Oliver Rittierodt kennt den deutschen Automobilvertrieb aus beiden Perspektiven – aus dem Handel und von der Importeursseite. Über 30 Jahre Erfahrung bringt er mit, zuletzt zehn Jahre als Head of Sales Department East bei Hyundai Motor Deutschland. Seit Juni 2025 verantwortet er als Director Sales den Vertrieb von MG Motor Deutschland und damit ausgerechnet jene Marke, die sich in kürzester Zeit vom reinen China-Import zu einer der am stärksten wachsenden Importmarken auf dem deutschen Markt entwickelt hat.
Die Debatte um den deutschen E-Auto-Markt kreist meist um Förderpolitik, Kaufzurückhaltung und die Frage, ob sich batterieelektrische Antriebe überhaupt in der Breite durchsetzen. Rittierodt verschiebt den Fokus. Aus seiner Sicht entscheidet nicht die Technologie allein über den Erfolg einer Marke, sondern das Zusammenspiel aus Antriebsvielfalt, Preis-Leistungs-Verhältnis und einem Händlernetz, das Vertrauen aufbaut statt es zu verspielen. Wer nur über den Preis verkauft, gewinnt Kunden für einen Moment. Wer Wertigkeit und Qualität liefert, gewinnt sie dauerhaft.
Im Gespräch mit Elektroauto-News ordnet Oliver Rittierodt ein, warum MG mit einer Elektroauto-Quote von rund 34 Prozent im Jahr 2025 deutlich über dem Marktdurchschnitt liegt, welche Rolle der MG Cyberster als Imageträger und der MG4 EV Urban als kommendes Volumenmodell im E-Portfolio spielen, wie das inzwischen auf rund 185 Betriebe angewachsene Händlernetz qualitativ weiterentwickelt werden soll und warum Abo-Modelle wie die Kooperation mit Finn gerade beim Einstieg in die Elektromobilität einen entscheidenden Hebel darstellen. Es geht um das Ziel von mehr als 30.000 verkauften Fahrzeugen im Jahr 2026 und um die klare Ansage, dass MG kein reiner Elektroanbieter mehr sein will, sondern eine Marke, die Antriebsvielfalt und E-Mobilität gleichermaßen glaubwürdig verkörpert.
Sebastian Henßler, Elektroauto-News: Der deutsche Markt für E-Autos war 2025 stark von Unsicherheit geprägt, unter anderem durch Förderpolitik und Kaufzurückhaltung. Wie haben sich diese Rahmenbedingungen konkret auf MG in Deutschland ausgewirkt?
Oliver Rittierodt, MG: Wir bewerten den Markt für E-Autos mit Blick auf die Zulassungszahlen insgesamt deutlich positiver. Jeder fünfte neu zugelassene Pkw in Deutschland war trotz eines herausfordernden Marktumfelds ein reines E-Auto. Und das ohne Kaufförderung. Bei MG war die Quote sogar deutlich höher. Man kann also sagen, dass sich batterieelektrische Antriebe in der Breite im Markt etabliert haben. Gleiches gilt für Plug-in-Hybride, die deutlich über zehn Prozent aller Neuzulassungen für sich verbucht haben.
Die Ankündigung einer neue E-Auto-Förderung hat die Zulassungszahlen unserer E-Autos gegen Ende des Jahres beeinflusst. Dennoch sehen wir von MG Motor Deutschland in der generellen Marktdynamik ein deutliches Zeichen pro Elektrifizierung, was wir grundsätzlich sehr begrüßen. Gerade auch, weil sich MG in vielen Köpfen als E-Automarke etabliert hat.
MG ist hierzulande heute breiter aufgestellt als noch vor wenigen Jahren – von Verbrennern über Hybride bis zu reinen E-Autos. Wie wichtig ist diese Antriebsvielfalt speziell für den deutschen Markt?
Klar ist, dass wir unsere Position als Marke MG im deutschen Markt weiter festigen wollen. Um möglichst vielen Menschen eine moderne und umweltfreundliche Mobilität anbieten zu können, haben wir die Antriebsvielfalt in unserem Modellangebot erheblich ausgebaut. Dass gleichwohl vier von fünf Kunden sich für einen elektrifizierten MG entschieden haben, also BEV, Plug-in oder Vollhybrid, spricht für das Vertrauen in unsere Antriebskompetenz in diesem Technologiebereich. Fast 80 Prozent unserer Kunden haben ein Fahrzeug mit mindestens einer elektrischen Antriebskomponente gewählt. Im Jahr 2024 lag diese Quote noch bei knapp unter 75 Prozent. Das ist ein positives und zukunftsweisendes Signal für uns.
Wie hoch ist aktuell der Anteil rein elektrischer Modelle am MG-Absatz in Deutschland, und wie ordnen Sie diese Quote im Vergleich zu Ihren eigenen Erwartungen ein?
Der Anteil der BEV an den Gesamtneuzulassungen von MG in Deutschland, die 2025 ja einen neuen Bestwert erreicht haben, betrug im Jahr 2025 rund 34 Prozent. Damit lagen wir weit über dem durchschnittlichen Gesamtmarktanteil der E-Autos in Deutschland. Angesichts der Tatsache, dass sich unsere BEV-Modellpalette gerade im Um- und Aufbruch befindet, sind wir mit dem Ergebnis 2025 zufrieden.
2026 wollen wir mit ganz neuen und überarbeiteten Volumenmodellen im Bereich der BEVs nochmals deutlich zulegen. Im ersten Halbjahr 2026 waren es rund 21 Prozent, aber neue Modelle wie der MG4 EV Urban werden erst in der zweiten Jahreshälfte in Sachen Zulassungszahlen richtig relevant.
Mit dem MGS5 EV, dem MGS6 EV, dem MG4 EV Urban und dem MG Cyberster hat MG zuletzt mehrere rein elektrische Modelle im deutschen Markt positioniert. Welche dieser Fahrzeuge spielen im Vertrieb die größte Rolle, und warum?
Bei MG nimmt jede Baureihe eine wichtige Rolle ein! Der MG Cyberster ist Botschafter für die Marke und emotionalisiert die E-Mobilität. Er spannt die Brücke zwischen unserer Historie – MG stand jahrzehntelang für sportliche Roadster – und einer zukunftsgerichteten emissionsfreien E-Mobilität, die nicht nur vernünftig ist, sondern auch viel Fahrfreude bieten kann. Die Strahlkraft auf die Marke ist enorm, gleichzeitig unterstreicht der MG Cyberster als weltweit erster rein elektrischer Roadster aus Serienproduktion das Innovationspotenzial unserer Marke.
Der auf der einen Seite funktionale und dabei doch emotionale MG4 EV Urban bietet E-Mobilität für größere Bevölkerungsgruppen, zu einem sehr attraktiven Preis. Insofern ist der MG4 EV Urban für uns ein sehr wichtiges Volumenmodell.
Der MGS5 EV ist im Jahr 2025 gestartet. Er zeigt, dass rein elektrisches Fahren auch in der boomenden Kompakt-SUV-Klasse erschwinglich sein kann. Wir sind zuversichtlich, dass wir mit diesem Modell genau den Geschmack vieler Autofahrerinnen und Autofahrer getroffen haben.
Der MG IM5 und der MG IM6 sind aktuell in Deutschland eingeführt worden. Was erhoffen Sie sich von diesen Modellreihen?
Die neuen IM-Modelle zeigen innerhalb der Modellreihen von MG, was technologisch bei der Marke möglich ist. Sie kombinieren „Intelligent Mobility“ mit Komfort und Reichweite. Die Fließheck-Limousine MG IM5 und der SUV MG IM6 sind deshalb wichtige Produkte für uns, weil sie das Thema Preis-Leistungs-Verhältnis gerade über die Leistung neu definieren.
Welche Modelle / Modell-Updates darf man 2026 in Deutschland noch erwarten?
Bereits in diesem Frühjahr haben wir die Modellüberarbeitung des MG4 Electric, der nun MG4 EV heißt, und den neuen SUV MGS6 EV eingeführt. Jetzt im Sommer folgten der komplett neue City-Elektriker MG4 EV Urban und der 7-Sitzer-SUV MGS9 PHEV, der mit seinem Plug-in-Hybrid-Antrieb eine elektrische Reichweite von 100 Kilometern bietet. Zudem hat MG zwei Konzeptstudien beim Goodwood Festival of Speed enthüllt, die womöglich in Serie gefertigt werden könnten.
MG wird häufig über das Preis-Leistungs-Verhältnis definiert. Wie stellen Sie sicher, dass die Marke in Deutschland gleichzeitig an Wertigkeit, Qualität und Vertrauen gewinnt?
Für uns gehört das alles zusammen. Wir definieren ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis gerade auch durch Wertigkeit, Qualität und Vertrauen in Kombination mit einem attraktiven Preis. MG-Modelle sind preiswert, aber nicht billig. Viele Kundinnen und Kunden loben gerade die Wertigkeit unserer Innenräume, das gelungene Design und den Qualitätseindruck der Fahrzeuge insgesamt. Und in Sachen Vertrauen haben wir mit unserer 7-Jahres-Garantie ohnehin ein schlagkräftiges Argument.
Das Händlernetz ist in Deutschland angewachsen. Was ist Ihnen in der Zusammenarbeit wichtiger: weiteres Wachstum oder die qualitative Weiterentwicklung des bestehenden Netzes?
Unser Partnernetz umfasst derzeit rund 185 Betriebe. Bis Mitte des Jahres sollen weitere 30 Partnerbetriebe folgen. Dabei schauen wir uns mögliche Partner sehr genau an. Wir wollen weiße Flecken in Deutschland schließen und so die Marke MG für eine größere Zielgruppe erlebbar machen. Aber natürlich müssen die neuen Betriebe die gleichen Vorgaben an Service und Qualität erfüllen wie Bestandsunternehmen. Unsere Händler sind die ersten Ansprechpartner unserer Kunden. Deshalb haben auch hier Wertigkeit, Qualität und Vertrauen oberste Priorität.
Sie haben über die Kooperation mit dem Finn Auto Abo auf Ihrem LinkedIn-Profil berichtet. Welche Rolle spielen Abo-Modelle speziell im deutschen MG-Vertrieb, insbesondere im Hinblick auf E-Autos?
Wir sehen die sehr flexiblen Abo-Modelle gerade für bestimmte Lebenssituationen als interessante Alternative zu Kauf oder Leasing unserer Fahrzeuge. Finn hat dafür attraktive Angebote am Start, die stark nachgefragt sind. Über Finn ist unsere komplette Fahrzeugpalette zu haben – vom Stadtflitzer MG3 bis zum vollelektrischen Roadster Cyberster. Generell sind Kooperationen mit Car-Subscription-Anbietern ein interessanter Hebel, um Menschen an Fahrzeuge sich etablierender Marken oder auch an neue Antriebskonzepte heranzuführen. Wer länger mit einem Auto unterwegs ist, kann seine Qualitäten viel besser einschätzen als nach einer Probefahrt.
Welche Kundengruppen erreichen Sie über Abo-Angebote, die Sie über den klassischen Verkauf bislang nur schwer angesprochen haben?
Vor allem Menschen mit einem flexiblen Lebensstil oder bei denen eine Änderung der Lebenssituation eine neue Mobilitätslösung bedingt. Das Auto-Abo ist eine Möglichkeit, jederzeit mobil zu sein – ganz ohne langfristige Verpflichtungen wie bei Auto-Barkauf oder Finanzierung. Mit einer fixen monatlichen Abo-Rate, die bereits Versicherung, Wartung, Zulassung und sogar Kohlenstoffdioxid-Kompensation beinhaltet, sorgt das Abo für volle Kostentransparenz und Komfort.
Sehen Sie Abo- und Flottenlösungen in Deutschland eher als Ergänzung zum klassischen Vertrieb oder als strategisch wichtigen Hebel für den Hochlauf der Elektromobilität?
Dem Abo-Modell, ob für Einzelkunden oder im B2B-Flottengeschäft, werden europaweit bis zum Ende des Jahrzehnts jährliche Wachstumsraten von etwa acht Prozent prognostiziert. Das macht dieses kleine, aber feine Geschäftsfeld auch für MG interessant. In Bezug auf die Elektromobilität bieten solche Modelle, zu denen ich auch das klassische Leasing zählen würde, einen großen Vorteil: Kundinnen und Kunden können unkompliziert und mit überschaubaren Kosten beispielsweise ausprobieren, ob ein vollelektrisches Fahrzeug in ihren Alltag passt.
Ein durchaus wichtiger Fakt, weil hierzulande noch immer deutlich mehr als die Hälfte der Autofahrer noch nie selbst mit einen E-Auto gefahren ist. Überzeugt mich die neue Form der Mobilität nicht, gebe ich das Fahrzeug nach Ablauf des Vertragsdauer einfach zurück. Auch über das Thema Fahrzeugrestwert, der laut dem aktuellen DAT-Report das größte Bedenken von Pkw-Haltern hinsichtlich BEV und E-Mobilität ist, brauche ich mir keine Gedanken zu machen. Insofern können solche Angebotsmodelle helfen, Kunden für die Elektromobilität zu gewinnen.
Wenn Sie auf 2026 blicken: Wo soll MG in Deutschland stehen – beim Absatz, beim E-Auto-Anteil und in der Wahrnehmung der Marke?
Wir wollen in Deutschland im Jahr 2026 mehr als 30.000 Fahrzeuge verkaufen. Und mit 16.152 im ersten Halbjahr sind wir auch gut unterwegs. Dabei werden Fahrzeuge mit mindestens einer elektrischen Komponente im Antriebsstrang weiterhin dominieren. Im ersten Halbjahr waren das immerhin knapp 90 Prozent! Mit einem Marktanteil von dann etwas mehr als einem Prozent haben wir andere Marken übertroffen, die sich bereits seit Jahrzehnten auf dem deutschen Markt befinden. Das ist für uns ein großer Ansporn.
Die Wahrnehmung einer Marke wird von der Gesamtzahl an Fahrzeugen in einem Markt mitgeprägt. Es ist daher sehr positiv, dass MG mit über 100.000 Neuzulassungen seit 2021 mittlerweile ein fester Bestandteil des deutschen Straßenbildes ist. Bei der Wahrnehmung der Marke profitieren wir sicherlich auch von der Bekanntheit des MG-Logos, das es seit vielen Jahrzehnten gibt und das durch legendäre Sportwagen geprägt worden ist. Dieses Erbe haben wir mit dem MG Cyberster zukunftsfähig gemacht. Gleichzeitig haben wir eine frühere Kernkompetenz von MG neu interpretiert: spannende Fahrzeugkategorien zu demokratisieren, früher mit preiswerten Roadstern, heute mit elektrifizierten Fahrzeugen für jedermann und jedefrau.









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