RWE ist der größte Stromproduzent Deutschlands und vor allem mit Wind- und Solaranlagen sowie Kohle- und Gaskraftwerken aktiv. Der Konzernchef Markus Krebber hat jüngst in einem dpa-Interview erklärt, dass der Strombedarf in den kommenden Jahren deutlich steigen könnte. Neben E-Autos und Wärmepumpen sieht er dabei vor allem durch KI und die dafür benötigten neuen Rechenzentren einen weiteren Anstieg der Stromnachfrage voraus.
Dem im Interview gestellten Einwand, dass die aktuell laufende Deindustrialisierung mit dem Arbeitsplatz- und Produktionsabbau die Stromnachfrage doch eigentlich eher sinken lassen müsse, widerspricht er klar. Mit den hohen Zulassungszahlen in der Elektromobilität, dem wachsenden Bedarf an Wärmepumpen und Klimaanlagen sowie eben vor allem dem Boom von Robotik und KI sieht er mehr als genug neue Bedarfsquellen für einen weiteren Anstieg. Für Krebber stellt sich demnach gar nicht mehr die Frage, ob die Nachfrage steigt. Ihn beschäftigt vielmehr, zu welchen Kosten sich die dafür notwendigen Investitionen realisieren lassen und von wem die Kosten am Ende getragen werden müssen.
Auf die Frage, ob er RWE angesichts der gleichzeitig hohen Energiekosten eher als Teil des aktuellen Problems oder als Teil der Lösung sehe, hat er zudem eine klare Haltung: Ihm zufolge investiere RWE schließlich massiv in Erzeugungskapazitäten und über die Mehrheitsbeteiligung am Unternehmen Amprion auch ins deutsche Übertragungsnetz. Dementsprechend könne er RWE nur als Teil der Lösung sehen.
Krebbers zentrale Forderungen für niedrigere Stromkosten
Um die Stromkosten für Verbraucher:innen und Wirtschaft trotz des voraussichtlich steigenden Bedarfs in den kommenden Jahren zu senken, sei der wichtigste Hebel jetzt der weitere Ausbau der Infrastruktur. Konkret müsse mehr in den Ausbau der Flüssigerdgas-Infrastruktur sowie schnelleren Netzausbau und mehr Erzeugungskapazität investiert werden. So könnten die Preise über ein größeres Angebot stabilisiert werden.
Gleichzeitig geht Krebber davon aus, dass Deutschland auch in den kommenden Jahren auf Energieimporte angewiesen sein wird und die Preise im Land strukturell hoch bleiben werden. Dabei zieht er den Vergleich zu anderen Wirtschaftsnationen wie Japan oder Südkorea.
Um energieintensive Industrien in Zukunft zu entlasten, fordert er langfristige Lösungen. So könnten die freie Zuteilung von CO₂-Emissionszertifikaten, eine Netzentgeltbefreiung und eine Steuerbefreiung helfen, den Standort Deutschland wieder attraktiv zu machen. Den Subventionsbegriff weist der RWE-Chef dabei entschieden zurück und will stattdessen eher eine aktive Preisgestaltung für Schlüsselindustrien, die im Land gehalten werden sollen.
Auf die Investitionsbereitschaft angesprochen, sagt Krebber, dass sich die Situation zwar verbessert habe, sein Konzern aber vor allem langfristige Planungssicherheit brauche, um Projekte mit drei bis fünf Jahren Vorlauf angehen zu können. Beim Ausbau von Offshore-Windanlagen würde es diese Planungssicherheit bald wieder geben, weshalb RWE hier bereit sei, mehr zu investieren.
Außerdem bewertet er vor allem die Entwicklung bei Kapazitätsmärkten als positiv. Dabei handelt es sich um ein neues Fördersystem, nach dem Kraftwerksbetreiber nicht nur für tatsächlich gelieferten Strom, sondern auch für das Bereithalten von Reservekraftwerken bezahlt werden, die im Fall von größerem Bedarf oder bei Dunkelflauten einspringen können.
Müssen Rechenzentren für den wachsenden Strombedarf in die Pflicht genommen werden?
Krebber sieht einen Haupttreiber für den steigenden Strombedarf vor allem in neuen Rechenzentren, die für KI benötigt werden. Hier empfindet er es als problematisch, dass die dadurch anfallenden Kosten für den Netzausbau und die Gewährleistung der Versorgungssicherheit auf alle Stromkunden umgelegt werden. Dadurch könne der Strompreis noch einmal deutlich stärker steigen, wenn nicht aktiv gegengesteuert werde.
Die Lösung liege dem RWE-Chef zufolge einfach darin, diejenigen stärker an den Kosten zu beteiligen, die den zusätzlichen Netzausbau auslösen, so wie es in den USA bereits diskutiert wird. Dort gebe es schließlich bereits verschiedene Modelle, um US-Tech-Unternehmen überproportional an den Kosten für Netzausbau und Versorgungssicherheit zu beteiligen. Diese hätten schließlich auch kein Interesse daran, dass sich wegen steigender Stromkosten eine große Opposition gegen neue Rechencenter bildet.
Teilweise bauen Unternehmen die Erzeugungskapazitäten in den USA gleich mit, so Krebber. So würde beispielsweise zu einem 500-Megawatt-Rechenzentrum gleich ein 500-Megawatt-Kraftwerk hinzugebaut werden, und das oft sogar als Insellösung ohne einen zusätzlichen Anschluss ans öffentliche Netz.
Fusion und Kernkraft in Zukunft mit eingeschränkter Relevanz
Zwar sind klassische Kernkraftwerke in Deutschland Krebber zufolge erledigt, und ja sogar gesetzlich zum Rückbau verpflichtet, aber dennoch investiert RWE in Fusions-Start-ups. Dies stelle eine bewusste Ausnahme dar. Schließlich verstehe sich RWE ausdrücklich nicht als Technologieentwickler und ein eigener Kraftwerksbetrieb sei nur bei kommerzieller Tragfähigkeit denkbar. Die eigenen Kraftwerksstandorte Gundremmingen und Biblis könnten Fusionsunternehmen jedoch mehrere Jahre Zeit und damit einen echten Wettbewerbsvorteil verschaffen.
Auf internationaler Ebene bleibt RWE zudem an einem Kernkraftwerk in den Niederlanden beteiligt, wo Krebber zufolge auch über sogenannte Small Modular Reactors diskutiert werde. Der Aufbau solcher Systeme sei für RWE international nicht ausgeschlossen, in Deutschland jedoch aufgrund hoher regulatorischer Hürden kaum umsetzbar.
Jenseits der Debatte um Fusion und Kernkraft erwartet Krebber für Haushaltskunden in den nächsten fünf Jahren trotz wachsendem Bedarf keine stark steigenden Preise. Schließlich verursache der Netzausbau zwar hohe zusätzliche Kosten, allerdings könne eine wachsende Erzeugungskapazität diesem Effekt entgegenwirken. Die zentrale Frage bleibt darin bestehen, wer die hohen Investitionen in Erzeugungskapazitäten, Netzausbau und Versorgungssicherheit künftig tragen muss.
Quelle: dpa via Vision Mobility – Interview RWE-Chef Krebber: Stromnachfrage steigt strukturell








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