Der europäische Batteriemarkt befindet sich in einer Phase gleichzeitiger Beschleunigung und Verunsicherung. Genau dieses Spannungsfeld prägte die Eröffnungspaneldiskussion „The global charge: Powering battery market strategies for a sustainable future“ auf dem Future Battery Forum 2026 in Berlin. Unter der Moderation von Dr. Simon Engelke, Founder und Chair von Battery Associates, diskutierten Dr. Daniel Schönfelder, President Battery Materials bei BASF, Dr. Matthias Sckuhr, Geschäftsführer von Freudenberg ST, sowie Matt Shen, General Manager von CATL Europe, über Marktstrategien, industrielle Hürden und politische Rahmenbedingungen.
Bereits die einleitende Diskussion machte deutlich: Die Batterieindustrie ist längst in der Umsetzungsphase angekommen. Nachfrage ist vorhanden, Märkte entstehen, doch der Übergang von Planung zu industrieller Realität bleibt anspruchsvoll. Engelke brachte die Lage auf den Punkt: Es gebe derzeit „viel zu navigieren – Herausforderungen ebenso wie neue Chancen“, etwa durch zusätzliche Anwendungen wie stationäre Speicher oder Rechenzentren.
Aus Sicht von Matt Shen liegt der entscheidende Erfolgsfaktor europäischer Zellfertigung nicht primär in Technologie oder Anlagen, sondern im Aufbau industrieller Erfahrung. „Alle Geräte und Verfahren sind irgendwo auf der Welt zu finden. Das Schwierige sind die Menschen.“, sagte Shen mit Blick auf den Aufbau der CATL-Produktion in Deutschland. Beim Hochlauf habe das Unternehmen zunächst auf einen hohen Anteil erfahrener Fachkräfte aus China gesetzt, um Wissen schnell zu übertragen. Heute seien über 90 Prozent der Mitarbeitenden lokal beschäftigt.
Die Komplexität der Zellfertigung unterstreiche diese Herausforderung zusätzlich. Shen verwies auf mehr als 6000 Kontrollpunkte allein in der Zellproduktion. Ohne entsprechende Erfahrung lasse sich diese Prozessdichte nicht beherrschen. Europa leide hier unter einem strukturellen Defizit, das nicht kurzfristig zu beheben sei. Ausbildung, Training und industrielle Lernkurven seien deshalb zentral.
Lokale Märkte, lokale Partnerschaften, globale Strategien
Für BASF sieht Daniel Schönfelder drei zentrale Erfolgsfaktoren: technologische Exzellenz, globale Präsenz und partnerschaftliche Zusammenarbeit. Batteriematerialien seien hochgradig technische Produkte mit unterschiedlichsten Anforderungen – von NCM-Varianten über Kristallstrukturen bis hin zu Qualitäts- und Sicherheitsstandards. „Sie benötigen umfassende Kompetenz und höchste Qualitätsstandards für alle Anwendungen“, so Schönfelder.
Gleichzeitig betonte er die Bedeutung lokaler Wertschöpfung. Zusammenarbeit mit Zellherstellern in deren Heimatmärkten – etwa mit CATL in China oder in Europa – schaffe Vertrauen, beschleunige Innovation und reduziere Reibungsverluste. „Wenn wir in Europa zusammenarbeiten, ist das unser Heimatmarkt. Das hilft beiden Seiten enorm.“ Partnerschaften seien dabei kein Nice-to-have, sondern Voraussetzung. Die Industrie habe zu lange versucht, Projekte isoliert zu entwickeln. „Wir können das nicht alleine schaffen“, so Schönfelder offen.
Einen Blick aus der Perspektive eines klassischen Industrieunternehmens brachte Matthias Sckuhr ein. Freudenberg ST sei ein traditionell geprägter Zulieferer, der sich zunehmend in Richtung Batteriemarkt bewege. Entscheidend sei dabei weniger Technologie als kultureller Wandel. „Es hängt alles von den Menschen und ihrer Denkweise ab“, sagte Sckuhr.
Besonders wichtig sei die Fähigkeit, Kundenprobleme gemeinsam zu verstehen und Lösungen iterativ zu entwickeln. In der Batterieindustrie seien Anforderungen häufig noch unscharf formuliert. Freudenberg habe deshalb sogenannte „Speedboats“ aufgebaut – kleine, fokussierte Teams mit eigenem Budget und Freiraum außerhalb des Tagesgeschäfts. „Das liest man in Managementhandbüchern, sieht es aber in der Realität selten. Jetzt funktioniert es.“
Warum Europa Batterien nicht einfach importieren kann
Ein zentrales politisches Thema war die Frage, warum Europa überhaupt eine eigene Batteriewertschöpfung benötigt. Engelke stellte diese bewusst provokant in den Raum. Die Antwort aus dem Panel fiel eindeutig aus. Eine einseitige Abhängigkeit von einzelnen Regionen gefährde Innovationsfähigkeit, Wettbewerb und strategische Souveränität.
Aus industriepolitischer Sicht verwies Engelke darauf, dass Diversifizierung selbst für dominante Anbieter Vorteile bringe. Wettbewerb schaffe bessere Lösungen. Zudem böten europäische Anwendungen – etwa in Verteidigung, kritischer Infrastruktur oder Netzstabilisierung – Ansatzpunkte, um gezielt eigene Produktionskapazitäten aufzubauen und schrittweise zu skalieren.
Ein wiederkehrendes Motiv der Diskussion war die Frage der Wirtschaftlichkeit. Europäische Batterien sind derzeit teurer als asiatische. Für Sckuhr ist diese Differenz differenziert zu betrachten. In einzelnen Komponentenbereichen seien europäische Anbieter durchaus wettbewerbsfähig – selbst gegenüber chinesischen Lieferanten. Der Kostennachteil liege weniger bei Zulieferteilen als bei Skaleneffekten und Anlaufverlusten.
Matt Shen machte deutlich, dass gerade die Ramp-up-Phase enorm kostenintensiv sei. Hohe Ausschussquoten von 20 oder gar 50 Prozent bedeuteten massive Verluste. Erst bei Quoten um fünf Prozent lasse sich die Gewinnzone erreichen. Geschwindigkeit im Hochlauf sei daher entscheidend. „Wenn Sie nicht schnell hochfahren, verlieren Sie viel Geld.“
Lernen von China – und voneinander
Die Frage, was Europa von China lernen könne, wurde mehrfach aufgegriffen. Für Schönfelder liegt der Unterschied weniger in Innovationskraft als in der Fähigkeit zur schnellen Industrialisierung. Chinesische Unternehmen seien pragmatischer, marktorientierter und bereit, mit „good enough“-Lösungen früh in den Markt zu gehen. Europa dagegen neige zur Perfektion – oft auf Kosten von Tempo.
Gleichzeitig betonte Shen, dass Lernen keine Einbahnstraße sei. CATL profitiere in Europa von lokalem Know-how, regulatorischer Kompetenz und technischer Exzellenz. „Nicht nur Europa lernt von China – alle lernen voneinander.“
Zum Abschluss richtete sich der Blick nach vorn. Die Erwartungen für die kommenden zwölf Monate sind klar umrissen. Politisch braucht es Verlässlichkeit, insbesondere mit Blick auf die 2035-Ziele und Investitionsrahmen. Industriell geht es um stabilen Hochlauf, sinkende Ausschussraten und wachsende Nachfrage. Der Markt entwickle sich, so Shen, die Elektrifizierungsquote steige kontinuierlich.
Schönfelder zeigte sich trotz aktueller Herausforderungen optimistisch. Die Wachstumsdynamik werde zurückkehren. Entscheidend sei, jetzt die industrielle Basis zu festigen. „Es ist keine Frage, ob sie kommt – sie wird kommen.“








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