Oliver Blume sieht den Volkswagen-Konzern in einer Phase wachsender geopolitischer und wirtschaftlicher Unsicherheit. Im Interview mit dem Handelsblatt beschreibt der CEO eine Weltordnung „unter Spannung“, in der Industriepolitik, Handelsbeziehungen und Standortentscheidungen neu bewertet werden müssen. Trotz verschärfter Rahmenbedingungen setzt Blume auf Kooperation statt Konfrontation – insbesondere im Verhältnis zu den USA.
Blume bewertet Donald Trumps Auftritt in Davos differenziert. Positiv sei gewesen, dass zusätzliche Zölle zunächst vom Tisch seien. „Für die Industrie sind stabile, verlässliche Rahmenbedingungen entscheidend“, betont er. Trotz eines raueren politischen Tons arbeite Volkswagen weiterhin „sehr konstruktiv mit unseren amerikanischen Partnern zusammen“. Vereinbarungen seien bislang eingehalten worden, die Beziehungen seien belastbar – von den Werken über Handelspartner bis hin zu Projekten wie dem Software-Joint-Venture mit Rivian oder dem Aufbau der neuen Marke Scout in South Carolina.
Gleichzeitig benennt Blume klar die wirtschaftlichen Folgen der Zollpolitik. Allein in den ersten neun Monaten 2025 hätten Zölle das Konzernergebnis mit rund 2,1 Milliarden Euro belastet. „Da können Sie sich in etwa ausrechnen, was weitere Belastungen bedeuten würden.“ Besonders hart treffe es Marken wie Porsche: Rekordabsatz in den USA, aber kaum Gewinn.
Eine mögliche Audi-Produktion in den USA macht Blume explizit von den Rahmenbedingungen abhängig. „Bei einer unveränderten Belastung durch die Zölle ist eine große zusätzliche Investition nicht finanzierbar.“ Nötig seien kurzfristige Entlastungen und langfristige Planungssicherheit. Zwar seien Präsident und Regierung über die Investitionspläne informiert, konkrete Ergebnisse habe es bislang aber nicht gegeben.
Grundsätzlich gelte eine einfache Logik: „Wer investiert, Arbeitsplätze und Wertschöpfung schafft, der muss auch Vorteile auf der Kostenseite haben.“ Optionen reichten von bestehenden Standorten wie Chattanooga oder Scout in South Carolina bis zur grünen Wiese – eine Entscheidung falle erst bei klaren Bedingungen.
Volkswagen plant weltweit Investitionen von rund 160 Milliarden Euro über fünf Jahre, steuert diese jedoch zunehmend fokussierter. Europa bleibe der wichtigste Markt. Allein in Spanien investiert der Konzern rund 10 Milliarden Euro in Batteriewertschöpfung und eine neue kompakte Elektrofamilie ab 25.000 Euro mit Modellen von VW, Cupra und Skoda.
In China sollen Zukunftsinvestitionen stärker über den lokalen Cashflow finanziert werden. Konzernweit werde das Investitionsvolumen schrittweise reduziert. „Ich würde vor allem sagen: Er wird fokussierter“, so Blume mit Blick auf den nächsten Fünfjahresplan. Hohe parallele Investitionen in Antriebe, Batterien, Software und neue Marken belasteten die Rendite – Ausgabendisziplin sei daher zwingend.
China: radikaler Umbau statt Rückzug
China bleibt für Volkswagen herausfordernd, aber strategisch zentral. Der Konzern habe sein Geschäftsmodell dort in den vergangenen drei Jahren „radikal verändert“. Lokale Entwicklung, neue Partnerschaften und eine angepasste Produktstrategie seien umgesetzt worden. Die ersten vollständig in China entwickelten Modelle kommen nun auf den Markt.
2026 werde entscheidend, wie schnell Volkswagen im stark wachsenden NEV-Segment Fuß fassen könne. „Technologisch und preislich sind wir wettbewerbsfähig“, sagt Blume, warnt aber vor der hohen Wettbewerbsintensität.
Für Porsche zeichnet er ein deutlich nüchterneres Bild. Der chinesische Luxusmarkt sei um über 80 Prozent eingebrochen, eine neue Luxussteuer verschärfe die Lage. Porsche habe dadurch rund 25 Prozent seines Absatzes verloren. Eine schnelle Trendwende erwartet Blume nicht. Stattdessen müsse das Geschäft auf niedrigerem Niveau profitabel organisiert werden: weniger Kapazitäten, kleineres Händlernetz, mehr Exklusivität. Ein „Porsche made in China“ sei aktuell kein Thema.
Europa: Industriepolitik statt Protektionismus
Deutlich wird Blume bei seinen Erwartungen an Europa. Er fordert eine aktivere Industriepolitik, weniger Regulierung und faire Handelsbedingungen. „Ein Engagement in Europa muss sich lohnen.“ Local-Content-Vorgaben hält er für legitim: Wer in Europa verkauft, solle auch hier Wertschöpfung erbringen. „Wir kennen ‚Buy American‘ und ‚made in China‘ – deshalb ist es richtig, darüber zu diskutieren, wie Produktion und Investition in Europa durch ‚made in Europe‘ gesichert werden können.“
Besonders kritisch sieht Blume die Asymmetrie bei Zöllen. Europäische Hersteller zahlten 15 Prozent Zoll auf Exporte in die USA, während US-Autos in Europa derzeit mit 10 Prozent belegt seien – mit Aussicht auf null Prozent. „Dieser Deal ist asymmetrisch und verzerrt den Wettbewerb.“
Ausblick: Effizienz als Schlüssel
Intern sieht Blume Rückhalt durch Aufsichtsrat und Eigentümerfamilien. Angesichts der unsicheren Weltlage müsse Volkswagen stärker in Szenarien denken. Die Marschrichtung bleibt klar: „Produktivität hoch, Kosten runter, Komplexität raus.“
Zwar erhielten neue Modelle viel Zuspruch und Auszeichnungen, doch wirtschaftlich reiche das noch nicht. Effizienz, Vereinfachung und Disziplin seien die entscheidenden Hebel, um den Konzern durch eine zunehmend fragmentierte Weltordnung zu steuern.
Quelle: Handelsblatt – VW-Chef Blume kontert Trump und stellt US-Investitionen infrage








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