Renault Twingo E-Tech im Test: Ibiza mit einer Akkuladung

Renault Twingo E-Tech im Test: Ibiza mit einer Akkuladung
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Elektroauto-News

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 9 min

Wer auf Ibiza unterwegs ist, merkt schnell, warum ein kompaktes E-Auto auf dieser Insel Sinn ergibt. Enge Gassen, steile Anstiege, kaum Platz am Straßenrand – und mittendrin der neue Renault Twingo E-Tech elektrisch, der genau für solche Bedingungen gebaut wurde. Auf einer über 100 km langen Testrunde quer über die Baleareninsel konnte ich den elektrischen Kleinwagen auf Herz und Nieren prüfen. Und die zentrale Frage lautete dabei: Kann ein E-Auto für unter 20.000 Euro im Alltag überzeugen?

Renault hat mit dem rein elektrischen Twingo eine klare Ansage formuliert. Während sich andere Automobilhersteller aus dem A-Segment zurückgezogen haben, geht der französische Konzern den umgekehrten Weg und bringt ein vollelektrisches Auto auf den Markt, das ab 19.990 Euro startet. Der Schlüssel dazu: eine konsequente Vereinfachung. „Die deutliche Reduzierung der Bauteilanzahl war wichtig: von den üblichen 1200 oder 1300 Teilen in den Vorgängermodellen auf nur noch 720 im neuen Twingo“, erklärt Bruno Vanel von der Renault-Entwicklungsabteilung. Entwickelt in nur zwei Jahren im Rahmen des Programms Leap 100, produziert im slowenischen Werk Novo Mesto, ausgestattet mit einer kostengünstigen LFP-Batterie – der Twingo ist das Ergebnis einer radikal durchdachten Kalkulation.

Blick auf die Front des Renault Twingo E-Tech

Dass dabei kein seelenloser Sparfuchs herausgekommen ist, zeigt sich schon auf den ersten Blick: Der Twingo E-Tech trägt die DNA des Ur-Twingo von 1992 selbstbewusst nach außen. Die One-Box-Silhouette, die gewölbten Tagfahrleuchten mit ihrem freundlichen Blick, das dezente Lächeln im Kühlergrill – all das erinnert an den Vorgänger, ohne nostalgisch zu wirken. Mit 3,79 Metern Länge bleibt er ein echtes Stadtauto, die Proportionen wirken durch den verlängerten Radstand von 2,49 Metern und die in die Ecken gerückten Räder dennoch erwachsen. Der Testwagen in Absolut-Grün zog auf Ibiza jedenfalls einige Blicke auf sich.

Beim Einsteigen fällt zunächst die positive Atmosphäre auf. Bunte Kunststoffeinsätze an den Türen und am Armaturenbrett nehmen die Außenfarbe auf und sorgen für einen stimmigen Gesamteindruck. Natürlich dominiert in dieser Preisklasse Hartplastik, doch Renault hat sich erkennbar Mühe gegeben, das Beste daraus zu machen.

Der Deckel des Handschuhfachs schließt sanft, die Ablagefächer zwischen den Vordersitzen sind mit gummierten Einsätzen versehen, und die Klimabedienelemente tragen eine ansprechende Metalloberfläche – auch wenn deren Befestigung nicht ganz so fest sitzt wie bei anderen Renault-Modellen. Ausgefallene Designdetails wie der eingestanzte Twingo-Schriftzug an verschiedenen Stellen verleihen dem Innenraum Persönlichkeit. Das zylindrische Armaturenbrett, das im Raum zu schweben scheint, setzt einen eigenständigen Akzent.

Seitlich auch eine Betrachtung wert

Ein Blick auf den Dachhimmel verrät, dass selbst dort Liebe zum Detail einkehrt: Dort sind die Buchstaben des neuen Twingo-Alphabets eingearbeitet. Auf der Innenseite der Heckklappe findet sich die Botschaft „Ouvert d’esprit“. Solche Spielereien machen den Unterschied zwischen einem günstigen Auto und einem Auto, das sich günstig anfühlt.

Auch das verdient eine genauere Betrachtung: der Platz im Inneren. Trotz der kompakten Außenmaße bietet der Twingo E-Tech viel Platz für bis zu vier Personen. Das Geheimnis sind die einzeln um 17 Zentimeter verschiebbaren Fondsitze – ein Feature, das bereits der Ur-Twingo von 1992 mitbrachte und das Renault hier konsequent weiterentwickelt hat. Schiebt man die Sitze nach hinten, reicht die Beinfreiheit für Passagiere bis etwa 1,80 Meter Körpergröße. Größere Mitfahrer:innen stoßen allerdings schnell mit dem Kopf an den Dachhimmel, was der hohen Sitzposition geschuldet ist. In der Techno-Version lässt sich zusätzlich die Rückenlehne des Beifahrersitzes umklappen, wodurch eine zwei Meter lange Ladefläche entsteht – ein Erbe des ersten Twingo, das auch in der neuen Generation überzeugt.

Das Kofferraumvolumen variiert je nach Position der Rücksitze zwischen 205 und 305 Litern. Unter dem Ladeboden verbirgt sich ein 50-Liter-Staufach, in dem sich etwa das Ladekabel unterbringen lässt. Die zweiteilige Abdeckung ist dabei clever gelöst: Sie lässt sich von beiden Seiten öffnen, sodass der Zugang auch dann möglich bleibt, wenn eine Seite durch Gepäck belegt ist. Für den Alltag reicht das Platzangebot gut aus – wer allerdings regelmäßig drei oder vier Personen samt Gepäck transportieren möchte, stößt an die Grenzen des Segments.

Für zwei Koffer und die ein oder andere Tasche mehr als ausreichend

Beim Infotainment fährt der Twingo E-Tech vorneweg. Ein 7-Zoll-Instrumentendisplay und ein 10-Zoll-Zentralbildschirm mit OpenR link und integrierten Google-Diensten sind für das A-Segment eine Ansage. Damit stellt der Twingo Wettbewerber wie den Fiat Grande Panda, den BYD Dolphin Surf oder den Leapmotor T03 in den Schatten. Im Test funktionierte das System zuverlässig, der Touchscreen reagierte flüssig und die Menüführung war aufgeräumt, übersichtlich bebildert und einfach verständlich. Google Maps mit EV-Routenplaner arbeitete auf Ibiza problemlos. Die Einstellungsmöglichkeiten über das Infotainment sind eher überschaubar gehalten, was zum unkomplizierten Charakter des Autos passt.

Das Cockpit des Renault Twingo E-Tech
Lenkrad des Renault Twingo E-Tech Elektrisch
und die dazugehörige Mittelkonsole

Weniger überzeugend zeigte sich die Verkehrszeichenerkennung, die wiederholt Schwierigkeiten hatte. Auch die Fahrerüberwachung fiel negativ auf: Das System mahnte mit einer aufdringlichen „Kontrolle behalten“-Meldung, obwohl beide Hände am Lenkrad lagen und der Blick nach vorn gerichtet war. Die übrigen Assistenzsysteme des Safety & Parking-Pakets – darunter Toter-Winkel-Warner, Querverkehrswarner und der Easy-Park-Assistent – arbeiteten hingegen wie gewünscht.

Auf der Straße ist der Twingo ein Stadtauto, wie es sein soll

Für den Antrieb sorgt ein 60 kW (82 PS) starker Elektromotor mit 175 Nm Drehmoment, kombiniert mit einer 27,5 kWh großen LFP-Batterie. Auf dem Papier stehen 262 Kilometer WLTP-Reichweite im kombinierten Zyklus, in der Stadt sollen es bis zu 390 Kilometer sein. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei abgeregelten 130 km/h, der Sprint von 0 auf 50 km/h ist in knapp 3,9 Sekunden erledigt – im Stadtverkehr fühlt sich das ausreichend spritzig an.

Auf unserer Testrunde über Ibiza – von der Südküste nahe dem Flughafen über Sant Josep und das Inselinnere nach Portinatx im Norden, zurück entlang der Ostküste über Santa Eulària – zeigte der Bordcomputer einen Verbrauch zwischen 14,3 und 14,9 kWh pro 100 Kilometer an. Bei 20 Grad Außentemperatur, auf kurvenreichen und hügeligen Straßen und bei durchaus beherzter Fahrweise. Die WLTP-Angabe von 13,1 kWh im kombinierten Zyklus liegt also nicht in einer anderen Welt – das ist ausreichend nah an der Realität und spricht für die effiziente Abstimmung des Antriebsstrangs.

Die Lenkung hinterließ einen positiven Eindruck. Sie arbeitet sehr direkt; manchmal ein wenig zu sehr – bereits kleine Bewegungen am Lenkrad übertragen sich unmittelbar auf die Straße. Auf den kurvigen Straßen Ibizas macht das richtig Spaß, und im engen Stadtverkehr sorgt der Wendekreis von nur 9,87 Metern für mühelose Manöver. Die Lenksäule ist höhen- und längsverstellbar, was in dieser Fahrzeugklasse keine Selbstverständlichkeit ist. Eine breite Auswahl verschiedener Fahrmodi sucht man vergebens. Lediglich die Umschaltung zwischen Normal und Eco ist gegeben, ohne spürbare Änderung im Fahrverhalten.

Beim Komfort muss man segmenttypische Abstriche machen. Die starre Hinterachse, die die Mehrlenker-Konstruktion des eine Nummer größeren Renault 5 ersetzt, gibt auf schlechtem Belag Unebenheiten spürbar an die Insassen weiter. Wer die Wahl hat, sollte bei den 16-Zoll-Rädern bleiben – die sind deutlich komfortabler als die schickeren 18-Zöller des Testwagens. Abrollgeräusche dringen eher laut in den Innenraum, bei Windgeräuschen schlägt sich der Twingo hingegen ordentlich. Die Bremse verlangt einen kräftigen Tritt, reagiert dann aber direkt und verlässlich. Der Sitzkomfort vorne fiel über die gesamte Testrunde angenehm auf.

Ein Highlight ist der aufpreispflichtige One-Pedal-Modus, der in der Techno-Ausstattung über die Lenkradschaltwippen aktiviert wird. Die Rekuperation verzögert konsequent bis zum Stillstand, sodass man im Stadtverkehr tatsächlich weitgehend ohne Bremspedal auskommt. Die vier Rekuperationsstufen sind spürbar voneinander abgesetzt und lassen sich intuitiv durchschalten. Gerade auf den hügeligen Straßen Ibizas, mit ihren vielen Bergab-Passagen, erwies sich diese Funktion als echtes Komfort-Feature.

Wie schnell lädt der Renault Twingo E-Tech?

Geladen wird über einen CCS-Anschluss an der vorderen rechten Seite. Serienmäßig bringt der Twingo E-Tech ein dreiphasiges AC-Ladegerät mit 11 kW und ein fünf Meter langes Mode-3-Kabel mit. An einer Wallbox dauert die Ladung von 15 auf 80 Prozent laut Renault eine Stunde und 55 Minuten – ein Wert, der für das nächtliche Laden zu Hause oder am Arbeitsplatz vollkommen ausreicht.

Ladeport an der Beifahrer-Seite

An einer DC-Schnellladestation mit bis zu 50 kW soll der gleiche Ladevorgang in 28 Minuten erledigt sein. Wer auf die Wallbox verzichtet und an der Haushaltssteckdose lädt, muss mit knapp neun Stunden rechnen – das Schuko-Kabel ist allerdings nicht im Lieferumfang enthalten und kostet 300 Euro Aufpreis.

Eigene Ladeerfahrungen konnten wir auf Ibiza nicht sammeln, da die Testrunde ohne Ladestopp absolviert wurde. Wie sich die Ladekurve in der Praxis verhält und ob die Herstellerangaben im Alltag standhalten, werden wir in einem späteren, ausführlicherem Testbericht nachliefern.

Preislich positioniert sich der Twingo klar

Die Basisversion Evolution startet bei 19.990 Euro, die besser ausgestattete Techno-Variante bei 21.590 Euro. Der Testwagen mit Safety & Parking-Paket (600 Euro), Sitzheizung (300 Euro) und 18-Zoll-Leichtmetallrädern Reverso (600 Euro) sowie der Metallic-Sonderlackierung Absolut-Grün (750 Euro) kommt auf rund 23.840 Euro. Dafür bekommt man ein vollwertiges E-Auto mit adaptivem Tempomaten, Klimaautomatik, Rückfahrkamera, Google-basiertem Infotainment und One-Pedal-Fahren.

Wer auf die Extras verzichtet und bei der Evolution bleibt, erhält für unter 20.000 Euro immer noch ein solide ausgestattetes Elektroauto mit Voll-LED-Scheinwerfern, Notbremsassistent, Spurhalteassistent und 10-Zoll-Touchscreen.

Kleine, aber feine Details im Design des Renault Twingo E-Tech

Im Wettbewerbsumfeld muss sich der Twingo E-Tech gegen den Fiat Grande Panda, den BYD Dolphin Surf, den Leapmotor T03 und den Citroën ë-C3 behaupten. Sein stärkstes Argument ist die Kombination aus Preis, Alltagstauglichkeit und einem Infotainment-System, das in dieser Klasse seinesgleichen sucht.

Nach über hundert Kilometern auf Ibiza bleibt vor allem eines hängen: Der Twingo E-Tech ist kein Auto, das man trotz seines Preises gut findet – sondern eines, das man wegen seines Gesamtpakets schätzt. Er ist ehrlich in dem, was er bietet, und macht daraus kein Geheimnis. Die starre Hinterachse und die eher lauten Abrollgeräusche erinnern daran, dass 20.000 Euro eben 20.000 Euro sind.

Aber die direkte Lenkung, der funktionierende One-Pedal-Modus, das überraschend gute Infotainment und die clevere Raumausnutzung zeigen, dass Renault bei den Dingen gespart hat, die man verschmerzen kann – und dort investiert hat, wo es im Alltag zählt. Für Pendler:innen, Stadtbewohner:innen und alle, die ein unkompliziertes E-Auto für den täglichen Einsatz suchen, ist der Twingo eine ernstzunehmende Option.


Disclaimer: Renault hat zum Kennenlernen des Renault Twingo E-Tech nach Ibiza, Spanien eingeladen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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