Bei Volkswagen entscheidet sich in den kommenden Wochen, wie viele der aktuell 4300 Stellen bei der Softwaretochter Cariad künftig noch gebraucht werden. Grund ist die Suche nach einem neuen Partner für autonomes Fahren, nachdem die jahrelange Allianz mit dem Zulieferer Bosch im Juli beendet wurde. Favoriten sind nach Informationen des Manager Magazins das britische KI-Start-up Wayve und der US-Technologiekonzern Nvidia.
Die Bosch-Allianz hatte über viereinhalb Jahre mehr als 1000 Beschäftigte gebunden, am Ende standen lediglich einige Fahrassistenzsysteme auf der Straße. Level 3, also autonomes Fahren ohne Hand am Lenkrad, bieten einzelne chinesische Anbieter im Heimatmarkt bereits an, diesen Rückstand wird Volkswagen allein nicht aufholen.
Fällt die Entscheidung auf Nvidia, könnte fast ein Drittel der Cariad-Stellen überflüssig werden, weitere gut 1000 Jobs im Gesamtkonzern stünden laut Insidern infrage. Der amerikanische Chiphersteller um Gründer Jensen Huang tritt mit einem Gesamtpaket aus Chips, künstlicher Intelligenz und passender Software an, die Cariad wäre dann weitgehend außen vor. Wayve wiederum gilt als einziger ernstzunehmender Herausforderer der Google-Tochter Waymo und will in Kürze einen Robotaxidienst in London starten.
Zwei Chefs, zwei völlig unterschiedliche Pläne
Hinter der Partnerwahl verbirgt sich zugleich ein Machtkampf an der Konzernspitze. CEO Oliver Blume, zugleich Cariad-Aufsichtsratschef, will die Softwaretochter in ihrer heutigen Form erhalten und lediglich über einen neuen Entwicklungsvorstand anders steuern. Audi-Chef Gernot Döllner lässt intern durchblicken, dass es die Cariad aus seiner Sicht in dieser Form nicht mehr braucht.
Audi kämpft aktuell mit Problemen der von der Cariad entwickelten Architektur E³ 1.2, deren Rechner aus Spargründen zu leistungsschwach bestellt wurden und den Datenmengen im Auto häufig nicht gewachsen sind. Fahrer:innen von Modellen wie dem Audi A6 e-tron bekommen das in wiederkehrenden Ausfällen zu spüren, die Garantiekosten bei Audi liegen entsprechend hoch.
Döllner setzt stattdessen auf die Partnerschaft mit dem amerikanischen Elektroauto-Start-up Rivian, in die Volkswagen bis 2027 rund 5,6 Milliarden Euro investieren will. Die Rivian-Software soll offenbar schon ab 2028 auch in Verbrennermodellen zum Einsatz kommen, deutlich früher als von Konzernentwicklern für die eigens geplante Softwareversion ICE@SDV vorgesehen war, die frühestens 2030 hätte starten sollen.
Zusätzliche Brisanz erhält der Streit durch ein rund 40-seitiges Papier, das im Konzern kursiert und die Zusammenarbeit mit der Cariad deutlich kritisiert. Wer es verfasst hat, ist offiziell nicht bestätigt, im Umlauf ist die Rede von einem Berater der Boston Consulting Group, beauftragt aus dem Umfeld von Audi. In einem Ampelsystem werden verschiedene Technologien und Kriterien wie Qualität und Kosten bewertet, die Mehrheit der Bewertungen fällt rot aus. Genannt werden auch Ausstiegsoptionen, etwa eine Beschäftigungsgesellschaft für verbleibende Mitarbeiter:innen oder ein Weiterbetrieb der Cariad als eigenständiger Entwicklungsdienstleister, ähnlich der Konzerntochter IAV.
Von Seiten der Cariad-Führung heißt es, an der Erstellung des Papiers sei man nicht beteiligt gewesen, zentrale Daten stammten aus dem Jahr 2023. Auch Blume soll das Papier nach eigenen Angaben nicht kennen. Der Volkswagen-Konzern teilt mit, in Gremien wie dem Konzernvorstand oder dem Cariad-Aufsichtsrat sei ein solches Papier nicht diskutiert worden. Audi äußert sich zu dem Papier selbst nicht, lässt aber ausrichten, „Maßstab unserer Entscheidungen ist, was technologisch überzeugt und die beste Lösung“ sei.
Trotz der Krise meldet Cariad Fortschritte
Die Cariad-Führung um Peter Bosch, der die Einheit vor drei Jahren übernahm, sieht sich zuletzt auf gutem Kurs. Fast die Hälfte der einst 40 Tochtergesellschaften und Beteiligungen wurde abgegeben, die Belegschaft von 6500 auf 4300 verringert. Der zwischenzeitlich auf mehr als zwei Milliarden Euro gestiegene Verlust sinkt nach internen Angaben langsam wieder.
Ein Blick auf die jüngere Konzerngeschichte zeigt, dass ähnliche Papiere schon einmal folgenreich waren. 2022 kursierte ein Gutachten der Beratung McKinsey zur damaligen Softwarearchitektur E³ 2.0, in Auftrag gegeben vom früheren Audi-Chef Markus Duesmann und Entwicklungschef Oliver Hoffmann. Es prognostizierte Verzögerungen und Mehrkosten von fast 10 Milliarden Euro, kurz darauf musste Volkswagen-Chef Herbert Diess seinen Posten räumen. Ein Softwareingenieur bei Volkswagen spricht intern von „politischem Chaos“. Wer hinter dem aktuellen Papier steht, ist offiziell weiterhin ungeklärt.
Quelle: Manager Magazin – Wie ein sehr reales Phantompapier die Cariad-Spitze aufwühlt









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