Der Vorstand der Volkswagen Group hat dem Aufsichtsrat ein umfangreiches Maßnahmenpaket vorgelegt, das die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns bis 2030 sichern soll. Insgesamt zwölf Initiativen bilden den Kern des sogenannten Zielbilds 2030. Im Zentrum stehen eine schlankere Modellpalette, eine stärkere regionale Ausrichtung von Produkten und Entwicklung, angepasste Werkskapazitäten sowie ein gestrafftes Beteiligungsportfolio. Über die Pläne beriet am Donnerstag auch der Aufsichtsrat des Konzerns in Wolfsburg, dem neben den Eigentümerfamilien Porsche und Piëch auch Gewerkschaften und die niedersächsische Landesregierung angehören.
Vorstandsvorsitzender Oliver Blume beschreibt das Vorhaben als Versuch, aus eigener Kraft in die nächste Phase der Transformation zu gehen. Bis 2030 solle die Volkswagen Group „das attraktivste Automobilunternehmen der Welt“ werden, mit weniger Komplexität, fokussierten Technologien und einer engeren Verzahnung von Produktion und regionalen Märkten. Reduzierte Überkapazitäten und schlankere Strukturen gehören für Blume ebenso zum Konzept wie ein gestärkter Teamgeist innerhalb des Unternehmens.
CFO und COO Arno Antlitz ordnet die Maßnahmen als notwendige Konsequenz ein. Die bislang vereinbarten Kostensenkungsprogramme reichten angesichts des wirtschaftlichen und geopolitischen Umfelds nicht mehr aus, so Antlitz. Nötig seien eine verbesserte Kostenstruktur der Fahrzeuge, spürbar niedrigere Gemeinkosten und eine schnellere Technologieentwicklung. Entscheidend sei dabei vor allem die konsequente Umsetzung der beschlossenen Schritte.
Drei Jahre Umbau als Ausgangspunkt des Wandels
Grundlage für den neuen Plan ist die technologische und strukturelle Sanierung der vergangenen drei Jahre, die auf den konzerninternen Top-10-Programmen aufbaute. Begleitet wurde dieser Prozess von einer umfassenden Modelloffensive, einer neu aufgesetzten Softwarestrategie und einer regionalisierten Neuausrichtung des China-Geschäfts. Die Ergebnisse zeigen sich in den Marktzahlen: 2025 übertraf der Marktanteil von Elektroautos in Europa erstmals den der Verbrenner. Im ersten Quartal 2026 führte der Konzern zudem den chinesischen Markt an und erzielte in Südamerika den höchsten Marktanteil seit über zehn Jahren.
Für die kommenden Jahre plant der Konzern eine deutliche Verschlankung des Angebots. Die Modellpalette soll schrittweise um bis zu 50 Prozent reduziert werden, konzentriert auf die attraktivsten Marktsegmente. Bei der Ausstattungskomplexität, etwa der Zahl möglicher Optionen, ist ein Rückgang von bis zu 75 Prozent vorgesehen. Investitionen und Entwicklungsressourcen sollen dadurch gezielter auf jene Produkte gelenkt werden, die für Kund:innen den größten Nutzen und für den Konzern den höchsten Wertbeitrag bringen.
Auch bei den zentralen Technologiefeldern setzt Volkswagen auf Harmonisierung. Plattformen, Elektronik-Architekturen und Softwarelandschaften werden künftig getrennt nach westlicher und östlicher Hemisphäre gebündelt, um Parallelstrukturen abzubauen und Synergien im Konzern stärker zu nutzen.
Vier Werke und bis zu 100.000 Stellen die abgebaut werden im Gespräch
Parallel dazu passt Volkswagen sein Produktionsnetzwerk an die veränderte Nachfrage an. Offiziell nennt der Konzern ein markenübergreifendes Kapazitätsniveau von rund 9 Millionen Einheiten pro Jahr als Ziel, nach rund 12 Millionen Fahrzeugen vor der Corona-Pandemie. Zwei Millionen Einheiten wurden nach Unternehmensangaben bereits abgebaut. Berichten von Reuters zufolge, die sich auf Aufsichtsratskreise berufen, reicht die interne Planung jedoch deutlich weiter: Vorstandschef Blume erwäge demnach einen Abbau von bis zu 100.000 Stellen, etwa doppelt so viele wie bislang öffentlich kommuniziert. Im Gespräch seien zudem Schließungen der Werke Hannover, Emden, Zwickau und des Audi-Standorts Neckarsulm.
Laut einem Bericht des Magazins „Spiegel“, der sich ebenfalls auf Aufsichtsratskreise stützt, solle die Produktion in Zwickau und Emden binnen fünf Jahren auslaufen. Das Nutzfahrzeugwerk in Hannover folge demnach 2032, der Audi-Standort Neckarsulm 2034. Zahlen des Marktforschungsunternehmens Mobility Global, die Reuters vorliegen, zeigen zudem die aktuelle Auslastung der deutschen Volkswagen-Werke: Für das laufende Jahr wird ein Wert von 81 Prozent der Normalkapazität erwartet, bis 2030 soll dieser auf 73 Prozent sinken, selbst wenn der Standort Osnabrück wie erwartet aus dem Werksnetz herausgelöst wird. Für Zwickau, eines der vier möglicherweise betroffenen Werke, wird für 2026 noch eine Auslastung von 88 Prozent angegeben, bis 2030 soll sie demnach auf 42 Prozent fallen.
Brisant ist der Vorgang auch vor dem Hintergrund früherer Zusagen: Im Rahmen des vorherigen Sparpakets von Ende 2024 hatte Volkswagen den Gewerkschaften zugesichert, auf Werksschließungen in Deutschland zu verzichten. Seither suchte der Konzern nach alternativen Nutzungen für unterausgelastete Standorte, etwa über einen möglichen Rüstungspartner für das Werk in Osnabrück oder die Fertigung von Modellen für den chinesischen Markt in Deutschland. Aktuell gilt zudem eine Vereinbarung, wonach Beschäftigte auf Arbeitskampfmaßnahmen verzichten, solange bestehende Tarifverträge laufen, nachdem es im Dezember 2024 bereits zu Warnstreiks gekommen war.
Gewerkschaft und Belegschaft laufen Sturm
Vor der Aufsichtsratssitzung demonstrierten nach Angaben der IG Metall rund 400 Beschäftigte vor dem Werksgelände in Wolfsburg, die Gewerkschaft mobilisierte darüber hinaus an rund 20 Volkswagen-Standorten in Deutschland. Betriebsratschefin Daniela Cavallo sagte, die Beschäftigten trügen keine Schuld an der Krise der Branche, in den Werken und Büros des Konzerns breiteten sich „große Angst und tiefe Verunsicherung“ aus. Ohne ein Umsteuern von Unternehmen und Politik drohten die industriellen Arbeitsplätze am Standort verloren zu gehen, warnte sie in einer Rede in Wolfsburg.
IG-Metall-Chefin Christiane Benner, die als stellvertretende Vorsitzende zugleich dem Aufsichtsrat angehört, richtete im Vorfeld der Sitzung eine klare Warnung an den Vorstand: „Nicht mit uns.“ Gewerkschaftsvertreter Thorsten Groeger sprach von der Gefahr eines „großen Konflikts“ zwischen Unternehmen und Belegschaft. Ein Sprecher von Volkswagen erklärte, der Konzern teile die Sorgen der Beschäftigten, verkleinere aber sein Beteiligungsportfolio, straffe die Unternehmensstrukturen und werde auch Überkapazitäten abbauen müssen.
Fokus auf Kerngeschäft und politisches Umfeld
Beim Beteiligungsportfolio konzentriert sich der Konzern stärker auf das automobile Kerngeschäft. Investitionen werden künftig nach strategischem Beitrag, Rendite und Kapitalbindung bewertet. Die Ende Juni vereinbarte Veräußerung einer Mehrheitsbeteiligung an Everllence gilt dabei als erster sichtbarer Schritt dieser Neuausrichtung. Der Transaktion zufolge fließen dem Konzern daraus rund 7,4 Milliarden Euro zu, was den finanziellen Spielraum für die weitere strategische Entwicklung vergrößert.
Der Konflikt um den Sparkurs trifft zudem auf ein angespanntes politisches Umfeld. Bundeskanzler Friedrich Merz, dessen Koalition in Umfragen hinter der AfD liegt, hat Reformen zur Stärkung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit angekündigt. Die AfD, die im September erstmals in einem Bundesland die Regierung übernehmen könnte, nutzt die Lage bei Volkswagen als Angriffsfläche gegen die amtierende Bundesregierung. Ein führender Unionspolitiker äußerte sich gegenüber der „Rheinischen Post“ dahingehend, dass die strategische Ausrichtung von Volkswagen letztlich Sache des Managements sei.
Nach Angaben des Unternehmens soll das gesamte Maßnahmenpaket die Position der Volkswagen Group in einer herausfordernden Phase des globalen Branchenumbruchs festigen. Der Konzern verweist zugleich auf die Bedeutung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit für den Industriestandort Deutschland.
Quelle: Volkswagen – Pressemitteilung / Reuters – Volkswagen board faces crunch talks over plant closures and job cuts / Spiegel – Volkswagen will ab 2031 Werke schließen









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