Smart Meter Light: Verbände laufen gegen Reform Sturm

Smart Meter Light: Verbände laufen gegen Reform Sturm
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Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 6 min

Kaum hat die Bundesregierung den günstigen Smart Meter Light angekündigt, laufen die Verbände VDE und ZVEI dagegen Sturm. Offiziell geht es um Sicherheitsstandards und Netzstabilität. Ein Blick auf die Marktstruktur zeigt jedoch, dass hinter der fachlichen Debatte auch handfeste wirtschaftliche Interessen einer kleinen Herstellergruppe stehen könnten.

Der Koalitionsausschuss aus CDU, CSU und SPD hatte Anfang Juli im Reformpapier „Ein Programm für Aufschwung und Beschäftigung“ angekündigt, Haushalte außerhalb der Pflicht-Rollout-Fälle künftig mit einem kostengünstigen Smart Meter Light auszustatten. Zielgruppe sind Verbraucher:innen unter 6000 Kilowattstunden Jahresverbrauch ohne steuerbare Verbrauchseinrichtung nach Paragraf 14a und ohne große Photovoltaikanlage. Die konkrete Ausgestaltung soll im vierten Quartal 2026 über eine Novelle des Messstellenbetriebsgesetzes geregelt werden. Gleichzeitig verschärfte die Koalition die Rollout-Ziele: Bis Ende 2030 sollen über 90 Prozent der relevanten Messstellen mit intelligenten Systemen ausgestattet sein.

Smart Meter Light: Ein Kompromiss, der die Branche spaltet

VDE FNN und DKE reagierten Mitte Juli mit einem gemeinsamen Positionspapier gegen das Light-Konzept. Ihre Argumentation: Eine parallele Lösung erfordere eigene Standardisierungsarbeit und binde dieselben Fachkräfte, die aktuell den regulären Rollout vorantreiben. Zudem gefährde eine Leichtversion ohne Rückkanal die Integrität der Netzdaten, die für aktives Engpassmanagement benötigt werden.

Wer später eine Photovoltaikanlage, eine Wallbox oder eine Wärmepumpe nachrüstet, würde automatisch zum Pflichtfall und müsste das Gerät austauschen, ein aus Sicht der Verbände technologischer Sackgasse gleichkommender Vorgang. Als Alternative verweisen VDE FNN und DKE auf eine bereits gesetzlich verankerte Lösung: die sogenannte 1:n-Anbindung, bei der ein Gateway mehrere Zähler gleichzeitig versorgt, insbesondere für Mehrfamilienhäuser geeignet.

Der ZVEI argumentierte in einem Debattenbeitrag der Tagesspiegel-Background-Redaktion ähnlich und stellte Cybersicherheit in den Vordergrund. Energie gelte als kritische Infrastruktur, und die ab 2027 greifende EU-Cyber-Resilience-Act werde ohnehin Standards verlangen, die sich an das bestehende deutsche Sicherheitsniveau annäherten. ZVEI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Weber brachte die Verbandsposition mit der Formulierung „Bitte keine Smart Meter light!“ auf den Punkt.

Die Doppelrolle des Marktführers

Die technischen Anforderungen an Smart-Meter-Gateways gehören zu den strengsten weltweit. Zertifiziert wird nach Common-Criteria-Standard EAL4+, ein Sicherheitsniveau, das sonst vor allem im Online-Banking verlangt wird. Aktuell führt das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik fünf zertifizierte Hersteller: Power Plus Communications (PPC), Theben Smart Energy und EMH metering als etablierte Anbieter, ergänzt um Sagemcom Dr. Neuhaus und die EFR GmbH, deren Gateway im April 2026 als erstes Produkt in Deutschland nach dem neuen europäischen Zertifizierungsschema EUCC zertifiziert wurde. Marktführer bleibt PPC: Das Unternehmen gibt an, bis Ende 2025 fast zwei Millionen Gateways ausgeliefert zu haben, bei einer Produktionskapazität von bis zu 1,7 Millionen Geräten pro Jahr.

Bemerkenswert ist die personelle Nähe zwischen diesem Marktführer und dem Gremium, das die technischen Vorgaben für die Branche mitgestaltet. PPC-Gründer und Vorstandschef Ingo Schönberg wurde bereits im April 2021 zum stellvertretenden Vorsitzenden des VDE-FNN-Vorstands gewählt und für die aktuelle Amtszeit ab 2024 wiedergewählt, jenes Gremium, das die Lastenhefte für Smart-Meter-Gateways mitverfasst. Schönberg sitzt zudem im Vorstand des ZVEI-Fachverbands Energietechnik. Ein weiterer PPC-Mitgründer, Eugen Mayer, leitet die FNN-Projektgruppe zur Nutzung des Verteilnetzes für die Datenübertragung.

Warum VDE-Richtlinien Gewicht haben

Diese Konstellation gewinnt an Bedeutung durch eine rechtliche Besonderheit im Energiewirtschaftsgesetz. Paragraf 49 Absatz 2 Nummer 1 EnWG legt fest, dass die Einhaltung von VDE-Regeln gesetzlich vermuten lässt, alle Sicherheits- und Rechtsvorgaben seien erfüllt, die sogenannte Vermutungswirkung. VDE-Richtlinien selbst haben keinen Rechtsnormcharakter, wie der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags 2022 feststellte, entfalten aber über diese Vermutungsregel erhebliche praktische Wirkung.

Für Smart-Meter-Gateways gilt zusätzlich eine eigene, strengere Rechtsgrundlage: die verbindliche BSI-Zertifizierung nach den Paragrafen 22 bis 24 Messstellenbetriebsgesetz in Verbindung mit der technischen Richtlinie TR-03109-1. VDE FNN wirkt über die ergänzenden Lastenhefte an diesen Anforderungen mit, ohne dass die Vermutungswirkung selbst der zentrale rechtliche Hebel für die Gateway-Zulassung wäre.

Aus Sicht der 2024 von Octopus Energy, Tibber und Rabot Energy gegründeten und seit März 2024 auch von Ostrom getragenen Smart-Meter-Initiative begünstigt genau diese Konstellation, die enge Verzahnung von Marktführer und Standardsetzer, eine Form von Regulatory Capture, also eine Vereinnahmung der Regulierung durch die Regulierten. Eine unabhängige Bestätigung dieser Einordnung durch Kartellbehörden, Monopolkommission oder Gerichte liegt bislang nicht vor. Belegt ist die personelle Konstellation selbst, die Deutung als Marktabschottung bleibt die Position der Initiative.

Deutschland bremst sich beim Rollout selbst aus

Unabhängig von der Bewertung der Ursachen ist der internationale Rückstand real. Nach Angaben der Bundesnetzagentur waren Ende 2025 erst rund 5,5 Prozent der Stromzähler in Deutschland intelligent, etwa drei von 56,5 Millionen Zählpunkten, der niedrigste Wert in Europa. Die europäische Regulierungsbehörde ACER bezifferte die Quote für das Referenzjahr 2024 sogar auf nur rund zwei Prozent gegenüber einem EU-Durchschnitt von etwa 60 Prozent.

Schweden hatte den Rollout bereits 2009 abgeschlossen, Spanien war ab 2018 nahezu vollständig ausgestattet, Italien bereits ab 2001, die Niederlande erreichten über 95 Prozent. Der Wirtschaftswissenschaftler Torsten Gerpott beschrieb die deutschen Anforderungen des Messstellenbetriebsgesetzes bereits 2017 in der Fachzeitschrift Wirtschaftsdienst als im internationalen Vergleich einzigartig anspruchsvoll und als Quelle enormer Markteintrittsbarrieren.

Was in der Debatte oft untergeht

Die Kritik der Verbände speist sich allerdings nicht nur aus wirtschaftlichem Kalkül. Eine vom ZVEI beauftragte Civey-Umfrage unter rund 5000 Befragten ergab im August 2025, dass 82 Prozent der Menschen in Deutschland Datenschutz und IT-Sicherheit bei Smart Metern für besonders wichtig halten, 60 Prozent einheitliche Systeme befürworten und 43 Prozent Steuerungsfunktionen zur Netzstabilisierung für sinnvoll erachten. Auch die ab 2027 greifende EU-Cyber-Resilience-Act dürfte den Druck in Richtung einheitlicher, hoher Sicherheitsstandards eher verstärken als abbauen. Zudem existiert mit der 1:n-Lösung bereits eine gesetzlich verankerte, günstigere Alternative für Mehrfamilienhäuser zu rund 30 Euro im Jahr, während ein reines Light-Gerät ohne Rückkanal aus Sicht der Netzbetreiber wenig zur aktiven Netzsteuerung beiträgt.

Der Rollout selbst beschleunigt sich zudem bereits: Aktuell werden rund zwei Millionen intelligente Messsysteme pro Jahr installiert, das BSI rechnet bis Ende 2027 mit knapp acht Millionen verbauten Geräten. Die Smart-Meter-Initiative selbst hat Ende Juli 2026 ein eigenes Konzeptpapier vorgelegt, das ein Smart Meter Light für maximal 40 Euro pro Jahr fordert, ohne BSI-Zertifizierung, dafür mit einem risikoadäquaten, abgestuften Schutzniveau, das die Bundesnetzagentur definieren solle, beschränkt auf reine Mess- und Übertragungsfunktion ohne Steuerungsmöglichkeit, ergänzt um eine lokale Schnittstelle für den Zugriff auf die eigenen Verbrauchsdaten.

Smart-Meter-Initiative (SMI) – Pressemitteilung / VDE – FNN und DKE warnen vor Light-Smart-Meter / pv magazine – VDE FNN und DKE gegen „Smart Meter light“ / Tagesspiegel Background – Ein Smart Meter Light ist unnötig / ingenieur.de – Smart Meter in Deutschland: Was der Zähler kann und warum die Light-Version die Branche spaltet / Wirtschaftsdienst – Wettbewerbsveränderungen im Kontext der Smart-Meter-Einführung in Deutschland / BSI – Smart-Meter-Gateway / Power Plus Communications – Ingo Schönberg in VDE FNN Vorstand gewählt / VDE – VDE FNN Vorstand wiedergewählt / Home and Smart – Koalition bringt „Smart Meter Light“ auf den Weg, Rollout-Ziele werden verschärft / T-Online – Smart Meter Light soll unter 40 Euro kosten, Initiative rüttelt am BSI-Schutz / Octopus Energy – Smart Meter in Deutschland: Rollout, Probleme & Lösungen

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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