Renault hat zu einem Event eingeladen, das sich bewusst von den üblichen Formaten der Branche abhob. Keine Neuheiten, keine technischen Daten, kein Blick auf Plattformen oder Reichweiten. Stattdessen rückte ein Thema in den Mittelpunkt, das für den Erfolg eines Autos entscheidend sein kann, im automobilen Alltag aber oft unterschätzt wird: der Name.
Manfred Gotta und sein Sohn Julian Gotta, Inhaber von Gotta Brands, gewährten einen seltenen Einblick in ihre Arbeit – und in die Entstehungsgeschichte eines der bekanntesten Modellnamen der vergangenen Jahrzehnte: Twingo.
Gotta Brands gilt seit Jahrzehnten als eine der prägendsten Kreativadressen für Markennamen im deutschsprachigen Raum. Seit 1986 entwickelt das familiengeführte Unternehmen Namen, die sich bewusst der reinen Logik entziehen und stattdessen auf Wirkung, Klang und Emotion setzen. „Wir sind keine klassische Agentur“, stellt Julian Gotta gleich zu Beginn klar. „Wir machen keine Websites, keine Kampagnen, keine Claims. Wir sind spitz positioniert auf internationale Markennamensentwicklung.“ Diese Klarheit prägt auch den Nachmittag – und den Blick zurück auf ein Projekt, das bis heute nachwirkt.
Ein Anruf aus Frankreich – und ein weißer Raum
Der Ursprung des Namens Twingo liegt Anfang der 1990er-Jahre. Renault meldete sich telefonisch bei Manfred Gotta, es folgte eine Einladung nach Frankreich, ins Designzentrum des Herstellers, zum damaligen Designchef. Der Auftrag war ebenso offen wie anspruchsvoll: ein Name für ein Auto, das bewusst anders sein sollte als alles, was Renault bis dahin gebaut hatte.
Für Gotta war von Beginn an klar, dass der Name nicht am Schreibtisch entstehen konnte. Entscheidend war der unmittelbare Kontakt mit dem Produkt. Im Designzentrum stand der Prototyp des Twingo in einem grell ausgeleuchteten, weißen Raum – isoliert, ohne Ablenkung. Gotta betrachtete das Auto allein, setzte sich hinein, ließ Proportionen, Innenraum und Wirkung auf sich wirken. „Ich wollte das Auto spüren“, beschreibt er diesen Moment. „Ich bin dann in das Auto gestiegen, habe mir ein Auto gerochen.“
Was ihm sofort auffiel, war kein technisches Detail, sondern ein Eindruck: Das Auto wirkte freundlich. „Das Auto lächelt“, war der Gedanke, der sich festsetzte. Für Gotta wurde dieses Lächeln zum zentralen Ankerpunkt der Namensfindung. Nicht als Designbeschreibung, sondern als emotionale Qualität. „In dem Moment, wo sie jemand anlächelt, haben sie Sympathie“, erklärt er. Genau dieses Gefühl sollte später auch der Name auslösen – unabhängig davon, ob man das Auto vor Augen hat oder nicht.
Fantasie statt Bedeutung: Warum Twingo kein Tanz ist
Um kaum einen Autonamen ranken sich so hartnäckige Erklärungsversuche wie um den Twingo. Die verbreitete These, der Name setze sich aus „Twist“, „Swing“ und „Tango“ zusammen, hält sich bis heute. Manfred Gotta widerspricht dem entschieden. „Das stimmt auf keinen Fall“, sagt er. „Twingo ist ein rein erfundener Name.“
Dass solche Mythen entstehen, überrascht ihn nicht. „Journalisten versuchen immer, Namen zu interpretieren“, sagt Gotta mit einem Lächeln. Für ihn greift dieser Ansatz jedoch zu kurz. Ein guter Name müsse nicht erklärbar sein. Er müsse passen. „Niemand hat jemals gesagt, ein Name ist richtig oder falsch. Entweder er gefällt mir oder er gefällt mir nicht.“ Naming sei zu 100 Prozent emotional.

Beim Twingo ging es bewusst darum, einen Begriff zu schaffen, der sich von bestehenden Wörtern abgrenzt, keine konkrete Bedeutung trägt und dem Auto eine eigene Persönlichkeit verleiht. Süß, freudig, sympathisch – Eigenschaften, die sich später auch in der Zielgruppe widerspiegelten. Der Name sollte diese Haltung transportieren, ohne sie erklären zu müssen. Produkt und Name sollten miteinander verschmelzen – im Kopf und im Gefühl der Menschen.
Global denken, früh entscheiden
Was nach Intuition klingt, ist in der Umsetzung hochkomplex. Jeder Name muss international funktionieren – sprachlich, kulturell und rechtlich. Julian Gotta beschreibt den Prozess als klar strukturiert, trotz aller Emotionalität. „Ein Name geht bei uns durch mehrere Filter“, erklärt er. Sprachspezialisten und Linguisten prüfen Aussprache, Betonung und mögliche Bedeutungen in unterschiedlichen Märkten. Ziel ist, dass ein Name unter anderem weltweit möglichst identisch oder zumindest sehr ähnlich ausgesprochen werden kann.
Parallel dazu laufen umfangreiche Recherchen im Marken- und Patentrecht. Der Aufwand ist erheblich – und teuer. Im Gespräch fällt ein konkretes Beispiel: Der Name Evonik habe rund 150.000 Euro gekostet. Für Julian Gotta ist diese Zahl jedoch relativ. „Ein schlechter Name kostet immer mehr“, sagt er. Nicht nur Geld, sondern auch interne Ressourcen, Motivation der Mitarbeiter und Glaubwürdigkeit am Markt.
Der Hersteller als Elternhaus
Ein zentraler Gedanke der Gotta-Philosophie ist das Verhältnis zwischen Marke und Produkt. Der Herstellername sei das „Elternhaus“, der Produktname das „Kind“. Beides müsse zueinander passen. Ein Name dürfe nicht isoliert funktionieren, sondern müsse sich organisch in die Markenwelt einfügen.
Das gilt auch für andere Renault-Namen aus der Feder von Gotta Brands. Bei Mégane gibt Manfred Gotta offen zu, dass er sich an den konkreten Entstehungsmoment nicht mehr erinnert. Entscheidend sei etwas anderes gewesen: der Mut zur Unkonventionalität und das Vertrauen des Kunden in den Prozess.
Besonders emotional spricht Gotta über den Renault Vel Satis. Der Doppelname, klanglich bewusst gewählt und historisch inspiriert, gilt für ihn bis heute als einer seiner besten. „Einer der schönsten und besten Namen“, sagt er. Umso schmerzhafter sei es gewesen, dass das Produkt diese Erwartung später nicht mehr erfüllte. Kostenseitige Einsparungen hätten dazu geführt, dass Name und Realität auseinanderliefen.
Vertrauen, Konsequenz und keine Rabatte
Namensfindung funktioniert für Manfred Gotta nur auf Basis von Vertrauen. Er habe sich nie auf Preisverhandlungen eingelassen, sagt er. Seine Preise standen fest. Wer mit ihm arbeiten wollte, musste den Prozess akzeptieren. Namen würden nicht „an die Wand geworfen“, sondern ganzheitlich präsentiert – eingebettet in Produkt, Marke und Kontext.
Mit Julian Gotta führt heute die nächste Generation das Unternehmen. Die Grundhaltung bleibt, der Fokus erweitert sich. Gotta Brands bleibt klar auf internationale Markennamen spezialisiert, ergänzt das Angebot aber um strategische Markenanalysen. Ziel ist es, Unternehmen ganzheitlicher zu begleiten und Differenzierung auf Branding-Ebene frühzeitig herauszuarbeiten.
Besonders kritisch blickt Julian Gotta auf Start-ups. Zu oft werde der Markenname als Nebenthema behandelt – obwohl er langfristig über Expansion und Wahrnehmung entscheidet. „Man baut Marken, keine Märkchen“, sagt er. Trends seien dabei eher Gefahr als Chance. Ein Name müsse das Potenzial haben, Generationen zu überdauern.
Zurück zur Seele des Twingo
Dass Renault heute mit der vierten Generation des Twingo wieder sichtbar zum Ursprung zurückkehrt, erfüllt Manfred Gotta mit Zufriedenheit. „Ich bin begeistert, dass man sich an die Seele eines Autos erinnert“, sagt er. Das neue Design löse erneut ein Lächeln aus – genau jenes Gefühl, das vor über 30 Jahren Ausgangspunkt für den Namen war.
Für die Gottas ist das der beste Beweis dafür, dass ein guter Name zeitlos sein kann. Wenn er nicht erklärt werden muss. Wenn er nicht von Trends abhängt. Sondern dann, wenn er etwas auslöst – ganz intuitiv.
Disclaimer: Renault hat zum Austausch mit Gotta Brands nach Köln eingeladen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.








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