Die Diskussion um eine resiliente Batterielieferkette in Europa hat sich spürbar verschoben. Das zeigte sich beim Panel „From mine to market: Ensuring a resilient battery supply chain“ auf dem Future Battery Forum 2026 in Berlin, moderiert von Prof. Dr. Andreas Zaby, Innovationsmanager bei Sprind. Gleich zu Beginn machte eine Publikumsumfrage deutlich, wo die Branche die größten Risiken verortet. Zur Abstimmung standen der Zugang zu kritischen Rohstoffen, Fachkräftemangel, regulatorische Unsicherheit sowie technologische Abhängigkeiten. Das Ergebnis aus dem Fachpublikum fiel eindeutig aus: Mit deutlichem Abstand wurde der eingeschränkte Zugang zu Rohstoffen als größtes Risiko genannt. Fehlende Technologie oder Personal spielten eine deutlich geringere Rolle.
Dieses Stimmungsbild prägte die gesamte Diskussion. Christian Freitag, Chief Commercial Officer von Vulcan Energy, griff das Ergebnis der Umfrage direkt auf. Aus seiner Sicht ist der Aufbau einer resilienten Lieferkette weniger eine Frage neuer technologischer Durchbrüche als eine Frage konsequenter Umsetzung. „Für Europa geht es im Moment weniger um Leapfrogging bei Technologien, sondern um Entschlossenheit und strategische Ausführung“, sagte Freitag.
Europa verfüge sowohl über relevante Rohstoffvorkommen – etwa im Oberrheingraben – als auch über erprobte Technologien zur Lithiumgewinnung. Entscheidend sei, diese Projekte konsequent weiterzuentwickeln, finanziell abzusichern und strategisch einzubetten. Partnerschaften mit rohstoffreichen Ländern wie Australien könnten helfen, Risiken schneller zu minimieren. „Resilienz entsteht nicht durch Abwarten, sondern durch Ausdauer, Kapital und saubere Projektumsetzung“, so Freitag.
„Wir sprechen ständig über Risiken, aber kaum über die enorme Chance, die hier liegt“
Während er den Fokus auf Umsetzung und Projektlogik legte, verschob Axel C. Heitmann, Gründer und CEO von Prime Lithium, die Debatte auf eine grundlegendere Ebene. Für ihn ist die Batterielieferkette weniger ein Rohstoff- als ein Mentalitätsproblem. Europa verfüge mit seiner Chemieindustrie über eine der weltweit stärksten Ausgangspositionen für die Batterieproduktion. Dennoch werde das Thema zu defensiv diskutiert. „Wir sprechen ständig über Risiken, aber kaum über die enorme Chance, die hier liegt“, sagte Heitmann.
Besonders bei der Finanzierung neuer Lithiumprojekte zeige sich eine ausgeprägte Risikoaversion. „Ich versuche seit geraumer Zeit, Kapital für die Skalierung einer Lithiumproduktion in Deutschland einzuwerben – und höre fast ausschließlich Bedenken.“ Heitmann stellte offen infrage, ob Europa derzeit noch bereit sei, unternehmerisches Risiko zu tragen, und erinnerte an die Gründermentalität früherer Industriegenerationen: „Wo sind heute die Unternehmer, die den Mut hatten, BASF, Siemens oder Bayer aufzubauen?“
„Diese Investitionen wirken nicht über Quartale, sondern über Jahrzehnte“
Ein wiederkehrender Schwerpunkt der Diskussion war die Frage der Skalierung – und damit der Übergang von Technologie zu Industrie. Anna Motta, Chief Technology Officer der TGA Group, machte deutlich, dass technologische Reife in der Batteriewertschöpfung erst dann erreicht wird, wenn Prozesse in industriellen Größenordnungen beherrscht werden. „Maturity und Kosten kommen nur über Skalierung zusammen“, so Motta. Pilotanlagen und Demonstrationsprojekte seien wichtig, reichten aber nicht aus, um wettbewerbsfähige Kostenstrukturen zu erreichen. Gerade im Mining, in der Aufbereitung und im Midstream seien Projekte kapitalintensiv und langfristig angelegt. „Diese Investitionen wirken nicht über Quartale, sondern über Jahrzehnte.“
Ohne ausreichend Volumen, so Motta weiter, ließen sich weder Skaleneffekte realisieren noch Prozesse stabil industrialisieren. Das betreffe nicht nur Kosten pro Tonne oder Kilowattstunde, sondern auch Qualität, Ausbeute und Versorgungssicherheit. Skalierung sei deshalb kein nachgelagerter Schritt, sondern integraler Bestandteil der Technologieentwicklung. „Wenn wir zu lange im Pilotstadium bleiben, verlieren wir Zeit, Marktchancen und das Vertrauen von Investoren.“
Pragmatismus statt Autarkie-Ideal: Europas realistischer Weg nach vorn
Gleichzeitig sprach sich Motta für einen pragmatischen industriepolitischen Ansatz aus. Europa müsse nicht jede Technologie von Grund auf neu entwickeln, um resilient zu werden. „Wir sollten weltweit verfügbare, führende Technologien willkommen heißen, sie hier integrieren, weiterentwickeln und an europäische Standards anpassen.“
Lokalisierung bedeute dabei nicht bloße Montage, sondern den gezielten Aufbau eigener industrieller Kompetenzen entlang der Wertschöpfungskette. Nur so lasse sich vermeiden, neue Abhängigkeiten zu schaffen, während alte reduziert werden sollen. Entscheidend sei ein paralleler Ansatz: kurzfristig Zugang zu bewährten Technologien sichern und gleichzeitig eigene Kapazitäten in Produktion, Prozesswissen und Engineering aufbauen.
Innovation spielte auch für Daniela Sordi, Chief Technology Officer von CarbonX, eine zentrale Rolle – allerdings mit klaren Bedingungen. „Innovation ist heute keine Option mehr, sie ist eine Lebensversicherung“, sagte Sordi. Entscheidend sei jedoch, Innovation von Beginn an auf Kosten und Skalierbarkeit auszurichten.
Am Beispiel neuer Anodenmaterialien zeigte sie, dass marktreife Lösungen nicht zwangsläufig Jahrzehnte benötigen müssen. Dennoch bleibe die Phase zwischen Forschung, Pilotierung und industriellem Hochlauf – das sogenannte „Death Valley“ – eine der größten Hürden. „Zwischen Entwicklung und Scale-up gibt es nach wie vor eine Finanzierungslücke, die viele Technologien scheitern lässt“, so Sordi. Hinzu komme regulatorische Unsicherheit, die Investitionsentscheidungen zusätzlich erschwere.
Europa fehlt nicht das Wissen, sondern die Rohstoffrealität
Eine bewusst nüchterne, teils ernüchternde Perspektive brachte Michael Schmidt, Rohstoffexperte bei der Deutschen Rohstoffagentur, in die Diskussion ein. Im internationalen Vergleich mit rohstoffstarken Regionen wie den USA, Australien oder Kanada sieht er Europa strukturell im Nachteil. „Dort gibt es eine gewachsene Mining-Kultur, schnelle Entscheidungen und Kapital in Größenordnungen, die wir in Europa so nicht haben“, sagte Schmidt. Große Rohstoffprojekte würden dort als industrieller Normalfall betrachtet – nicht als politisches oder gesellschaftliches Ausnahmeereignis.
In Europa habe sich hingegen über Jahre eine gegenteilige Entwicklung vollzogen. Der Bergbau sei politisch zurückgedrängt und gesellschaftlich verdrängt worden. Das Ergebnis sei eine nahezu vollständige Importabhängigkeit bei vielen kritischen Rohstoffen – trotz vorhandener geologischer Potenziale. „Wir importieren damit nicht nur Rohstoffe, sondern auch Wertschöpfung, industrielle Lernkurven und strategische Kontrolle“, so Schmidt.
Aus seiner Sicht liege das Kernproblem nicht primär in Genehmigungen oder Förderprogrammen. „Was fehlt, ist das finanzielle Commitment der Industrie.“ Ohne substanzielle Beteiligung großer Abnehmer, insbesondere der Autohersteller, seien kapitalintensive Rohstoffprojekte kaum realisierbar. „Banken finanzieren keine Visionen, sie finanzieren Abnahmeverträge und Eigenkapital.“
Darüber hinaus lenkte Schmidt den Blick auf einen Faktor, der in der öffentlichen Debatte häufig ausgeklammert werde: gesellschaftliche Akzeptanz. Resiliente Lieferketten seien politisch gewollt, scheiterten jedoch oft am Widerstand vor Ort. „Wer strategische Unabhängigkeit fordert, muss akzeptieren, dass Rohstoffgewinnung Teil dieser Realität ist“, sagte Schmidt. Der Unterschied zu anderen Regionen liege darin, dass Europa dies unter deutlich höheren Umwelt-, Sozial- und Transparenzstandards tun könne – wenn man es denn wolle.
Resiliente Lieferketten brauchen alle Stufen der Wertschöpfung
Im weiteren Verlauf der Diskussion schärfte sich der Blick auf die strukturellen Brüche innerhalb der europäischen Wertschöpfungskette. Schmidt machte deutlich, dass Resilienz nicht punktuell entstehen könne. „Eine Zellfabrik ohne Kathoden- und Vorstufenproduktion ist genauso wenig tragfähig wie Recycling ohne industrielle Abnehmer“, sagte er. Europa denke Projekte zu oft isoliert, statt die industrielle Logik der gesamten Kette mitzudenken.
An dieser Stelle griff Heitmann den Gedanken auf und verwies auf bestehende industrielle Strukturen, die bislang zu wenig genutzt würden. Insbesondere Chemieparks böten aus seiner Sicht einen realistischen Ansatz, um Wertschöpfung zu bündeln. „Dort sind Infrastruktur, Genehmigungen, Fachkräfte und Prozesswissen bereits vorhanden“, sagte Heitmann. Neue Batterie- und Rohstoffprojekte könnten dort andocken, statt bei null zu beginnen – mit klaren Vorteilen bei Kosten, Risiko und Geschwindigkeit.
Konkreter wurde die Diskussion beim Blick auf gescheiterte Großprojekte wie Northvolt. Heitmann, Sordi und Schmidt benannten übereinstimmend mehrere Ursachen: fehlende eigene Prozesskompetenz, zu ambitionierte Skalierung und mangelnde Kontrolle über Schlüsseltechnologien. „Wenn ich Anlagen betreibe, deren Funktionsweise ich nicht vollständig verstehe, verliere ich die Kontrolle“, so Schmidt. Gerade der Übergang vom Pilotmaßstab zur Serienfertigung sei industriell hochkritisch.
Langsamer Hochlauf schlägt schnellen Kapazitätsaufbau
Sordi betonte in diesem Zusammenhang, dass Skalierung nicht mit Geschwindigkeit verwechselt werden dürfe. „Schrittweiser Hochlauf, stabile Qualität und klare Marktentscheidungen sind belastbarer als schneller Kapazitätsaufbau mit späterer Fehlerkorrektur.“ Eigene IP, qualifiziertes Personal und eine klare Fokussierung auf definierte Produktsegmente seien zentrale Voraussetzungen, um industrielle Lernkurven überhaupt nutzen zu können.
Zum Ende der Diskussion zeichnete sich dennoch ein gemeinsamer Nenner ab. Weder Freitag noch Motta oder Schmidt stellten infrage, dass der Aufbau einer resilienten Batterielieferkette in Europa grundsätzlich möglich ist. Technologien sind vorhanden, Rohstoffpotenziale zumindest teilweise erschließbar, industrielle Kompetenz existiert. Der Engpass liege nicht im Wissen, sondern in den Rahmenbedingungen. Es fehle an langfristiger regulatorischer Verlässlichkeit, an konsequentem industriellem Commitment und an Risikokapital aus der Industrie selbst.
Mehrfach wurde dabei betont, dass sich all diese Fragen letztlich an einem Punkt bündeln: den Kosten. Wettbewerbsfähigkeit, Skalierung, Akzeptanz und Investitionsbereitschaft lassen sich nicht getrennt davon betrachten. Ohne ein realistisches Kostenverständnis bleibe Resilienz ein politisches Ziel – aber keine tragfähige industrielle Strategie.








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