicht der alleinige Grund für die Krise vieler Zulieferer. Sie legt aber offen, welche Unternehmen in den vergangenen Jahren zu wenig auf Batterie, Leistungselektronik, Software, Thermomanagement oder neue Fahrzeugarchitekturen umgestellt haben. Wer auf das Weiterlaufen des alten Verbrennergeschäfts gesetzt hat, bekommt den Strukturbruch nun umso heftiger zu spüren. Die Beschäftigten zahlen diesen Wandel häufig mit Unsicherheit, Arbeitsverdichtung und Angst um ihren Standort.

Die Zahlen kommen während einer politische Debatte, die gerade an Schärfe gewinnt. Die Bundesregierung plant, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen und künftig grundsätzlich eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag vorzusehen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) begründet dies mit hohen Krankenständen und einem Wettbewerbsnachteil für Unternehmen. Zugleich sollen Betriebe über einzelvertragliche Regelungen, Betriebsvereinbarungen oder Tarifverträge abweichen können.

Soziale Themen dürfen nicht übersehen werden

Gerade die AOK-Zahlen aus der Zulieferindustrie legen nahe, dass reine Kontrolllogik zu kurz greift. Wenn psychisch bedingte Fehlzeiten binnen weniger Jahre so stark zunehmen, geht es nicht nur um Atteste, sondern um die Bedingungen in einer Branche im Umbau. Der Wandel zur Elektromobilität braucht neue Produkte, neue Qualifikationen und neue Wertschöpfungsketten. Er braucht aber auch Unternehmen, die diesen Wandel nicht allein über Kostensenkungen, Personalabbau und Druck organisieren.

Denn krankgeschriebene Beschäftigte sind am Ende nicht nur ein Kostenfaktor in einer Statistik. Sie sind auch ein Warnsignal dafür, dass Transformation nicht nur technisch und betriebswirtschaftlich geplant werden kann. Wer die Zulieferindustrie zukunftsfähig machen will, muss deshalb nicht nur über Batterien, Halbleiter, Software und Ladeinfrastruktur sprechen, sondern auch über soziale Nachhaltigkeitskriterien wie Arbeitsbedingungen, Führung, Qualifizierung und glaubwürdige Perspektiven für die Menschen in den Werken.

Quelle: AOK Rheinland/Hamburg – Pressemitteilung vom 7. Juli 2026

Worthy not set for this post

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Daniel Krenzer

Daniel Krenzer

Daniel Krenzer ist als studierter Verkehrsgeograf und gelernter Redakteur seit mehr als zehn Jahren auch als journalistischer Autotester mit Fokus auf alternative Antriebe aktiv und hat sich zudem 2022 zum IHK-zertifizierten Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe ausbilden lassen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Automobilindustrie

LFP-Akkus: China hält mehr als die Hälfte der Patente

LFP-Akkus: China hält mehr als die Hälfte der Patente

Sebastian Henßler  —  

Mehr als die Hälfte aller LFP-Patente stammt aus China. Europa kommt 2024 auf knapp sieben Prozent, obwohl die Grundlagen in den USA und Kanada entstanden.

Neue OECD-Studie: Autojobs verlagern sich nach Mittel- und Osteuropa

Neue OECD-Studie: Autojobs verlagern sich nach Mittel- und Osteuropa

Arun Niemann  —  

Eine neue OECD-Studie zeigt, wie Elektrifizierung, Digitalisierung und die Konkurrenz aus China Europas Autojobs verändern.

Wo Europas Autoindustrie 3 Milliarden Euro liegen lässt

Wo Europas Autoindustrie 3 Milliarden Euro liegen lässt

Michael Neißendorfer  —  

Die Krise von Europas Automobilindustrie ist nicht nur eine Folge schwacher Nachfrage, chinesischer Konkurrenz oder des Übergangs zur Elektromobilität.

Berger-Studie rät Autoherstellern zu „radikalen Veränderungen“

Berger-Studie rät Autoherstellern zu „radikalen Veränderungen“

Michael Neißendorfer  —  

Eine Roland-Berger-Studie erwartet einen Rückgang von rund 692.000 auf weniger als 500.000 Beschäftigte in der deutschen Automobilindustrie.

E-Auto-Förderung bald nur noch mit europäischer Batterie?

E-Auto-Förderung bald nur noch mit europäischer Batterie?

Sebastian Henßler  —  

Autobauer wollen mehr Zeit für die Made-in-Europe-Regeln. Die Batteriebranche hält sie dagegen für nötig, um Jobs zu sichern und die Abhängigkeit zu senken.

Deutschlands Batteriepipeline für 2035 hat sich halbiert

Deutschlands Batteriepipeline für 2035 hat sich halbiert

Sebastian Henßler  —  

Ein Viertel der seit 2022 angekündigten Zellkapazität ist gestrichen, Deutschlands Pipeline hat sich halbiert. Trotzdem hält T&E die IAA-Vorgaben für erreichbar.

US-Zölle: Eine Million Jobs hängen am Export in die USA

US-Zölle: Eine Million Jobs hängen am Export in die USA

Sebastian Henßler  —  

Knapp eine Million Arbeitsplätze in Deutschland hängen am Export in die USA. Die Zölle treffen Autobauer, Zulieferer und Mittelstand gleichermaßen hart.