Die Zahlen sprechen für sich: 35.000 Stellen bei Volkswagen, mindestens 13.000 bei Bosch, bis zu 14.000 bei ZF. Keine Branche verliert derzeit so viele Arbeitsplätze wie die Automobilindustrie – und keine Gewerkschaft steht damit stärker unter Druck als die IG Metall. Christiane Benner, seit Ende 2023 Erste Vorsitzende der größten deutschen Einzelgewerkschaft, hat im Gespräch mit der Automobilwoche dargelegt, wie sie die Lage einschätzt, was sie von der Politik erwartet – und wo die Geduld der Gewerkschaft endet.
„Wir sind absolut alarmiert“, sagt Benner ohne Umschweife. Die IG Metall führe aktive Gespräche um die Abbaupläne, sichere Arbeitsplätze und stelle zugleich die Frage, wie die industrielle Zukunft aussehen soll. Bei den Automobilherstellern habe die Gewerkschaft eine gehörte Stimme, wenn es um Modellentscheidungen an einzelnen Standorten oder um strategische Felder wie autonomes Fahren und Batterietechnologie gehe. Aber Benner denkt weiter als die Werkstore: Entlang der gesamten automobilen Wertschöpfungskette müssten industrielle Kerne in Deutschland erhalten bleiben. „Ohne Industrie ist Deutschland ein armes Land“, so ihre Einschätzung – knapp formuliert, aber mit vollem Gewicht gesprochen.
Europa entdeckt die Industriepolitik – zu spät und zu zögerlich
Den geplanten EU-Industrial-Accelerator-Act bewertet Benner als überfälligen Kurswechsel. Brüssel traue sich endlich aktive Industriepolitik, wie sie China und die USA seit Jahren betrieben. Die Vorgabe, dass 70 Prozent der Komponenten „Made in Europe“ sein sollen, sehe die IG Metall überwiegend positiv. Doch die Kritik folgt auf dem Fuß: Beim Thema Halbleiter fehle jegliche Substanz, bei der Batteriezellfertigung reiche das Geplante bei weitem nicht aus.
Hinzu kommt ein politisches Problem, das Benner direkt benennt: Der Begriff „Made in EU“ werde durch Druck aus Teilen der deutschen Bundesregierung geografisch so weit ausgedehnt, dass er seinen Schutzcharakter verliere. „Das ist zutiefst ideologisches Handeln“, sagt sie.
Ein weiterer blinder Fleck: Engineering. Forschung und Entwicklung müssten als integraler Bestandteil industrieller Wertschöpfung mitgedacht werden – denn auch dort stünden tausende Arbeitsplätze auf dem Spiel. Benner erwartet, dass die EU-Kommission diesen Zusammenhang stärker in ihre Politik einpreist.
E-Mobilität als Hauptstraße – mit Nebenspuren
Zur CO₂-Regulierung und dem Automotive Package der EU nimmt Benner eine Position ein, die sie selbst als pragmatisch bezeichnet, die aber auch Konflikte nicht scheut. Die Elektromobilität sei „die Hauptstraße“ – daran lässt sie keinen Zweifel. Gleichzeitig brauche es in der Übergangsphase Spielraum: Plug-in-Hybride müssten weiterhin wie bisher in der CO₂-Bilanz angerechnet werden können, Fahrzeuge mit Range-Extender eine echte Marktchance erhalten.
Die von der EU geplante Verschärfung der Flottengrenzwerte lehnt die IG Metall ab – nicht aus Klimaskepsis, sondern weil die Nachfrage nach Elektroautos derzeit geringer ausfalle als angenommen, und weil die Zulieferer Zeit bräuchten, um tragfähige Zukunftskonzepte zu entwickeln.
Was die Förderlogik angeht, zieht Benner eine klare Schlussfolgerung aus der deutschen Erfahrung: Als die E-Auto-Prämie Ende 2023 über Nacht gestrichen wurde, brach die Nachfrage unmittelbar ein. In den Ländern, in denen Elektromobilität am stärksten gewachsen sei, habe die Förderung auf der Konsumentenseite die entscheidende Rolle gespielt.
Einen Rückschritt Richtung Verbrenner hält sie dennoch für den falschen Weg – schon allein mit Blick auf die Konkurrenz aus Asien und die Notwendigkeit, Europa als Leitmarkt zu positionieren. Die neue E-Auto-Förderung aus dem Umweltministerium sowie das Programm für private Ladepunkte in Mehrparteienhäusern seien erste richtige Schritte. Bei den Ladepreisen und der Markttransparenz beim Ad-hoc-Laden müsse die Bundesregierung aber zügig nachziehen.
Was die Unternehmen aus Sicht der IG Metall schulden
Dass neue Modelle zunehmend im EU-Ausland produziert werden – in Polen, der Slowakei, Ungarn, Spanien oder Portugal – sieht Benner mit Sorge, auch wenn sie Gegenbeispiele wie den elektrischen CLA oder die ID-Familie in Deutschland anerkennt. Strukturell brauche es verlässlich niedrige Energiekosten, schnellere Genehmigungsverfahren und weniger Bürokratie. Doch Benner richtet auch eine unmissverständliche Erwartung an die Unternehmen selbst: Die Verlagerung nicht nur von Produktion, sondern auch von Forschung und Entwicklung müsse aufhören.
Wer über Jahrzehnte vom deutschen Bildungswesen, der Infrastruktur und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen profitiert habe, schulde dem Standort einen gewissen Patriotismus. „Die Automobilindustrie wurde und wird massiv gefördert“, sagt Benner – und macht damit deutlich, dass sie die Loyalitätsfrage durchaus stellen will.
Geopolitisch hat sich die Lage aus ihrer Sicht ohnehin verändert. Steigende Spritpreise und globale Instabilität führten die Abhängigkeit vom Öl vor Augen und machten das Argument für die Elektromobilität greifbarer. Gleichzeitig mahnt Benner, dass man nie wieder den Fehler der Solarindustrie wiederholen dürfe – eine ganze Zukunftsbranche mitsamt ihren Arbeitsplätzen aus Deutschland abwandern zu lassen.
Quelle: Automobilwoche – IG-Metall-Chefin: „Ich würde liebend gern einen klareren Kurs Richtung Elektro fahren, aber…“








Wird geladen...