IG-Metall-Chefin Christiane Benner hat den Vorständen der deutschen Autoindustrie schwere strategische Fehler vorgeworfen. Die Unternehmen hätten einst für großartige Autos und gute Qualität gestanden. „Jetzt fahren die Vorstände die Branche mit Vollgas gegen die Wand und begehen danach Fahrerflucht“, sagte Brenner bei einer Gewerkschaftskundgebung in Wolfsburg.
Mit einem bundesweiten Aktionstag an rund 280 Standorten hatte die IG Metall nach eigenen Angaben 175.000 Beschäftigte mobilisieren können, um gegen geplanten Stellenabbau, drohende Werksschließungen, Produktionsverlagerungen und die Forderung nach längeren Arbeitszeiten zu demonstrieren.
VDA fordert Veränderungsbereitschaft von Gewerkschaften und Mitarbeitenden
„Überall brennt gerade die Hütte“, sagte Benner bei einem Auftritt auf dem VW-Werksgelände in Wolfsburg. Medien hatten auf Anordnung des Vorstands um Konzernchef Oliver Blume keinen Zutritt zur Veranstaltung. Benner, seit knapp drei Jahren Erste Vorsitzende der IG Metall, verlangte von den Konzernspitzen Investitionen in neue Produkte, Technologien und Standorte statt weiteren Personalabbau. Angriffe auf die 35-Stunden-Woche, Tarifverträge und betriebliche Mitbestimmung lehnte die Gewerkschaftschefin ab. Von der Politik forderte Brenner indes verlässliche Investitionsbedingungen, bezahlbare Energie, die Umsetzung einer „Made in EU“-Strategie, Schutz vor unfairem Wettbewerb, Finanzhilfen für Zulieferer im Umbau und eine Beibehaltung der Altersteilzeit-Regelungen.
Hildegard Müller, Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), hatte schon im Vorfeld des Aktionstages eine Gegenposition eingenommen und größere Veränderungsbereitschaft von Gewerkschaften und Beschäftigten eingefordert. In einem Gastbeitrag für das Handelsblatt rechnete Müller vor, warum der Produktionsstandort Deutschland nach Ansicht des Verbands im Nachteil ist: Eine Arbeitsstunde koste in der Autoindustrie hierzulande knapp 65 Euro, in Tschechien aber nur 24 und in Polen 18 Euro.
Sinkende Beschäftigtenzahlen in der Autoindustrie: Produktion in Deutschland ist „kein Naturgesetz“
Die Produktion in Deutschland sei „kein Naturgesetz“, die Auslastung von Werken „kein Selbstläufer“, mahnte Müller in ihrem Beitrag. Die aktuellen Branchenzahlen untermauern die Warnung: Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 waren in der deutschen Autoindustrie noch 691.500 Menschen beschäftigt – das sind so wenige wie noch nie seit Beginn der vergleichbaren Statistikreihe im Jahr 2005. Mehrere angekündigte oder bereits laufende Stellenabbauprogramme bei Autobauern und Zulieferern dürften die Zahl der Beschäftigten weiter reduzieren.
Es gibt mehrere Erklärungsansätze und mögliche Gründe für diese Entwicklung: Das schwächelnde Geschäft in China als wichtigstem ausländischem Markt und die aggressiven Preiskämpfe mit lokalen Herstellern dort, US-Zölle und ein E-Auto-Hochlauf, der sich bislang langsamer vollzieht als erhofft. Hinzu kommt aber auch, dass für den Bau von E-Autos strukturell weniger Zulieferer und weniger Personal benötigt werden als für den Bau von Fahrzeugen mit komplexen Verbrennungsmotoren.
Während deutsche Autobauer bei Umsatz und operativem Gewinn im ersten Halbjahr 2026 zwar weiter vor den Herstellern anderer Länder liegen, sank der operative Gewinn bei VW, BMW und Mercedes laut einer EY-Analyse um 19 Prozent auf 13 Milliarden Euro – und somit auf den niedrigsten Wert seit dem Pandemie-Jahr 2020. Während die 19 größten Autokonzerne der Welt ihren Umsatz im ersten Halbjahr um insgesamt 3,6 Prozent steigerten, schrumpfte der Umsatz der drei deutschen Hersteller um 2,9 Prozent auf 284 Milliarden Euro.
Hoher deutscher Produktionsanteil wird für Konzerne zunehmend zum Kostennachteil
Laut Constantin Gall, Branchenexperte bei EY, leiden die deutschen Konzerne massiv unter strukturellen Kostennachteilen. „Der hohe Produktionsanteil in Deutschland, lange ein Wettbewerbsvorteil und Symbol für Qualität und Stärke, ist angesichts einer viel zu geringen Lohnkostenproduktivität, hoher Energiepreise und hoher regulatorischer Kosten zunehmend eine Belastung“, so Gall. Notwenige Veränderungen könnten dem Experten zufolge hierzulande nicht konsequent umgesetzt werden. „Deutsche Konzerne suchen daher ihr Heil in der Abwanderung an attraktivere Standorte.“ Alle Beteiligten müssten über ihre Schatten springen und die strukturellen Standortnachteile schnell lösen, so Gall weiter.
Am Mittwoch, dem 23. September will der IG-Metall-Vorstand seine Forderungen formell beschließen. Ab 7. Oktober soll mit den Arbeitgebern verhandelt werden. Die Tarifverträge für rund 3,7 Millionen Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie laufen am 31. Oktober aus, danach sind Warnstreiks möglich. Die VW-Belegschaft verhandelt separat über einen eigenen Haustarifvertrag, der zum Ende des Jahres ausläuft. Schon jetzt zeichnet sich aber ab, dass die kommenden Tarifrunden alles andere als einfach werden.
Quelle: Springer Professional/dpa – Automobilwirtschaft: „Überall brennt gerade die Hütte“








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