Der deutsche Verband der Automobilindustrie (VDA) gab bekannt, dass sich mehr als 30 Unternehmen aus der gesamten Automobilzulieferkette darauf geeinigt haben, bei der Entwicklung von Open-Source-Software für die nächste Fahrzeuggeneration zusammenzuarbeiten. Indem Automobilhersteller und Zulieferer auf eine gemeinsame Software setzen, sollen Kosten gesenkt und technische Fortschritte insgesamt beschleunigt werden. Der Entwicklungs- und Wartungsaufwand soll durch die Initiative um bis zu 40 Prozent verringert und die Markteinführungszeit um bis zu 30 Prozent verkürzt werden, so der VDA.
Konkret werden softwaredefinierte Fahrzeuge, die vor allem über Computersoftware statt Hardware gesteuert werden – dazu gehören auch moderne Elektroautos –, idealerweise günstiger. Teilnehmende Hersteller können sich infolge dessen besser auf die Optimierung anderer Aspekte konzentrieren und gegen die internationale Konkurrenz durchsetzen, wie beispielsweise aus China.
Die Ankündigung erfolgte auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas, wo sich Anfang des Jahres die Tech-Branche präsentierte. Zu den Unternehmen, die die Absichtserklärung unterzeichnet haben, gehören neben Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz auch der europäische Automobilkonzern Stellantis und der Lkw-Hersteller Traton sowie der deutsche Zulieferer Schaeffler und Chiphersteller wie Infineon oder Qualcomm. Insgesamt stieg die Zahl der teilnehmenden Unternehmen auf 32, die in Europa, Asien und Amerika ansässig sind. Im Juni 2025, als das Programm angekündigt wurde, waren es erst elf Unternehmen, die das Memorandum of Understanding (MoU) unterzeichnet hatten. „Die zunehmende Beteiligung an dieser Kooperation spiegelt einen klaren globalen Trend hin zu offener Innovation in der Automobilindustrie wider“, sagte Mike Milinkovich, Geschäftsführer der Eclipse Foundation, die zu den Initiatoren gehört.
Offener Code für kollaborative Zusammenarbeit
Gemeinsam mit der Eclipse Foundation baut der VDA ein globales Software-Ökosystem aus, das auf offene Zusammenarbeit in der Automobilindustrie setzt. Der VDA vertritt die Interessen der deutschen Automobilindustrie, wobei sowohl Hersteller als auch Zulieferer zu den Mitgliedern gehören. Die Eclipse Foundation mit Hauptsitz in Brüssel ist ein internationaler gemeinnütziger Verein mit über 300 Mitgliedern. Eclipse bietet Einzelpersonen und Organisationen weltweit ein unternehmensfreundliches Umfeld für Zusammenarbeit und Innovation im Bereich Open-Source-Software.
Mit der Open-Source-Entwicklung entsteht öffentlich zugängliche Software, die frei nutzbar ist und auf kollaborativen Fortschritt setzt. Der Pressemitteilung des VDA zufolge soll eine Softwarebasis für die Mobilität der nächsten Generation geschaffen werden, die herstellerneutral sowie nachhaltig ist, Fragmentierung vermeidet, auf Interoperabilität setzt und technischen Dopplungen in der Entwicklung vorbeugt.
„Open Source ist nicht mehr nur eine Option für die Automobilentwicklung, sondern ein wesentlicher Motor für schnelle Innovationen und langfristige Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette“, so Francis Chow von Red Hat, einem der teilnehmenden Unternehmen.
Zudem teile man sich mit der Initiative den Aufwand der Entwicklung komplexer, sicherheitskritischer Software. „Durch die gemeinsame Entwicklung von nichtdifferenzierender Software können Hersteller und Zulieferer ihre Ressourcen auf das konzentrieren, was wirklich zählt: die Bereitstellung einzigartiger, kundenorientierter Erlebnisse“, sagte Dr. Marcus Bollig, Geschäftsführer des VDA.
Die Ausweitung dieser Initiative für die Entwicklung softwaredefinierter Fahrzeuge (SDVs) soll innerhalb der Arbeitsgruppe Eclipse SDV umgesetzt werden. Sie wird laut Pressemitteilung unterstützt von über 50 Mitgliedern, darunter führende Automobilhersteller, globale Cloud-Anbieter, Technologieinnovatoren und wichtige Partner der Lieferkette. „SDV ist ein Mannschaftssport“, so Dr. Christof Horn, Global Lead SDV von Accenture. Durch die Beteiligung an der Initiative wolle die Unternehmensberatung eine lebendige Open-Source-Community ermöglichen.
Im Zentrum der Zusammenarbeit steht der Open-Source-Software-Stack Eclipse S-Core, der innerhalb der Arbeitsgruppe Eclipse SDV entwickelt wurde. S-Core integriere mehrere SDV-Projekte
in eine Referenzimplementierung und eine Tooling-Umgebung, die für zertifizierbare, produktionsreife Software ausgelegt ist, so die Pressemitteilung des VDA. Im November 2025 wurde die erste öffentliche Version von Eclipse S-Core gemäß des ursprünglichen Vereinbarungsvertrags veröffentlicht. Eine vollständige Version ist für Ende 2026 geplant und soll spätestens 2030 in Fahrzeugprogrammen auf den Markt kommen.
Geteilte Kompetenzen
Die teilnehmenden Unternehmen tragen dabei auf verschiedene Arten zur Entwicklung der Software bei. Coretura beispielsweise, ein unabhängiges Unternehmen, das aus einem Joint Venture zwischen Daimler Trucks und Volvo hervorging. „Es handelt sich um ein softwaregesteuertes, KI-orientiertes Unternehmen, das die weltweit erste SDV-Plattform für Nutzfahrzeuge entwickelt“, so Johan Lundén, CEO von Coretura. „Während Coretura seine eigene SDV-Lösung entwickelt, wird das Unternehmen Erkenntnisse und Ergebnisse im Rahmen der Open-Source-Zusammenarbeit weitergeben, um Herstellern bei der Lösung gemeinsamer Herausforderungen zu helfen und die gemeinsame Software-Grundlage zu stärken.“
Michelin wiederum wolle die Software anwenden sowie mit seiner Kompetenz in der Entwicklung und Produktion von Reifen zu mehr Sicherheit auf den Straßen beitragen: „Als Marktführer in der Reifenindustrie wollen wir die entwickelte Software nutzen, um unseren eingebetteten digitalen Reifenzwilling auszuarbeiten und zu validieren. Wir konzentrieren uns derzeit auf den Beitrag von Reifen zu Fahrassistenzsystemen: beispielsweise die Maximierung der ABS- und ESP-Effizienz dank einer tiefen Integration von Reifenmodellen, um die Sicherheit und das Fahrerlebnis zu verbessern“, so Ali Rezgui, der Vizepräsident für Embedded Tire Digital Twin von Michelin.
Quellen: VDA – Pressemitteilung vom 7. Januar 2026 / Reuters – Auto industry expands open-source pact to boost development, cut costs








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