Die europäische Automobilindustrie steht unter Druck. Steigende Rohstoffpreise, geopolitische Unsicherheiten und ein zunehmend kompetitives Umfeld aus Asien zwingen Automobilhersteller dazu, ihre Strategien neu auszurichten. Gleichzeitig nimmt der regulatorische Druck in der EU weiter zu, während die Nachfrage nach bezahlbaren Elektroautos wächst. Wer in diesem Umfeld bestehen will, muss schneller werden – bei der Produktentwicklung ebenso wie bei der globalen Aufstellung.
Fabrice Cambolive, CEO der Kernmarke Renault, hat mit der neuen Strategie „FuturReady“ eine Antwort darauf formuliert. Im Gespräch mit der Autogazette erläuterte er, wie der französische Automobilhersteller seine internationale Präsenz ausbauen, das Elektro-Portfolio erweitern und die Entwicklungszeiten drastisch verkürzen will. Cambolive verantwortet die strategische Ausrichtung einer Marke, die sich vom europäischen Volumenhersteller zum global aufgestellten Anbieter wandeln soll.
„FuturReady“ baut auf dem bisherigen Strategieplan Renaulution auf. Cambolive beschreibt den Ansatz als Evolution: „Die Herausforderung besteht darin, aus den Erfolgen der vergangenen Jahre das Beste herauszuholen und gleichzeitig unsere Organisation auf die kommenden Veränderungen vorzubereiten.“ Ein zentrales Element dabei ist die stärkere Globalisierung. In Europa will Renault neue Segmente erschließen, gleichzeitig rücken Wachstumsmärkte wie Indien und Brasilien in den Fokus. Länder wie die Türkei und Marokko sollen als Brücke zwischen europäischen und internationalen Modellen mit lokaler Produktion dienen.
Besonders Indien spielt in Cambolives Planung eine tragende Rolle. Der Markt habe sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt und sei inzwischen fast doppelt so groß wie der deutsche. Hinzu kommt die Wettbewerbsfähigkeit des Landes als Produktionsstandort. In den kommenden Jahren rechnet Renault dort mit einem Gesamtmarkt von acht Millionen Autos. Derzeit liegt das Verhältnis zwischen europäischem und internationalem Absatz bei der Kernmarke bei 38 zu 62 Prozent. Bis 2030 soll eine Verteilung von 50 zu 50 erreicht werden.
Steigende Spritpreise treiben Nachfrage nach E-Autos
Die geopolitische Lage, insbesondere der Iran-Krieg und die damit verbundenen steigenden Kraftstoffpreise, beobachtet Cambolive mit Aufmerksamkeit. Gleichzeitig sieht er darin eine Bestätigung für das breite Antriebsportfolio aus Verbrennern, Hybriden und reinen E-Autos. Die Senkung der Verbräuche stehe bei Renault im Fokus. In Frankreich habe sich der Absatz batterieelektrischer Autos in den Tagen nach Beginn des Konflikts im Vergleich zur Zeit davor nahezu verdoppelt. Cambolive führt das nicht allein auf die Spritpreise zurück, sondern auch auf die insgesamt geringeren Betriebskosten eines Elektroautos und das wachsende Angebot im erschwinglichen Segment.
Ein zentrales Element dieser Offensive ist der neue Twingo. Renault positioniert das Modell als Einstieg in die Elektromobilität unterhalb von 20.000 Euro. „Er ist ein Disruptor für die E-Mobilität“, so Cambolive. Die ersten Reaktionen nach Testfahrten fielen positiv aus, und mit rund zwei Millionen Twingos, die heute noch in Europa unterwegs sind, sieht der Renault-Chef zusätzliches Potenzial gegenüber dem R5. Auch Deutschlandchef Florian Kraft rechnet damit, dass der Twingo das meistverkaufte Renault-Modell hierzulande werden könnte.
Beim Blick auf die langfristige Antriebsstrategie zeigt sich Cambolive klar positioniert. Bis 2030 peilt Renault eine Verteilung von 50 zu 50 zwischen reinen Elektroautos und Hybriden an, sämtliche Verbrenner sollen bis dahin hybridisiert sein. Den CO₂-Ausstoß will der Automobilhersteller auf 49,5 Gramm senken, um den regulatorischen Vorgaben zu entsprechen. Für 2035 hält er – im Gegensatz zu Stimmen vor allem aus der deutschen Industrie und Politik – einen Elektroanteil von 90 bis 100 Prozent für realistisch. „Wichtig für mich ist dabei, dass es keinen Weg zurück mehr geben wird: Die Elektromobilität ist die Zukunft“, betonte er gegenüber der Autogazette. Alle aktuellen Investitionen seien auf reine Elektro-Plattformen ausgerichtet.
800 Volt und Entwicklung in unter zwei Jahren
Die Aufweichung des EU-Verbrenner-Aus ab 2035, die unter anderem Plug-in-Hybride und Range-Extender mit einem Anteil von zehn Prozent erlaubt, sieht Cambolive gelassen. Ob 90 oder 100 Prozent Elektroautos neu zugelassen werden, mache für ihn keinen entscheidenden Unterschied. Viel wichtiger sei es, dass bis dahin ausreichend bezahlbare E-Autos verfügbar seien.
Auch technologisch will Renault den Anschluss halten. Auf einer neuen Plattform mit dem Namen RGEV medium 2.0 entwickelt der Automobilhersteller Modelle mit 800-Volt-Technik, größerer Reichweite und verbesserter Software. Das erste Auto auf dieser Basis soll 2028 im C-Segment erscheinen, etwa in der Klasse von Scenic oder Rafale. Die Entwicklungszeit liegt bei unter zwei Jahren – für Cambolive keine Benchmark, sondern eine Notwendigkeit: „Es ist ein Muss, um wettbewerbsfähig auch gegenüber unseren chinesischen Mitbewerbern zu sein.“ Insgesamt plant Renault bis 2036 die Einführung von 36 neuen Modellen, davon 16 rein elektrisch.
Quelle: Autogazette – «Twingo ist ein Disruptor für die Elektromobilität»








Wird geladen...