Der unbekannte Riese: Geely startet in Deutschland

Der unbekannte Riese: Geely startet in Deutschland
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Geely

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 6 min

Der deutsche Automobilmarkt gilt als einer der anspruchsvollsten der Welt. Wer hier bestehen will, braucht mehr als ein konkurrenzfähiges Produkt, sondern auch: ein dichtes Händlernetz, einen funktionierenden Kundendienst, Vertrauen in die Marke. Genau dieses Vertrauen fehlt Geely in Deutschland noch vollständig. Die Marke ist hierzulande kaum bekannt, zumindest nicht unter ihrem eigenen Namen. Dass hinter Geely derselbe Konzern steht, der Volvo übernommen, Polestar aufgebaut und Lotus wiederbelebt hat, wissen die wenigsten. Das soll sich nun ändern.

Elektroauto-News war beim Geely Brand Launch in Raunheim vor Ort, als das Unternehmen erstmals öffentlich seine Pläne für den deutschen Markt darlegte. Was zu hören war, klingt nicht nach einem kurzfristigen Ausflug in einen neuen Markt. Zack Zhang, Managing Director Geely Auto Deutschland, formulierte es so: „Deutschland ist für Geely einer der wichtigsten Märkte in Europa. Wir kommen nicht mit einer kurzfristigen Perspektive, sondern mit dem klaren Anspruch, uns nachhaltig als relevanter Akteur im deutschen Automobilmarkt zu etablieren.“

Ein Konzern, den kaum jemand in seiner ganzen Größe kennt

Um zu verstehen, was Geely in Deutschland vorhat, lohnt ein Blick auf das, was hinter der Marke steht. Die Geely Holding Group ist mit 4,1 Millionen Fahrzeugverkäufen einer der fünf größten Automobilkonzerne der Welt. Zum Portfolio gehören Volvo Cars, Polestar, Lotus und LEVC, zudem ist Geely im Joint Venture mit der Mercedes-Benz Group an der Marke Smart beteiligt. Der Geely-Gründer Li Shufu hält darüber hinaus eine Beteiligung von rund zehn Prozent an Mercedes-Benz.

Allein die Kernmarke Geely kommt auf rund drei Millionen der Gesamtverkäufe der Holding. Im ersten Quartal 2026 war die Geely Auto Group nach eigenen Angaben der meistverkaufte Automobilhersteller in China, mit rund 709.000 ausgelieferten Einheiten. Gleichzeitig stiegen die Exporte im selben Zeitraum um 126 Prozent auf rund 203.000 Einheiten. Getragen wurde dieses Wachstum maßgeblich von zwei Modellen: dem Starray EM-i und dem Geely E2. Beide sollen auch in Deutschland eine zentrale Rolle spielen.

Mehr als 56 Prozent der Gesamtverkäufe der Holding entfallen inzwischen auf Elektro- und Hybridmodelle, die im Vorjahresvergleich um mehr als 58 Prozent zulegten. Elektrifizierung ist bei Geely also keine Randerscheinung, sondern Kerngeschäft. Diese Dynamik im Heimatmarkt ist eine der Grundlagen, auf die das Unternehmen seinen Europa-Aufbau stützt.

In Europa schon länger präsent als gedacht

Was viele nicht wissen: Geely ist in Europa nicht neu. Unter dem Dach von Geely Technology Europe (GTEU) bündelt das Unternehmen Entwicklungsaktivitäten an mehreren Standorten, darunter Raunheim bei Frankfurt, das schwedische Göteborg und das britische Coventry. Ergänzt wird dieses Netzwerk durch ein Designzentrum in Mailand. Das Entwicklungszentrum in Raunheim, in dem der Brand Launch stattfand, besteht bereits seit sieben Jahren.

Das Prinzip dahinter trägt den Namen „In Europe for Europe“: Fahrzeuge sollen nicht einfach aus China importiert, sondern für europäische Anforderungen in Fahrwerk, Lenkung, Sicherheit und Nutzererlebnis gezielt angepasst werden. Globale Technologien treffen auf lokale Kompetenz. Diese Strukturen bilden die Grundlage für das, was Geely nun in Deutschland auf die Straße bringen will.

Hinzu kommt eine Fertigungsperspektive. Bis 2030 plant Geely, zwei Drittel der in Europa verkauften Modelle auch in Europa zu produzieren. Möglich macht das unter anderem die Nutzung bestehender Volvo-Werke. Ein Anspruch, der, gemessen an den ambitionierten Wachstumszielen, kein geringes Gewicht hat.

Marktstart in Deutschland mit angezogener Handbremse

Für den deutschen Marktstart hat Geely eine klare Produktlogik formuliert. Nicht jeder Kunde sei bereit, sofort vollständig elektrisch zu fahren, so die Argumentation. Deshalb bietet das Unternehmen bewusst zwei Einstiegswege: Den Plug-in-Hybrid Starray EM-i als Brückenmodell für alle, die elektrisch im Alltag fahren, auf die Langstreckentauglichkeit eines Verbrenneranteils aber noch nicht verzichten möchten, und den vollelektrischen Geely E5 für den direkten Schritt in die reine Elektromobilität.

Beide Modelle basieren auf der Global Energy-efficient Architecture (GEA), einer Plattform, die mit einem Entwicklungsaufwand von mehreren Milliarden Euro und unter Beteiligung von mehr als 30.000 Ingenieur:innen entstanden ist. Sie wurde gezielt für elektrifizierte Antriebe konzipiert und vereint Hardware, Software, Sicherheits- und KI-Technologien in einer globalen Fahrzeugarchitektur.

Der Starray EM-i setzt auf die SEA-S Superhybrid-Technologie und kombiniert einen 1,5-Liter-Saugmotor mit einem Elektromotor sowie einem intelligenten Energiemanagementsystem. Die rein elektrische Reichweite beträgt laut Hersteller bis zu 136 Kilometer (WLTP), die Gesamtreichweite liegt bei mehr als 1000 Kilometern. Das Laden von 30 auf 80 Prozent ist in der Max+-Variante in rund 16 Minuten möglich, die Basisvariante benötigt etwa 20 Minuten. Der Einstiegspreis liegt bei 32.990 Euro, eine monatliche Finanzierung ab 169 Euro bei null Prozent Zinsen steht zum Marktstart bereit.

Der vollelektrische Geely E5 im Fokus

Das vollelektrische Pendant wird in einem eigenen Bericht ausführlich vorgestellt. An dieser Stelle die wichtigsten Eckdaten: Der Geely E5 startet bei 37.990 Euro in der Ausstattungslinie Pro, gefolgt von 39.990 Euro (Pro+) und 42.990 Euro (Max+). Die Finanzierung beginnt ab 249 Euro monatlich zu 0,99 Prozent effektivem Jahreszins. Geely gibt den Verbrauch mit rund 15,8 kWh auf 100 Kilometer an und positioniert den E5 damit in den Top 3 der effizientesten Modelle seines Segments. Die Reichweite beträgt laut Hersteller bis zu 450 Kilometer (WLTP).

Technologisch bemerkenswert ist die Cell-to-Body-Architektur, durch die trotz kompakter Außenabmessungen im C-Segment ein Innenraum auf D-Segment-Niveau möglich wird. In mehr als 27 Märkten ist das Modell bereits im Einsatz, was im Vergleich zu manch anderem Neuling in Deutschland Erfahrungswerte aus dem Serienbetrieb mitbringt.

Ein wesentliches Merkmal beider Modelle ist der hohe Grad an Eigenentwicklung. Batterie, Antrieb und Software entstehen im eigenen Haus, was nach Unternehmensangaben eine engere Systemabstimmung und höhere Haltbarkeit ermöglicht. Die Short Blade Battery auf LFP-Basis ist für bis zu 3500 Ladezyklen und rund eine Million Kilometer ausgelegt und verzichtet vollständig auf Kobalt und Nickel. Serienmäßig an Bord sind Over-the-Air-Updates, DC-Schnellladen, eine Acht-Jahres-Garantie sowie eine Euro-NCAP-Bewertung von fünf Sternen, und das bereits ab der Basisausstattung, ohne Aufpreis.

Geely E2 folgt im September, insgesamt elf Modelle bis 2028

Den nächsten konkreten Schritt hat Geely bereits terminiert. Im September soll mit dem Geely E2 ein weiteres vollelektrisches Modell auf den deutschen Markt kommen. In China zählt der E2 zu den meistverkauften Kompaktelektroautos überhaupt, mit rund 50.000 verkauften Einheiten monatlich. Die erste Produktion für den europäischen Markt ist nach Angaben von Philipp Hempel, Executive Director Germany, bereits abgeschlossen, die ersten Einheiten sollen in den kommenden Wochen eintreffen. Ein weiteres Modell für das D-Segment ist für Ende 2026 angekündigt.

Der mittelfristige Plan geht deutlich weiter. Bis 2028 will Geely das Portfolio auf insgesamt elf Modelle ausbauen, die Segmente B, C und D abdecken und alle elektrifizierten Antriebsformen umfassen, von reinem E-Antrieb über Plug-in-Hybride bis Hybride. Gleichzeitig soll das Händlernetz im selben Zeitraum von aktuell zehn operativen Standorten auf 50 bis Ende 2026, rund 150 bis Ende 2027 und eine flächendeckende Abdeckung bis Ende 2028 wachsen. Mehr als 40 Händlerpartnerschaften sind nach Unternehmensangaben bereits unterzeichnet. Jeder Standort muss zwingend Verkauf und Service aus einer Hand abdecken, eine Trennung ist nicht vorgesehen.

Hempel formulierte die Vertriebsstrategie klar: „Bis Ende 2026 wollen wir in Deutschland mindestens 50 Geely Vertriebs- und Servicestandorte etablieren. Unser Ziel ist es nicht nur, ein flächendeckendes Netzwerk aufzubauen, sondern sicherzustellen, dass unsere Partner vom ersten Tag an vollständig servicefähig sind.“ Das Endkundenmarketing soll erst dann hochgefahren werden, wenn eine regionale Händlergrundabdeckung in allen Teilen Deutschlands gesichert ist. Die Infrastruktur soll der Nachfrage also vorausgehen. Als Finanzierungspartner hat Geely Consors Finanz exklusiv an Bord geholt.

Ob dieser Ansatz aufgeht, wird der Markt zeigen. Die Voraussetzungen, die Geely mitbringt, unterscheiden sich jedenfalls von dem, was manche anderen chinesischen Marken bei ihrem Europa-Eintritt vorzuweisen hatten.

Disclaimer: Geely hat zum Kennenlernen der Marke nach Raunheim eingeladen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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