Der Mobilitätsforscher Andreas Knie beschäftigt sich seit mehr als 35 Jahren mit Mobilität. Im Interview mit der Zeit blickt Knie zurück auf die Geschichte des Autos in Deutschland und kommt zu dem Schluss, dass die Autoindustrie in Deutschland nicht nur wirtschaftlich an Bedeutung verliert, sondern auch kulturell. Daran können seiner Meinung nach auch Elektroautos wenig ändern.
Deutschland ist laut dem Politikwissenschaftler Knie ein Spätzünder in puncto Motorisierung, die erst ab den 1950er Jahren wirklich vorangetrieben wurde. „Aus der nachholenden Motorisierung wurde im Vergleich zu anderen Ländern eine sehr dominante Form der Motorisierung. Die Autoindustrie wuchs schnell und trug gerade im Westen – aber auch im Osten – zu einer neuen Art Nationalstolz bei“, so Knie.
In Hinblick auf die gegenwärtig schwächelnde Autoindustrie spricht Knie von einer Kränkung, denn das Auto sei für die Deutschen über Jahrzehnte das Symbol der industriellen Überlegung gewesen. Genau auf dieser Überlegenheit habe man sich ausgeruht. „Noch vor zehn Jahren gingen fast 70 Prozent der deutschen Autoexporte mit hohen Margen nach China. Aber wir haben nicht hingeschaut, was der chinesische Staat vorhatte, denn der setzte schon seit 2006 auf Elektromobilität. Die deutschen Unternehmen haben das aus Arroganz verschlafen, weil sie dachten, es würde immer so weitergehen wie zuvor“, sagt der Forscher.
Deutschland müsse nun demütiger werden und sich eingestehen, dass andere besser sind. Das sei ein langer Prozess und hier stehe man erst am Anfang. Gleichzeitig sei das Auto hierzulande wirtschaftlich neu einzuordnen, denn seine Bedeutung schrumpfe. 600.000 Jobs, die gegenwärtig noch direkt an der Autoindustrie hängen, seien zwar viel, verglichen mit knapp 40 Millionen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten relativiere sich die Zahl jedoch.
Die Autoindustrie sei mit Premiummarken wie Porsche, Mercedes und BMW zu einer Projektionsfläche geworden für den Beitrag, den Deutschland zur Welt leiste. „Daraus entstand eine kulturelle Überhöhung des Autos, die bis heute nachwirkt“, so der Experte. Heutzutage hingegen sei es für die Deutschen kaum noch relevant, welche Marke sie fahren. Aus Umfragen gehe hervor, dass junge Leute zwar noch Autos nutzen, sie aber keine emotionale Bindung dazu hätten.
Bevölkerung fährt weniger Auto und geht mehr zu Fuß
Das Mobilitätsverhalten hat sich laut Knie in der gesamten Bevölkerung geändert, nicht nur bei jungen Menschen. Das zeige sich etwa darin, dass nur noch ein Drittel der Neuwagen privat angeschafft werde. In Großstädten wie Berlin sei zu Fuß gehen die wichtigste Verkehrsform, gefolgt von Fahrrad und ÖPNV. Das Auto belegt dort nur Platz vier. „Das Auto war früher der Schlüssel zur Freiheit. Heute ist es oft ein Zwang, weil im Dorf vieles weggefallen ist: die Kneipe, der Bäcker, die Arbeitsplätze. Man muss für alles weit fahren“, ergänzt der Forscher.
Mit einer Stadt-Land-Kluft allein könnte man die Entwicklung aber nicht erklären, so Knie. Laut einer Studie zur Mobilität in Deutschland, die das Bundesverkehrsministerium in Auftrag gegeben hat, liegt der Fußverkehr auf dem höchsten Niveau seit 2008. Hierzulande legen wir ein gutes Viertel der Wege zu Fuß zurück. Mit dem Auto wird zwar immer noch mehr als die Hälfte aller Wege zurückgelegt, aber die Tendenz sinkt. Während es im Jahr 2024 noch 57 Prozent waren, bestritten die Deutschen in 2025 nur noch 53 Prozent aller Strecken mit dem Pkw.
Tempolimit könnte in Zukunft leichter umgesetzt werden
Das Auto wird nach Ansicht des Mobilitätsforschers irgendwann ein Auslaufmodell sein. Auch wenn Elektroautos wirtschaftlich die schlauere Lösung seien, ändere das nichts am Bedeutungsverlust des Autos. „Am Ende sind sie eben auch Fahrzeuge, die die allermeiste Zeit im öffentlichen Raum herumstehen werden“, erklärt Knie. Die Mobilität in Deutschland verändert sich laut dem Forscher mit Klimaveränderungen, dem demografischen Wandel und der Digitalisierung. „Künftig wird das Auto nur noch ein Teil dieser Landschaft sein und sie nicht länger beherrschen“, so Knie.
Der kulturelle Bedeutungsverlust könnte nach Ansicht des Forschers noch das Tempolimit bringen, denn mit sinkender Relevanz des Autos in der Gesellschaft könnte man das Limit politisch leichter umsetzen. Abgeschafft wurde die Tempobeschränkung auf Autobahnen bereits 1952, damit sich die Menschen frei fühlen und schnell fahren können. Ein Tempolimit entlastet laut dem Mobilitätsforscher nicht nur die Infrastruktur, sondern verbessert auch den Verkehrsfluss. Heute seien es vor allem „ältere Männer“ in den Ministerien und in anderen Schlüsselpositionen, die das Tempolimit ablehnen, weil das Auto für sie nach wie vor ein Symbol der Freiheit sei.
Quelle: Die Zeit – „Das Auto war früher Schlüssel zur Freiheit. Heute ist es ein Zwang“







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