Stellantis will den Großteil seiner zukünftigen Investitionen offenbar auf seine Kernmarken Jeep, Ram, Peugeot und Fiat fokussieren. Mehreren Insidern zufolge ist das Teil der neuen Konzernstrategie, die Stellantis-CEO Antonio Filosa im Mai in Detroit bekannt geben wolle. Die finanziellen Mittel, die den vier Kernmarken zur Verfügung stehen, sollen „erheblich“ aufgestockt werden, berichtet Reuters unter Berufung auf fünf mit der Angelegenheit vertraute Personen.
Der nach Umsatz viertgrößte Autobauer der Welt werde demnach eine langfristige Strategie vorstellen, die sich auf die beliebtesten und profitabelsten internationalen Marken des Konzerns konzentrieren wird. Andere der insgesamt 14 Konzernmarken sollen finanzielle Mittel erhalten, um Modelle unter Verwendung der Technologie der vier Kernmarken zu bauen, so die Quellen weiter. Die Marken mit geringeren Absatzzahlen, die bisher einen vergleichsweise größeren Anteil der Investitionen erhielten, sollen zu regionalen oder nationalen Marken in bestimmten Märkten werden, in denen sie bereits stark vertreten sind oder Potenzial haben. Die Entscheidung könnte auch Auswirkungen für den deutschen Autobauer Opel haben, der ebenfalls zu Stellantis gehört.
Stellantis ist inzwischen nicht einmal halb so viel wert wie Volkswagen
Stellantis versucht seit geraumer Zeit, Marktanteile in den USA und Europa zurückzugewinnen, wird jedoch vor allem in Europa und den Schwellenländern mit starker Konkurrenz durch chinesische Autohersteller konfrontiert. Im Februar verbuchte das Unternehmen Abschreibungen in Höhe von 22,2 Milliarden Euro im Zuge seines Kurswechsels bei der Umstellung auf Elektromobilität – Stellantis hatte seine einst ambitionierten Elektrifizierungspläne stark abgeschwächt.
Die strategische Umstrukturierung bei Stellantis, das 2021 durch die Fusion von Fiat-Chrysler und dem Peugeot-Hersteller PSA entstanden ist, wird von großen Investoren unterstützt, darunter auch dem Hauptaktionär Exor, so drei der Quellen. Stellantis teilte auf Reuters-Anfrage mit, dass seine Marken seine Stärke seien, und hob die Kombination aus „globaler Reichweite und tiefen regionalen Wurzeln“ hervor, ohne sich direkt zu der geplanten Umstrukturierung zu äußern.
Die Marktkapitalisierung des Konzerns liegt derzeit bei nur noch rund 21 Milliarden Euro und somit kaum noch über dem Börsenwert des E-Auto-Startups Rivian. Die Marktkapitalisierung des Volkswagen-Konzerns ist mit rund 48 Milliarden Euro mehr als doppelt so hoch. Einige Investoren und Analysten hatten vor diesem Hintergrund bereits die Empfehlung ausgesprochen, Stellantis solle einige seiner Marken, deren Zielgruppen sich insbesondere in Europa oft überschneiden, einstellen, um Geld zu sparen und Ineffizienzen zu reduzieren. Lancia, DS, Citroën und Opel wurden dabei als Kandidaten genannt.
Stellantis-Chef Filosa sieht weiterhin regionales Potenzial in den Konzernmarken
Filosa, der seit vergangenem Jahr Stellantis-CEO ist und mit der Aufgabe betraut wurde, den Konzern wieder auf Kurs zu bringen, wolle jedoch keine Marken einstellen, da er darin Potenzial für bestimmte Regionen oder große nationale Märkte sieht, so vier der anonymen Quellen. „Einige dieser Marken könnten sich in Zukunft als nützlich für den Konzern erweisen, sollten sich die Marktbedingungen ändern“, meint auch Marco Santino, Partner bei der Beratungsfirma Oliver Wyman. Santino fügte hinzu, dass es „sehr schwer“ sei, eine Marke wiederzubeleben, sobald sie einmal eingestellt worden sei.
Der ehemalige Stellantis-CEO Carlos Tavares lehnte es öffentlich ab, das Auslaufen einzelner Marken in Betracht zu ziehen. Nach Tavares‘ Ausscheiden im Dezember 2024 konzentrierte sich der Vorstandsvorsitzende John Elkann jedoch darauf, herauszufinden, welche Marken eine tragfähige Zukunft hätten. Filosas Plan sehe nun vor, Investitionen auf Jeep, Ram, Peugeot und Fiat zu konzentrieren, da diese Marken aufgrund ihrer höheren Verkaufszahlen und Gewinne „wirklich wichtig“ seien, so eine Quelle gegenüber Reuters. Sein Vorgänger habe indes darauf bestanden, dass alle Marken die Gesamtinvestitionen gleichmäßiger untereinander aufteilen.
Kooperation zwischen Opel und Leapmotor könnte ein Ausblick auf die Zukunft sein
Teil der künftigen Strategie sei es, Marken wie Opel, Citroën oder Alfa Romeo künftig taktisch in bestimmten Ländern und Marktsegmenten einzusetzen, so vier der Quellen. Zu den Optionen für die regionalen Marken gehöre die Nutzung bestehender Fahrzeugplattformen und Technologien, die bei den Kernmarken entwickelt wurden, in Verbindung mit eigenen internen und externen Designmerkmalen und Fahrcharakteristika, um den Fahrzeugen ein unverwechselbares Erscheinungsbild und Fahrgefühl zu verleihen. Die Umbenennung einiger Modelle für bestimmte regionale Märkte sei eine weitere Lösung, die in Betracht gezogen werde, sagten zwei der Quellen.
Laut Medienberichten von Anfang April befindet sich Stellantis in fortgeschrittenen Gesprächen mit dem chinesischen Partner Leapmotor, um gemeinsam ein Elektro-SUV unter dem Opel-Emblem zu entwickeln – Reuters zufolge sei das ein potenzielles Beispiel dafür, wie regionale Marken auf die gemeinsame Nutzung bestehender Technologie setzen könnten, ohne dabei ihre individuelle Markenidentität zu verlieren.
Ein hochrangiger Stellantis-Manager erklärte, der langfristige Erfolg der neuen Strategie hänge weniger von einer Verkleinerung des Portfolios ab und vielmehr vom strategischen Einsatz der Marken in verschiedenen Märkten, um wieder Marktanteile zu gewinnen.
„Irgendwann muss Stellantis vielleicht einige Marken auslaufen lassen“
Stellantis plant schon seit geraumer Zeit, für die meisten seiner Modelle eine begrenzte Anzahl gemeinsamer Fahrzeugplattformen zu nutzen, die sowohl mit vollelektrischen Antrieben als auch mit Hybrid- oder reinen Verbrennerantrieben kompatibel sind. Dieser Ansatz sei jedoch auf einen schnellen Umstieg auf Elektrofahrzeuge zugeschnitten gewesen, der sich nicht vollzogen habe, so ein ehemaliger Stellantis-Manager gegenüber Reuters.
Stellantis könnte letztendlich dennoch auf einige seiner Marken verzichten, argumentieren Analysten, wenngleich Autobauer dies in der Vergangenheit nur getan haben, sofern sie keine andere Wahl hatten – so etwa General Motors: Der Konzern hatte im Rahmen eines Insolvenzverfahrens im Jahr 2008 die Marke Saturn und Pontiac beerdigt.
Kurzfristig müsste sich die Führungsriege von Stellantis „auf die Marken konzentrieren, die zählen“, so Larry Dominique, Berater und ehemaliger Leiter der Marke Alfa Romeo in Nordamerika. „Irgendwann muss Stellantis vielleicht einige Marken auslaufen lassen. Aber diese Entscheidung müssen sie auf der Grundlage der künftigen Leistung der Kernmarken treffen“, erklärte Dominique.
Quelle: Reuters – Exclusive: Stellantis to focus funding on core car brands as CEO drives turnaround, sources say







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