Auf der ersten von insgesamt neun außerordentlichen Betriebsversammlungen hat Volkswagen-Chef Oliver Blume am Dienstag im Stammwerk Wolfsburg konkrete Zahlen zum geplanten Konzernumbau genannt. Nach aktuellem Stand entfalle „etwa die Hälfte des Anpassungsbedarfs auf Deutschland, die andere international, in insgesamt rund 170 Gesellschaften“, so Blume laut Unternehmensangaben vor Tausenden Beschäftigten. Insgesamt bringt der Konzern einen möglichen Abbau von bis zu 100.000 der weltweit rund 663.000 Stellen ins Spiel, zusätzlich zu einem bereits 2024 vereinbarten sozialverträglichen Abbau von rund 50.000 Jobs bis 2030.
Für die Umsetzung setzt der Vorstand nach eigenen Angaben weiterhin auf freiwillige Personalinstrumente. Blume nannte Renteneintritte, einvernehmliche Vereinbarungen sowie eine restriktive Einstellungspolitik. Auch die Altersteilzeit solle für weitere Jahrgänge geöffnet werden. Die konkreten Schritte würden mit den Arbeitnehmervertreter:innen beraten, kündigte der Konzernchef an.
Die häufig genannte Zahl von rund 50.000 zusätzlichen Stellen sei „keine Zielgröße“, betonte Blume, sondern „eine theoretische Rechengröße, abgeleitet von unseren Kosten“. Der Konzern liege derzeit rund 30 Prozent über dem Kostendurchschnitt vergleichbarer Unternehmen. Der Vorstand stehe geschlossen hinter dem Zukunftsplan, so Blume weiter.
Volkswagen blickt auf vier Werke ohne gesicherte Zukunft
Besondere Aufmerksamkeit gilt den Standorten Emden, Hannover, Zwickau und dem Audi-Werk Neckarsulm. Dort arbeiten aktuell gut 40.000 Menschen, die Werke kommen zusammen auf eine jährliche Kapazität von rund 750.000 Autos. Nach Auslaufen der jetzigen Produktion Anfang der 2030er-Jahre gebe es bislang keine wettbewerbsfähige Anschlussbelegung, wiederholte Blume eine bereits im Sommer geäußerte Einschätzung. Werksschließungen seien „immer die letzte und teuerste Lösung“ und bislang nicht beschlossen.
Wie stark sich die Zahlen inzwischen aufsummieren, machte Konzernbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo mit einer eigenen Rechnung deutlich. Bereits 2024 war eine sozialverträgliche Reduzierung von rund 50.000 Stellen bis 2030 vereinbart worden. Zu den davon auf Deutschland entfallenden 25.000 kämen nun rund 40.000 weitere Stellen an den vier genannten Standorten hinzu, sodass der gesamte Personalabbau-Plan des Vorstands für Deutschland inzwischen mehr als 100.000 Arbeitsplätze umfasse, rechnete Cavallo vor. Der Betriebsrat verwies zudem darauf, dass selbst eine Halbierung des VW-Haustarifs die Gesamtkosten eines Autos nur um etwa fünf Prozent senken würde.
Aus Sicht des unabhängigen Branchenexperten Jürgen Pieper führt an harten Einschnitten kein Weg vorbei, Werksschließungen schließt auch er nicht aus. Für unwahrscheinlich hält er sie jedoch ausgerechnet in Emden, wo der Wegfall des Arbeitgebers Volkswagen samt Zulieferern eine ganze Region treffen würde. Zugleich kritisierte Pieper die Kommunikation des Vorstands rund um die Sparpläne, die aus seiner Sicht zu lange öffentlich statt intern verhandelt worden sei.
Belegschaft und Betriebsrat gehen auf Distanz
Bei der Belegschaft stieß Blumes Rede überwiegend auf Ablehnung. Mehr als 10.000 Mitarbeitende in und vor der Halle quittierten seine Ausführungen mit Pfiffen und zeigten Transparente mit Aufschriften wie „Tarifbruch stoppen!“. Cavallo erklärte im Anschluss, das Vertrauen in den Vorstand, insbesondere in dessen Vorsitzenden, sei beschädigt, „noch nicht irreparabel, aber beschädigt“. Betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen schließt die Arbeitnehmervertretung weiterhin kategorisch aus.
Rückendeckung erhält der Betriebsrat von der IG Metall. Bezirksleiter Thorsten Gröger verlangte von der Konzernspitze zunächst Antworten zu den Zusagen von 2024: „Wer jetzt erneut über Stellenabbau und Standorte spricht, muss zuerst erklären, was aus den Vereinbarungen von 2024 geworden ist.“ IG-Metall-Chefin Christiane Benner stellte für den Fall festgehaltener Standortschließungen entschlossenen Widerstand in Aussicht und erklärte knapp, das werde die Gewerkschaft nicht akzeptieren.
Politischer Gegenwind aus Niedersachsen
Widerspruch kommt zudem vom Land Niedersachsen, das aufgrund des VW-Gesetzes als Großaktionär mit einem Anteil von 20 Prozent besonderen Einfluss auf den Konzern hat und im Aufsichtsrat gemeinsam mit der Arbeitnehmerbank über eine Mehrheit verfügt. Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) widersprach Blumes Einschätzung, der Konzern sei „überdimensioniert“. International sei die Größe von Volkswagen „ein riesiges Pfund“, sagte Lies im Deutschlandfunk und bezeichnete Standortschließungen als keine Zukunftslösung. Stattdessen verwies er auf Wachstumspotenziale im E-Mobilitätsmarkt, engere Zusammenarbeit zwischen den Konzernmarken sowie eine mögliche Rüstungsproduktion zur Auslastung einzelner Werke.
Der Umbau berührt nach Angaben aus dem Umfeld des Konzerns auch die Mitspracherechte des Landes selbst. Das als „Zielbild 2030“ bekannte Programm des Vorstands soll das Vetorecht Niedersachsens bei wichtigen Entscheidungen einschränken. Bereits im Juli war Blume mit weitreichenderen Umbauplänen im Aufsichtsrat gescheitert: Der Vorstoß, die Marke VW sowie die in der Einheit Komponenten gebündelten Zulieferwerke aus dem Konzernverbund herauszulösen und in eigene Gesellschaften zu überführen, wurde damals zunächst abgelehnt.
Zur nächsten Aufsichtsratssitzung am 4. September liegen einem Bericht von Reuters zufolge gleich drei konkurrierende Beschlussvorlagen vor. Neben dem Konzept des Vorstands haben demnach sowohl das Land Niedersachsen als auch die Arbeitnehmerbank eigene Vorschläge für den weiteren Umbau eingereicht.
Tiefere Ursachen der Krise
Hintergrund der Sparpläne ist eine deutlich verschlechterte wirtschaftliche Lage. In den ersten sechs Monaten des Jahres erzielte Volkswagen einen Umsatz von 158 Milliarden Euro, der Gewinn sank um fast zwölf Prozent auf 5,9 Milliarden Euro. Im zweiten Quartal brach der Überschuss im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein Drittel auf 1,5 Milliarden Euro ein. Die Verkaufszahlen des Konzerns stagnieren zugleich bei rund neun Millionen Autos pro Jahr. Als Ursachen nannte Blume unter anderem US-Zölle auf Autoimporte, den Absatzeinbruch in China, geopolitische Konflikte und einen verschärften Wettbewerb in Europa.
Neben äußeren Faktoren macht die Konzernführung auch eigene Strukturen für die Krise verantwortlich. Helena Wisbert, Professorin für Automobilwirtschaft an der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg, verweist auf zahlreiche interne Abstimmungsschleifen zwischen technischer Entwicklung, einzelnen Marken und der Softwaretochter Cariad, die den Konzern im Vergleich etwa zur China-Produktion ausbremsten. Bei einer internen Befragung von Vorstandsmitgliedern und Porsche-Chef Michael Leiters bezeichneten laut übereinstimmenden Berichten sechs von neun Befragten die Lage der Volkswagen AG als existenzgefährdet. Insidern zufolge sollen die Sachgemeinkosten im Konzern bis 2030 um rund 11 Milliarden Euro sinken.
Auch der Umstieg auf softwaredefinierte Autos gilt als ungelöstes Problem. Diesen Wandel habe der Konzern bislang nicht geschafft und kaufe entsprechende Kompetenzen inzwischen extern zu, vor allem in China und den USA. Im Konzern selbst verschärft sich unterdessen der Machtkampf um Cariad: Während Blume an der Softwaretochter festhalten will, drängt Audi-Chef Gernot Döllner Berichten zufolge auf externe Lösungen, etwa mit Nvidia für autonomes Fahren und mit Rivian für Fahrzeugsoftware.
Als eine mögliche Perspektive für das Werk Hannover brachte der dortige Betriebsratschef Stavros Christidis die Rückkehr des klassischen VW-Transporters ins Gespräch. Voraussetzung dafür wäre ein Ende der bisherigen Kooperation mit Ford, in deren Rahmen der aktuelle Transporter gemeinsam entwickelt und in der Türkei gefertigt wird.
Nach Wolfsburg folgen bis Ende August acht weitere Betriebsversammlungen, darunter am Mittwoch Emden und Zwickau sowie am 31. August Hannover als Abschluss. Weitere Stationen sind Braunschweig, Salzgitter, Dresden, Chemnitz und Kassel-Baunatal. Bis zum 4. September, wenn der Aufsichtsrat erneut zusammenkommt, dürfte sich zeigen, welcher der drei vorliegenden Vorschläge den weiteren Kurs des Konzerns bestimmt.
Quellen: Der Spiegel – Niedersachsens Ministerpräsident Lies attackiert VW-Chef Blume / Stern – Auftritt von Volkswagen-Chef Blume bei Betriebsversammlungen erntet Kritik / Die Zeit – VW sieht »etwa die Hälfte« der Stellenstreichungen in Deutschland / Tagesspiegel – „Wer sagt, Volkswagen ist zu groß, der macht erstmal den ersten Fehler“: Lies kritisiert VW-Chef Blume für Sparkurs und Werksschließungspläne / Die Zeit – VW-Betriebsrat lehnt betriebsbedingte Kündigungen ab / Deutschlandfunk – Betriebsratschefin Cavallo lehnt betriebsbedingte Kündigungen und Werksschließungen ab / Tagesschau – Wie tief steckt VW in der Krise? / Manager-Magazin – Worüber bei Volkswagen gestritten wird / Manager-Magazin – VW-Chef Blume will „so weit wie möglich auf freiwillige Personalinstrumente setzen“









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